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Waldenserstraße 32 – 33

Werden diese beiden Häuser das nächste „Gentrifizierungs“-Projekt in Moabit?

Bereits im Sommer 2011 hatten Mieter der Waldenserstraße 32-33 zufällig von einem bekannten Architekten erfahren, dass ihr Haus (mal wieder!) verkauft worden sei und saniert werden soll. Zu diesem Zeitpunkt standen besonders in der Nr. 33 schon viele Wohnungen leer. Von den insgesamt ca. 100 Wohnungen in beiden Häusern waren nur noch etwa 30 bewohnt. Wie sich später herausstellte, gab es in den Vorderhäusern einige leerstehende Wohnungen, die sogar sehr gut erhalten waren und über neue Bäder verfügten. Vermietet wurden sie nicht. Vernünftige nachvollziehbare Modernisierungsankündigungen haben die Mieter lange Zeit nicht erhalten.

Stattdessen fanden sie Zettel in den Briefkästen wie „Bitte bei mir anrufen! Gsaba Pintér“ oder später „Bitte die Miete jetzt auf folgendes Konto überweisen …!“ Schließlich auch eine Modernisierungsvereinbarung, in der rein gar nichts ausgefüllt war, weder Namen und Adressen, noch anstehende Arbeiten oder zukünftige Mieten, einfach leer und blanko, sogenannte „Suizid-Verträge“. Das konnte man alles noch ignorieren oder bei der alten Hausverwaltung anfragen, ob man die Miete tatsächlich auf ein neues Konto überweisen  solle.

Schließlich wurde mit Bauarbeiten begonnen. Die Tür zu den Hinterhäusern stand ständig offen. Es gab Einbrüche und Leute, die nachts durchs Haus schlichen. Nach vielen Beschwerden wird die Tür jetzt von den Bauarbeitern abends mit einem großen Balken verschlossen und die Mieter bekamen Schlüssel zum Vorderhaus-Eingang. Aber eigentlich sollten sie ja ausziehen. 5.000 Euro wurden dafür geboten. Das reicht natürlich nicht lange, wenn ein Umzug und eine höhere Miete davon bezahlt werden soll. Eine Räumungsklage folgte, wegen angeblichem Mietrückstand. Auch hier geht es um Mietminderung wegen Mängeln. Der Hof wurde aufgebuddelt, aus den Fenstern leerer Wohnungen flog der Schutt hinaus. Lärm und Dreck überall. Geputzt wird das Treppenhaus auch nicht mehr. Keine schriftlichen Mitteilungen über anstehende Arbeiten, Bauzeiten usw., dafür Anrufe und der Wunsch, sich mit Mietern „doch unter vier Augen zu treffen“.

Ein Mieter, der seinen Arbeitsplatz zu Hause hat und bei dem Lärm nicht arbeiten kann, sollte ins Vorderhaus umziehen, womit er sehr einverstanden war. Aber komischerweise haben Bauarbeiter gerade in dieser Wohnung nach der Besichtigung und Einigung aus Versehen die Decken aufgerissen. Eine zweite Vorderhauswohnung wurde gefunden, der Umzug sollte auf dem Stockwerk durch leere Wohnungen erfolgen, doch auch hier waren plötzlich Löcher in den Decken, sodass nur noch kleine Kisten aber keine schweren Möbel mehr auf dem einfachen Weg transportiert werden konnten. Die Wände waren schon gestrichen, da lief plötzlich Wasser durch die Decke. Zum Glück hat es der Nachbar darunter bemerkt, ein paar Stunden später wären alle Wohnungen an diesem Strang unbewohnbar gewesen.

Ein anderer Mieter hat wegen dem ganzen Chaos den Abstellhahn für das Wasser zu seinem Badezimmer mit einem Zettel beschriftet, weil er sich ungewöhnlicher weise in der Erdgeschosswohnung und nicht im Keller befindet. Seitdem stand er schon zweimal unter der Dusche und das Wasser war abgestellt. „Aus Versehen!“ Ziemlich viele merkwürdige Zufälle, wie man sie auch aus anderen Sanierungsobjekten schon gehört hat. Ungesicherte Löcher in den Höfen bewogen Mieter dem Bau- und Wohnungsaufsichtsamt des Bezirks wegen der Gefahren zu schreiben, doch auch vier Wochen später haben sie noch keine Antwort bekommen.

