Jouanna Hassoun. Engagiert für Integration

jouanna_preis-250Jouanna Hassoum ist eine junge Frau von bald 22 Jahren (Anm: das war 2005!). Kennengelernt haben wir sie im Mädchen-Kultur-Treff Dünja in der Jagowstraße. »Hier sagen alle, ich gehöre schon zum Inventar!«, berichtet Jouanna lachend. Wie das kommt? Die Oberschule, in die sie ging, die Ulrike von Levetzow Oberschule, gibt es schon gar nicht mehr. Dort hatte sie sich in der 7. Klasse an einem Mädchengesprächskreis beteiligt, bei dem die Idee für einen interkulturellen Mädchentreffpunkt geboren wurde. Briefe und Besuche bei der damaligen Jugendstadträtin Elisa Rodé (Grüne) führten zur Gründung des Projekts etwa ein Jahr später. Die anderen am Gesprächskreis beteiligten Mädchen hatten leider nichts mehr davon, sie gingen schon in die 10. Klasse. Aber Jouanna ist dabeigeblieben, schon sieben Jahre, als eine der Mitbegründerinnen. Für die Jüngeren ist sie heute ein Vorbild.

1989, zehn Tage bevor in Berlin die Mauer fiel, kam die sechsjährige Jouanna mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder als palästinensische Flüchtlinge nach Berlin. Ihr Haus in Sur, im Libanon, war während des Bürgerkriegs schon mehre Male abgebrannt worden. An das Leben dort erinnert sie sich nur noch bruchstückhaft, an Panzer und Soldaten oder dass sie immer nur für ein paar Tage zur Schule gehen konnte, denn oft war die Straße abgesperrt. Zwei Jahre später konnte auch der Vater mit den anderen fünf Geschwistern nachkommen. Seit 11 Jahren lebt die Familie in Moabit.

Als vor zwei Jahren der Onkel starb, besuchte sie mit ihrem Vater zum ersten Mal ihre alte Heimat und brauchte eine Weile, sich an das Leben im Libanon zu gewöhnen. »Die Zeit wollte einfach nicht vergehen, aber nach einer Woche war es prima. Mein Vater hat sich viel mehr fremd gefühlt, obwohl er doch 43 Jahre im Libanon gelebt hatte,« berichtet Jouanna. Für die Leute dort im Libanon war sie zu europäisch und hier in Deutschland hat sie schon einige rassistische Angriffe und Beschimpfungen erlebt. »Warum bist Du nicht im KZ verreckt!«, schrie ein alter Mann auf der Straße an. Der Schock machte sie sprachlos. Solche Erlebnisse haben ihr großes Engagement in Gesellschaft und Politik nur verstärkt. Neben ihrer Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation ist sie aktiv in der AG für Kinder- und Jugendbeteiligung der Stiftung SPI-Drehscheibe. Sie arbeitet im LOS Begleitausschuss für Moabit West mit, macht in diesem Rahmen eine Ausbildung für Sozialmanagement und moderiert die Jugendforen im Bezirk Mitte.

»Ich war schon immer eine Rebellin, aber leicht ist es mir nicht gefallen meinen Weg zu finden. Mit 14 hatte ich eine Identitätskrise,« erzählt Jouanna. Die Anforderungen, die die arabische Gesellschaft und die die deutsche Gesellschaft stellen, sind sehr verschieden. Sie versucht das Beste aus beiden Kulturen zu vereinen.  Das Ausländergesetz erschwert das Leben sehr. Zum Glück bekam sie durch die Altfallregelung in der 10. Klasse die Aufenthaltsbefugnis. Doch musste sie sich vorher entscheiden, ob sie das Abitur machen will oder eine Ausbildung aufnehmen. Sie möchte sich einbürgern lassen, doch gibt es dabei noch bürokratische Hindernisse zu überwinden, obwohl sie schon lange für ihren Lebensunterhalt selbst sorgt.

Jouanna Hassouns Wunsch für das Zusammenleben in Moabit: “Die vielen neuen arabischen Läden gefallen mir gut, aber die Menschen sollten nicht so abgekapselt nebeneinander her leben, sondern sich mehr füreinander interessieren. Es gibt so viele Jugendliche, die eigentlich ganz fit sind, aber trotzdem in der Schule scheitern. Aufklärung ist bei allen nötig: in der Schule, im Jugendamt und bei den Eltern, damit Integration gelingen kann. Ich finde es besonders wichtig, dass die Mädchen gefördert werden, denn auch hier in unserem Stadtteil werden Mädchen zwangsverheiratet und sind verzweifelt.”

Text erschienen in “stadt.plan.moabit”, Nr. 29, Mai 2005 – Foto von Jürgen Schwenzel bei der Preisverleihung

2006 erhielt Jouanna Hassoun den Klara-Franke-Preis des Verbunds für Nachbarschaft und Selbsthilfe Moabit. Sie arbeitet weiterhin als Kulturvermittlerin nicht nur bei Dünja.

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