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Der Erfinder der Moabiter Kissen

Erkundigungen über Johann Anton Schilcher

Als Leiter des Tiefbauamtes Tiergarten hat er die Moabiter Kissen „erfunden“, als leitender Baudirektor des Bezirks immerhin so ein Großprojekt wie die Bebauung des Potsdamer Platzes von der Verwaltungsseite aus bewältigt. Und die kniffligen Fragen gelöst, die das schillernde Kunstprojekt Reichstagsverhüllung aufgeworfen hat. Vor wenigen Wochen ist Johann Anton Schilcher im Alter von 59 Jahren gestorben. Seine ehemaligen Mitarbeiter reden mit Hochachtung und Zuneigung von ihm. Sehr kompetent sei er gewesen, wenn die Arbeit gut lief, habe er den Mitarbeitern viel Spielraum gegeben, sehr gut zuhören habe er können, so Heike Güling. Als angenehmen menschlichen Partner, als einen kommunizierenden Moderator, der die Blockaden in der Verwaltung aufgelöst habe, hat Stefan Lange ihn erlebt, warmherzig, höflich und zielgerichtet. Und alle waren von seiner fachlichen Kompetenz überzeugt.

Der Wirt an der Ecke Bredowstraße/Wiclefstraße hat ein paar Stühle rausgestellt. Wir sitzen mit dem ehemaligen Baustadtrat Horst Porath in der Sonne und reden über Johann Anton Schilcher. Dass wir das mitten in der Stadt in verhältnismäßiger Ruhe und angenehmer Atmosphäre tun können, verdanken wir dem, über den wir reden. Zwischen Stromstraße und Beusselstraße liegt das größte verkehrsberuhigte Wohngebiet im Innenstadtbereich. Das ist die Geschichte der Moabiter Kissen.

Als 1979 in Berlin ein Bezirk gesucht wurde, der sich an einem Bundesforschungsprogramm zur flächenhaften Verkehrsberuhigung beteiligt, hat Schilcher sofort die Chance erkannt, auf diesem Wege Wohngebiete entscheidend zu verbessern und alles daran gesetzt, das Projekt nach Moabit zu holen.

kissen-250Moabiter Kissen, das sind die Erhöhungen der Fahrbahn, die man nur im Schritttempo überfahren kann. Wer es schneller versucht, wird sich wundern und es wahrscheinlich nie wieder tun. Heute, zwanzig Jahre später, hat es wohl auch der letzte begriffen und fährt ruhig durch die Wohnstraßen. Im allerwahrsten Sinne des Wortes „erfunden“ hat Schilcher diese Hindernisse für Raser vermutlich nicht. Aber unter seiner Regie wurde ein Konzept entwickelt, wie eine Straße angelegt sein muss, damit sich der Verkehr auf die Anwohner einstellt und nicht umgekehrt. Zu diesem Konzept gehörte auch die Verengung der Straßeneinmündungen und die Bepflanzung mit neuen Bäumen und Sträuchern.

Das dann aber gegen eine konservative Senatsverwaltung und die Verkehrslobby auch durchzusetzen, sei besonders schwierig gewesen, erinnert sich Helmut Rösener vom Quartiersmanagement Moabit West. Schilcher hat es durchgesetzt.

Alle Fachrichtungen an einen Tisch

„Die Bürger sind die besten Experten“, ist ein Satz von Schilcher, der oft zitiert wird. Er wollte die Bürger an den Entscheidungen beteiligen. „Dabei ist er mir das erste Mal positiv aufgefallen, wie er in die Versammlungen mit den Bürgern reingegangen ist, wie er die ganze Sache verantwortlich betrieben hat“, sagt Porath, der damals Bezirksverordneter in Tiergarten war. Später als Baustadtrat hat er ihn dann zum leitenden Baudirektor gemacht. „Schilcher war einer, der über den eigenen Tellerrand hinaus gucken konnte, und der auch die Schnittstellen der verschiedenen Fachrichtungen erkannte.“

Das ist auch eine der Fähigkeiten, die seine ehemaligen Mitarbeiter im Amt an ihm geschätzt haben. Seine hohe fachliche Qualifikation einerseits, und seine Bereitschaft zur Teamarbeit andererseits. Er wollte den interdisziplinären Austausch, er wollte, dass alle beteiligten Fachrichtungen zielgerichtet zusammenarbeiten, dass Stellungnahmen der juristischen Abteilung, der Stadtplanung, des Denkmalschutzes, des Umwelt- und Naturschutzes und so weiter nicht erst den langen Weg durch die Korridore nehmen müssen, sondern dass alle gleich an einem Tisch sitzen.

„Er hat sich in hohem Maße als jemand begriffen, der mitgestalten will“, sagt Porath, „aber er war auch einer der wenigen Verwaltungsmenschen, der genau gewusst hat, wer welche Rolle in der Demokratie spielt. Wenn etwas politische Priorität hatte, hat Schilcher das genau so akzeptiert, wie ich es akzeptiert habe, wenn er fachlich überzeugend war. Er war wohl ein sehr politischer leitender Baudirektor, wie es ihn in Berlin sonst nicht gegeben hat.“

Michael Klinnert vom Stadtteilverein Tiergarten Süd sagt: „Er hat den Bürgern signalisiert, dass ihre Meinungen wichtig sind, er hat zugehört und die Bürgerbeteiligung ernst genommen.“ Jürgen Schwenzel vom Moabiter Ratschlag und der Bürgerinitiative Turmstraße widerspricht dem nicht, sagt aber auch „Er hat die Veranstaltungen so abgehalten, dass er sich durchsetzen konnte.“ Und dass es ein Fehler gewesen sei, die Radwege über die Bürgersteige zu führen, habe er nie eingesehen.

Mit der Bezirksfusion 2001 wurde seine Stelle abgeschafft. Da war er 56 Jahre alt und hatte seine Talente und Fähigkeiten schon angereichert mit viel Erfahrung. Doch die wollte der Bezirk nun nicht mehr nutzen.

Heute kommen aus anderen Städten noch immer Besuchergruppen nach Berlin, weil sie gemerkt haben, dass der zunehmende Verkehr auch zunehmend die Wohnqualität der Innenstädte zerstört, und weil sie in Moabit besichtigen wollen, wie man erfolgreich großflächig ein ganzes Wohngebiet verkehrsberuhigt.

Text von Burkhard Meise, zuerst erschienen in „stadt.plan.moabit“, Nr. 21, Juli/August 2004

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