Vor etwa vier Wochen hat eine Mieterversammlung stattgefunden. Die ASUM ist jetzt mit der Mieterberatung und dem Sozialplanverfahren beauftragt. Schließlich liegt das Haus in neuen Sanierungsgebiet rund um die Turmstraße. Bei der Versammlung wurde dann endlich auch über die Sanierungs- und Modernisierungspläne informiert: u.a. Balkonanbau auf der Hofseite, Fernwärme statt der selbst eingebauten Gasetagenheizungen und Grundrissänderungen. Pintér behauptete, das wüssten die Mieter doch alles schon längst, was Widerspruch hervorrief. Auf der Versammlung wurde über Höhe und Laufzeit für die Mietminderung verhandelt.

Es scheint, als ob einige Wohnungen auch schon in unsaniertem Zustand verkauft worden sind. Kürzlich meldete das Online-Portal „neubaudirekt.de„, dass der Komplex in der Waldenserstraße für über 4 Millionen Euro erworben wurde und etwa 100 Eigentumswohnungen neu entstehen sollen, auch der Ausbau der Dachgeschosse ist geplant. Geworben wird mit den Abschreibungsmöglichkeiten im Sanierungsgebiet. So richtig passt der Werbetrailer auf der Webseite von Dr. H. Huber und Partner nicht zum Vorgehen derselben Firma, wie es die Mieter in der Waldenserstraße tagtäglich beobachten. Das wirkt doch alles längst nicht so professionell und vor allem nicht so denkmalschutzorientiert.

Gegenüber MoabitOnline wollte Pintér keine Stellungnahme abgeben. Wer mag, kann jetzt auch noch ein kurzes Interview mit Prof. Hämer ansehen, in dem er über die Sanierungspraxis einer ungenannten Wohnungsbaugesellschaft berichtet. Er starb in diesem Jahr, 90 Jahre alt (Nachruf im Mietermagazin).

Nachtrag:
Weitere Informationen aus dem Netz finden sich bei Bauwert.de mit Foto und Luftbild. Der Erwerber ist ja oben schon erwähnt, die Bauträgergesellschaft Dr. H. Huber und Partner, Verkäufer: SIAG Berlin über die RHE Grundbesitz, Kaufpreis:  “über” 4 Mio. €, Bestandsfläche: 6.000 m², Kaufpreis: 667 €/m² Bestandsfläche, Quelle: Der Immobilienbrief vom 15.07.11
Wenn man nach der SIAG Berlin sucht findet man eine  SIAG Berlin Wohnimmobilien GmbH, mit der gleichen Wiener Adresse (Friedrichstr. 10) wie die SIMMO AG. Aber das ist ja Schnee von gestern. Das Haus wurde innerhalb von sechs Jahren vier mal verkauft schreibt H. Mansfeld in ihrem Kommentar.
Auf der Webseite der RHE Grundbesitz kann man unter Referenzen (auf der Karte – die Karte gibt es nicht mehr! 13.2.14) einige Moabiter Häuser finden, die beim Verkauf durch „ihre Hände“ gegangen sind. Es ist durchaus auch interessant die Pressemitteilungen zu lesen, hier wird auch der Verkauf des Hauses Alt-Moabit 89/90 an die EB Group erwähnt. Da ist unter anderem das Hotel Tiergarten drin.

Nachtrag 2014:
Kurzer Bericht über einige Aspekte des Sozialplanverfahrens.

Nachtrag 2015:
Beim Kiezspaziergang am 16. Mai wurde bekannt, dass die Wohnungen für 10 Euro netto-kalt vermietet werden, z.B. kostet eine 3-Zi-Whg mit 104 qm warm 1.323 Euro oder eine 3-Zi-Whg. im EG mit knapp 89 qm warm 1.040 Euro (links Immoscout s. Kommentar Nr. 11).

11 Kommentare auf "Waldenserstraße 32 – 33"

  1. 1
    Thomas Koch says:

    http://www.berliner-mieterverein.de/immowatch/index.htm

    Der Berliner Mieterverein hat seine Aktion Immowatch gestartet. Bitte beteiligt Euch an der Wohnungsmarktbeobachtung und teilt den Link.

  2. 2
    skawi says:

    Also Leute, mal ehrlich. Wenn man die Bilder so sieht, schnappt euch die „immerhin“ 5000 Euronen und dann ab durch die Mitte.

  3. 3
    Rané says:

    Von Spekulanten billige Almosen annehmen ist wohl Arschkriecherei !

