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Ein Ort zum Ankommen

Seit 2003 befindet sich die Stiftung „Überleben“ im Gesundheits- und Sozialzentrum Moabit (GSZM). Unter dem Stiftungs-Dachverband kooperieren national und international tätige Institutionen, die Opfern von Gewalt, Flüchtlingen und Migranten den Weg in eine menschenwürdige Zukunft ebnen. Auf dem großen GSZM-Hoffest am 31.8. machte die Stiftung mit einem Infostand und der Vorführung des Dokumentarfilms „Kosovo in 8 Days“ auf sich aufmerksam.

„Die Idee für den Film ist aus der Beobachtung entstanden, dass sich die porträtierten Jugendlichen einerseits stark mit der Heimat ihrer Eltern identifizieren und andererseits  geringe Kenntnisse über das Land besitzen. Dieses Ungleichgewicht wollten wir aufbrechen, indem wir mit den Jugendlichen eine neue Sicht auf ihr Herkunftsland erarbeiten“,  resümiert Boris Friele den Ausgangspunkt für das Kulturprojekt. Mit seiner Kollegin Mervete Bobaj arbeitet er seit Jahren mit Jugendlichen im „Zentrum für Flüchtlingshilfen und Migrationsdienste“ (zfm).  Das zfm ist eine von mehreren Einrichtungen, die unter dem Dachverband der Stiftung „Überleben“ tätig ist.

Gemeinsam mit sieben jungen Berlinern, deren Eltern aus dem Kosovo stammen, wurde der Film produziert. Im Vorfeld trafen sich die Jugendlichen einmal die Woche in Trainingskursen. Sie lernten, mit der Kamera umzugehen, erhielten Einführungen in Ton und Schnitt.  Anita Demolli hat selbst bei dem Film mitgemacht: „Ich fahre mit meinen Eltern immer zu den Sommerferien in den Kosovo. Dann ist man vor allem zu Besuch bei den Verwandten. Von den Sehenswürdigkeiten kriegt man eigentlich wenig mit. Wir kannten das Land, aber wir kannten es auch nicht. Den Kosovo kennen zu lernen, war, als würdest du in ein völlig fremdes Land reisen.“

Boris Friele geht es auch um die Reflexion über das Medium Film: „Man kann in ein Land fahren und sich einfach nur die Sehenswürdigkeiten anschauen. Oder aber man fährt dahin mit der Absicht, nicht nur die Dinge zu sehen, sondern sie auch mit der Kamera festzuhalten. Jeder Mensch, der das macht, hat sofort einen anderen Blick.“

Der Film umkreist vor allem das Thema der kulturellen Identität. Die oft schmerzhafte Erfahrung von Migranten in zweiter Generation bringt ein Jugendlicher auf den Punkt: „Im Kosovo bin ich ein Ausländer – und in Deutschland bin ich auch ein Ausländer.“ Die Erfahrung, nirgendwo wirklich dazuzugehören, wollen die Mitarbeiter des zfm aufbrechen. In einer Atmosphäre des Willkommenseins unterstützen sie die Menschen dabei, ihre unterschiedlichen kulturellen Bezüge zu erkennen und sie als Bereicherung zu begreifen.

Seit 2005 bietet das zfm Männern, Frauen und Jugendlichen umfassende Hilfe, von der psychologischen und psychosozialen Beratung über die berufliche Qualifizierung bis hin zur Vermittlung in Ausbildung und Arbeit. Zu den vielfältigen Angeboten gehören auch umfangreiche Integrations- und Sprachkurse. Lucie Vieth, die Fachbereichskoordinatorin für die Sprach- und Integrationskurses: “Die Leute kommen eben nicht nur zum Deutsch lernen zu uns. Sie haben die Möglichkeit, sich auch durch andere Angebote weiter zu qualifizieren, und werden von unserem Team umfangreich beraten und unterstützt. Im schönsten Fall können wir die Menschen über einen längeren Zeitraum begleiten und Ihnen eine Zukunftsperspektive anbieten.“

Die Integrationskurse werden von Menschen besucht, die einen „geregelten Aufenthaltsstatus“ haben. Menschen, die sich im Asylverfahren befinden oder nur einen Duldungsstatus haben, sind von diesen Kursen ausgeschlossen. Für sie bietet das zfm kostenfreie Kurse an, die zweimal pro Woche stattfinden. Doch die Nachfrage ist größer als die zur Verfügung stehenden Kursangebote. „Gerade bei den freien Deutschkursen sehen wir einen erheblichen Mehrbedarf, den wir nicht vollständig abdecken können“, bedauert Lucie Vieth.

Die Arbeit sei sehr spannend, aber auch anspruchsvoll, sagt die Pädagogin: “Es sind sehr unterschiedlich zusammengesetzte Kurse, die viel vom Dozenten abverlangen. Da sitzen pro Kurs 10 bis 15 Leute aus etwa zehn verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Bildungshintergründen. Der Akademiker sitzt dann vielleicht neben jemandem, der nur vier oder fünf Jahre zur Schule gegangen ist. Man muss jeden Teilnehmer eigenständig sehen. Wo gibt es Defizite und Bedürfnisse, wo können wir fördern? Vor allem geht es darum, ihnen ein sprachliches Werkzeug in die Hand zu geben. Man kriegt oft mit, dass die Menschen schlimme Ängste haben, wenn sie Termine bei Behörden haben. Sie müssen lernen, um Hilfe zu bitten – oder auch manchmal die Stimme zu erheben, wenn sie auf Unfreundlichkeit stoßen. Das muss man richtig üben!“

www.ueberleben.org

Text: Nathalie Dimmer. Das Foto von Christoph Eckelt (bildmitte) zeigt den Heilgarten.

Zuerst erschienen in der ecke turmstraße, Nr 7 – oktober 2012.

Nachtrag:
Heute feiert das Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin (bzfo), das unter dem Dach der Stiftung arbeitet, sein 20jähriges Jubiläum. Die Tagesklinik arbeitet in Kooperation mit der Charité. „Aus Anlass des 20jährigen Bestehens veranstaltet das Behandlungszentrum für Folteropfer am Dienstag, den 23.10.2012 einen Diskussionsabend unter der Moderation des ZDF-Nahostexperten Ulrich Kienzle. Themen sind unter anderem die Folter im 21. Jahrhundert und neue Tendenzen der Therapie. Der Abend beginnt um 18 Uhr und findet im Ludwig-Ehrhard-Haus der Industrie- und Handelskammer Berlin, Fasanenstr. 85, 10623 Berlin.

Der Tagesspiegel berichtet über die Therapie von Kindern im Behandlungszentrum für Folteropfer.

Berufsfachschule „Paulo Freire“ im Zentrum Überleben (Berliner Zeitung, Berliner Woche).

Bundespräsident Gauck besucht das Zentrum für Folteropfer (stern).

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