So können Sie mitmachen!

Das LebensTraum Haus

An der Ecke Perleberger / Lübecker Straße steht das LebensTraum Haus, ein orange gestrichener Neubau, könnte man denken, mit ungewöhnlichen Balkonen zum Spielplatz. In den unterschiedlich großen Wohnungen leben Alleinerziehende mit ihren Kindern oder Familien. Sie verwirklichen die Idee des generationsübergreifenden Wohnens. Sie fühlen sich verantwortlich für den Spielplatz an der Lübecker Straße, dessen Neugestaltung sie angeregt haben. Unten gibt es das kleine Vereinscafé und die Selbsthilfe-, Kontakt- und Beratungsstelle, in der sich täglich unzählige Selbsthilfegruppen treffen. Die Geschichte dieser in baulicher Selbsthilfe wieder aufgebauten Kriegsruine stellen wir hier vor.

Die Geschichte des Hausprojekts begann schon 1990. Eine Initiative Alleinerziehender gegen Wohnungsnot gründete den Verein “LebensTraum e.V.“. In Berlin waren zum damaligen Zeitpunkt ein Drittel aller Familien Einelternfamilien, die auf dem Wohnungsmarkt besonders schwer bezahlbare Wohnungen fanden. Der Traum war ein Haus, in das die Gruppe gemeinsam einziehen wollte, um u. a. die Vereinzelung aufzubrechen, sich gegenseitig zu helfen und Einzelkindern ein geschwisterähnliches Aufwachsen zu ermöglichen. Geld war nicht vorhanden, aber dafür viele Ideen und ein sehr langer Atem der Beteiligten. Das war auch nötig. 1992 wurde dem Verein das landeseigene Grundstück angeboten. Das Eckhaus hatte noch immer einen Kriegsschaden, es standen nur noch zwei Stockwerke. Wie aber die Finanzierung stemmen? Welche Fördermittel könnten eingesetzt werden? Lottomittel waren schon anderweitig reserviert. Eine große Hilfe war die Unterstützung von der Selbstbaugenossenschaft Berlin e.G., die sich 1985 im Zusammenhang mit der Alt-Bau-IBA (Internationale Bauaustellung) gründete und bisher zehn Hausprojekte realisiert hat.

Das noch stehende Gebäude wurde aus Modernisierungs- und Instandsetzungsmitteln „Stadtweite Maßnahmen“ finanziert, die vier Geschosse Aufstockung und der Anbau, der über den Spielplatz ragt, wurden durch „Sozialen Wohnungsbau“ gefördert. Das barg neue Schwierigkeiten, weil die Förderrichtlinien nicht kompatibel ware. Alle Abteilungen des Senats und Bezirks förderten das Projekt, so konnten die Komplikationen überwunden werden. Für jeden modernisierten Quadratmeter waren Eigenleistungen von 25 Stunden notwendig, die sogenannte „Muskelhypothek“. Diese wurden nicht nur von den zukünftigen Bewohnern sondern auch vom Verein als Beschäftigungsträger für soziale Arbeit geleistet. Das heißt die Stunden, die Menschen statt einer Geldstrafe oder als Freigänger ableisteten, wurden angerechnet. Auch die Genossenschaftsanteile von 1.500 Euro konnten teilweise durch Eigenarbeit abgeleistet werden.

Die Bauzeit zog sich in die Länge, von 1997 bis 2001. Zwischenzeitlich dachten viele: „Hier tut sich ja gar nichts mehr!“ Was war das Problem? Wie so oft im Berliner Urstromtal: eine Torflinse! Erst nach Beginn der Bauarbeiten wurde sie entdeckt, das Haus war gekippt, der Niveauunterschied betrug bereits 18 Zentimeter. Es mussten 156 Betonpfeiler 12 Meter tief in den Boden gegossen werden, um das Bauwerk zu stützen. Auch das reichte noch nicht für die Nachgründung.  Im Keller musste an 74 Stellen das Mauerwerk durchbohrt und das Fundament mit Stahlbeton mit den Betonpfeilern untereinander verbunden werden. Das war ziemlich kompliziert. Auch beim Moabogen gab es Probleme mit einer erst spät entdecken Torflinse, die den Bau erheblich verteuerte.

Im LebensTraum Haus konnten ökologische und energiesparende  Maßnahmen realisiert werden. So sind die Fenster besser wärmegedämmt als der Baustandart. Wasserspararmaturen und eine Solarstromanlage von 5 Kilowatt Spitzenleistung tragen dazu bei. Der LebensTraum Verein betreibt eine, für Eltern mit Kindern kostengünstige, Gästewohnung. Ein Drittel der Wohnungen wird von Alleinerziehenden bewohnt, ursprünglich waren zwei Drittel vorgesehen. Im Haus leben zwei Großmütter, die von der Familie unterstützt werden bzw. diese unterstützen. Die Verwirklichung hat sehr lange gedauert. Zum Einweihungsfest 2002 hieß es: „12 Jahre ist es nunmehr her, als sich eine kleines Grüppchen unverbesserlicher Idealistinnen fand, um mal eben ein Haus mit anderen Lebensformen für Alleinerziehende zu errichten …“.

Bewohner/innen gefragt:

Wie lässt sich erklären, dass Ihr Euer Projekt verwirklichen konntet? So viele andere haben das auch versucht und sind gescheitert.

Gotthart Schulte-Tigges: Es brauchte unheimlich viel Energie, Durchhaltevermögen und Fantasie. Ich glaube, wenn ich zu der Zeit nicht Arbeitslosenhilfe bekommen hätte, hätte ich nie so viel Zeit in das Projekt stecken können. Es ist tatsächlich zwei mal passiert, dass der Verein sich, nachdem ich für einige Zeit weg war, beinahe aufgelöst hätte. Aber wir hatten ungeheuer viel Unterstützung von den Behörden und allen anderen Beteiligten. Die Architekten haben Vorleistungen in Höhe von 160.000 DM gebracht und konnten nicht hundertprozentig sicher sein, ob das Projekt gelingt. Ich bin sehr froh, dass ich noch 9 Jahre mit meiner Mutter im Haus in familiärer Umgebung und Kontakt zu vielen Kindern zusammenleben konnte. Sie hat mit 94 Anfang dieses Jahres die Schwelle zur geistigen Welt überschritten.

Haben sich Eure Träume vom Zusammenleben verwirklicht?

Kerstin Jahnke: Weil es so lange gedauert hat, sind viele aus der ursprünglichen Gruppe abgesprungen. Beim Einzug war mein Sohn schon 12 Jahre alt und hatte einen Bruder bekommen. Wir haben es geschafft die Lebens- und Wohnverhältnisse für uns und unsere Kinder sehr zu verbesssern.

Michaela Mielich: Ja für mich haben sich meine Träume definitiv verwirklicht, meine Tochter war beim Einzug im Oktober 2001 zwar auch schon 11 Jahre und lebt inzwischen in ihrer eigenen Wohnung, aber ich habe hier für mich mit unserer Hausgemeinschaft ein Lebensumfeld, in dem ich mich sehr wohl fühle und in dem ich mir auch vorstellen kann, alt zu werden. So in Richtung Senioren-WG oder Ähnliches.

Informationen und Fotos: Verein LebensTraum, Gotthard Schulte-Tigges

Zuerst erschienen in der LiesSte, Zeitung für den Stephankiez, Nr. 19, Juli 2011

Schreibe einen Kommentar

Beachte bitte die Netiquette!