  4. 4
    Apotheker says:

    Dazu passend:
    Die hohe Kunst der Arschkriecherei
    Eine geschmeidige Einführung
    Von Rolf Cantzen
    Regie: Rita Höhne
    DLF 2012

    Der Aufklärer Adolph Freiherr von Knigge empfahl sie – „eine gewisse Geschmeidigkeit, Geselligkeit, Nachgiebigkeit, Duldung, zu rechter Zeit Verleugnung“. Tatsächlich ist es keinesfalls anstößig, sich freundlich anzupassen, kompromissbereit, kooperations- und kritikfähig zu sein und sich aufmerksam und gefällig zu verhalten. Ein solches Sozialverhalten beobachten und analysieren Soziologen. Evolutionsbiologen ergründen die naturgeschichtlichen Dispositionen dieses überlebensnotwendigen Anpassungsverhaltens. Psychologen analysieren die seelisch-emotionalen Aspekte der willigen Integration ins Bestehende. Theologen wissen, welche spirituelle Kraft in der Demut und Hingabe liegen kann. Zu vermeiden sind allerdings allzu offensichtliche Heuchelei, uneleganter Opportunismus und schleimige Unterwürfigkeit. Einem geübten Arschkriecher geht ein solches Verhalten unversehens in Fleisch und Blut über.

    Die hohe Kunst der Arschkriecherei

    Nachzuhören bei http://www.dradio.de Sendung vom 15.7.12 20 Uhr 05

  5. 5
    skawi says:

    Na dann werden die Leute eben irgendwann ohne Almosen ausziehen müssen. Es sei denn, sie ketten sich an ein altes Wasserrohr und warten, bis die Bauarbeiter sich ausgelacht haben und den Bolzenschneider holen.

  6. 6
    Susanne says:

    Weitere Informationen zur Waldenser Straße 32-33 finden sich in diesem Kommentar von H. Mansfeld:
    http://www.moabitonline.de/6397/comment-page-4#comment-13221

  7. 7
    Icke says:

    In der Oldenburger um die Ecke gehts weiter, uns flatterten Briefe einer Entmietungsfirma ins Haus, wenn man nach „Pro Soluta“ googelt, bekommt man ein ganz gutes Bild, was uns hier blühen wird.

  8. 8
    moabiter says:

    Ich glaube wir müssten uns angewöhnen regelmäßig die Immobilien-Zeitung lesen, denn diese berichtete schon am 30.6.2011 (!) folgendes:
    „In der Waldenser Straße 32-33, in Berlin-Moabit, hat die Bauträgergesellschaft Dr. H. Huber und Partner ein klassisches Altbauensemble mit über 6.000 m² Bestandsfläche erworben. Verkäufer der sanierungsbedürftigen Immobilien war die SIAG Berlin, mit Sitz in Wien. RHE Grundbesitz, Berlin, vermittelte die Gebäude. Der neue Eigentümer will die für über 4 Mio. Euro erworbenen Mietshäuser instand setzen, die Dachgeschosse ausbauen und bis zu 100 Eigentumswohnungen in den Gebäuden schaffen. Da die Waldenser Straße zum kürzlich ausgewiesenen Sanierungsgebiet Turmstraße gehört, winken Kapitalanlegern beim Erwerb der Bestandwohnungen erhöhte steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten nach § 7 h EStG. Über 12 Mio. Euro sollen insgesamt in das Projekt fließen.“

    Das ist noch zu finden auf der Webseite der Vermittler des Geschäfts:
    http://www.rhe-grundbesitz.com/de/pressemitteilungen.html

  9. 9
    blazey says:

    @skawi

    haben sie angst, dass ihr plan nicht ganz so planvoll aufgeht?
    wohl nicht genug rücklagen gebildet, was?

    ———

    da hilft nur: beharrlichkeit, bürgebeteiligung, und immer wieder aufmerksamkeit. es ist schön zu sehen, wie sich die aufmekrsamkeit der bürger entwickelt.

    das ist unser land.

  10. 10
    er says:

    kenne das Haus seit mehr als 30 Jahren! Bis 2005 war Alexander Kikillus der Ansprechpartner, dann wurde es verkauft, Hausverwaltung BPM, die wollten moderniesieren, aber 2 Jahre ist nix passiert, schließlich SIAG (österreichische Sparkasse), steht ja oben schon din, dann Pinter.
    Schon bei Kikillus standen Wohnungen leer, man dachte die seien schlecht, stimmte aber nicht immer, viele wollten nicht mehr mit Ofenheizung wohnen, einige haben sich Gasetagenheizungen selber eingebaut. Mal sehen, wie es weiter geht.

  11. 11

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