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Tage der Kettensäge

kastanie1-250Vor zwei Wochen, als der Winter sich nocheinmal aufbäumte und mit Schnee und Sonne selbst Großstadtstraßen verzauberte, schien die Welt in der Lehrter Straße noch in Ordnung. Doch schon eine Woche später wurden auf dem Grundstück Lehrter Straße 12-15, auf dem das A&O Hostel gebaut werden soll, die jüngeren Bäume gefällt. Man konnte schon schlimmeres ahnen.

Die letzten Februartage können als Tage der Kettensäge gelten, denn ab dem 1. März sind Baumfällungen nur noch bei Bruchgefahr erlaubt – die Brutsaison beginnt und die Vögel dürfen nicht gestört werden. Deshalb hatten die Kettensägen nicht nur hier noch mal ordentlich zu tun. Traurig war es zu sehen, wie in der näheren Umgebung einige mehr als 100jährige Bäume Stück für Stück gefallen sind und auch um die nicht ganz so alten Bäume ist es schade. Man mag lieber stumm daneben stehen, statt zu berichten. So pathetische Satzfetzen wie „Mensch, Dein Bruder Baum ist tot…“ schießen mir durch den Kopft. Diesen Stil will ich aber gar nicht. So müssen andere schreiben.

Selbst die Arbeiter der Baumpflegefirma, die den Auftrag für die Rodung des Grundstücks Lehrter Straße 12-15 ausführten, waren traurig, dass sie die alte Kastanie fällen mussten. Warum können Architketen nicht erst die Grundstücke anschauen, alte Bäume einmessen in die Karten und dann erst anfangen zu planen? Dann könnten sie Rücksicht nehmen und so bauen, dass möglichst wenig von dem vorhandenen Grün zerstört wird. Eine Birke stand direkt auf der Grundstücksgrenze. Ihre jahreszeitliche Veränderung hatte die Nachbarn beim Blick aus dem Fenster über Jahre erfreut. An dieser Stelle ist gar kein Gebäude geplant. Trotzdem wurde sie jetzt gefällt. Warum?

Nicht nur in der Lehrter Straße, auch direkt um die Ecke in der Seydlitzstraße wurden einige sehr alte Bäume gefällt, was auch hier die Arbeiter bedauerten. Wie bereits berichtet,  entstehen Reihenhäuser und ein neuer Eingang zum Poststadion.

In der gleichen Woche fielen im Tiergarten rund um den Goldfischteich 35 große Bäume, meist Pappeln, der Kettensäge zum Opfer. Der Grund ist die denkmalgerechte Wiederherstellung des barocken Venusbasins, gegen die Naturschützer und nicht zuletzt der frühere technische Leiter des Gartenbauamtes, Christoph Schaaf, vergeblich gekämpft hatten.

Aber auch beim Sellerpark, wo bereits im letzten Frühjahr und im Herbst gefällt wurde,  sind dieser Tage am Weg hinter den Sportplätzen und dem Erika-Hess-Eisstadion wieder ganz alte dicke Bäume gefallen. Warum das wissen wir nicht. Und der bereits abgestorbene Paech-Brot-Baum, der im vergangenen Jahr bei einer von der Polizei abgebrochenen Kunstaktion, zum Schuhbaum wurde, ist abgeräumt. Die Fotostrecke unten dokumentiert die Abholzungen in der Lehrter Straße ( Fotos 1 bis 5), in der Seydlitzstraße, im Großen Tiergarten, hinter dem Erika-Hess-Eisstadion und bei Paech-Brot (jeweils 1 Foto in dieser Reihenfolge).

Auch weiter weg in der ganzen Stadt sind regelmäßig Baummassaker in den letzten Februartagen zu verzeichnen, wie z. B. auf der Webseite der Anliegerinitiative Marthas Hof in Prenzlauer Berg für 2008 dokumentiert.

2 Kommentare auf "Tage der Kettensäge"

  1. 1
    Raoul says:

    Sicher ist es traurig, wenn alte Bäume gefällt werden, sie haben ja oft eine eigene Aura. Warum man aber auch bei jungen Bäumen teilweise so ein Drama daraus macht, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Begriffe wie Baummassaker finde ich außerdem nicht ganz getroffen. Ein Massaker beschreibt normalerweise den Massenmord an Menschen, es ist eine Verharmlosung, wenn der Begriff zu beliebig verwendet wird. Sonst lesen wir demnächst noch vom Baumholocaust.

  2. 2

    Raouls Einwurf, („Ein Massaker beschreibt normalerweise den Massenmord an Menschen“) scheint mir ein sehr statischer Sprachbegriff zu Grunde zu liegen: genau in der Komposition dessen was zunächst nicht zusammenpasst liegt doch der sprachliche Stolperstein! Erinnern wir uns doch alle an den veganen Kampfruf TIERMORD! oder die pazifistische Frage, die ja sogar die Gerichte bemühte „sind Soldaten Mörder?“. würde sich ein normativer Sprachbegriff den viele selbsternannten Sprachpuristen pflegen, durchsetzen, wäre die Sprachentwickelung [!] am Ende. (wäre das dann eine Sprach-Shoah?). Wenn uns von AIM gelungen ist klar zu machen dass uns Stofanels Kettensägenaktion vor einem Jahr zu tiefst entsetzt hat, haben wir die richtige Wortwahl getroffen. Wenn ich nun ans Fenster trete und auf die verwüstete Landschaft des Marthashofs blicke , fehlen mir allerdings die Worte.

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