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Moabit in der Literatur

Bücher über Moabit, über Geschichtliches, über Baudenkmäler oder ähnliche Themen gibt es einige, angefangen von Glassbrenners Bändchen von 1845, über die Dokumentation des Kriegsgräberfriedhofs in der Wilsnacker Straße bis zu Jürgen Grothes, Spaziergang durch Moabit, der nur in der Turmstraße 5 zu erhalten ist, weil das Buch zum 30jährigen Bestehen der Dorotheenstädtischen Buchhandlung erschienen ist. Weitere Moabit-Beschreibungen aus verschiedenen Zeiten finden sich in Biographien. Doch auch literarisch werden Orte verarbeitet, es gibt vermutlich unzählige Romane, Erzählungen, Gedichte, die in Moabit spielen. MoabitOnline ist  auf der Suche nach dieser Literatur und freut sich, wenn unsere Leser mithelfen. Wir bieten die Möglichkeit sich als Gastautor/in zu beteiligen.

petragabriel_-amin_-akhtar-250Heute wollen wir mit einem Krimi anfangen. Komischerweise mit einem Krimi aus der Reihe Badischer Krimis beim Kölner Emons Verlag, der im April erschienen ist: „Alemannischer Totentanz“. Die Autorin Petra Gabriel ist am Bodensee aufgewachsen. Nach verschiedenen Stationen, die sie nach dem Abitur ins Ausland und quer durch Deutschland führten, hat sie sich 1982 mit ihrer Familie (verheiratet, zwei Kinder) in der mittelalterlichen Stadt Laufenburg am Hochrhein niedergelassen. Bisher sind fünf historische Romane von ihr erschienen und mit Alemannischer Totentanz der zweite Krimi. Sie ist Mitglied im Schriftstellerverband, VS, Berlin. Seit 2006 lebt Petra Gabriel einen Teil des Jahres in Berlin,  – genauer gesagt in Moabit und noch genauer im Stephankiez. Und wie das so ist mit Romanfiguren: „sie müssen mir folgen, wenn ich woanders hinziehe“, so Gabriel, schließlich leben sie nur durch die Autorin.

Zum Inhalt des Buches „Alemannischer Totentanz“:
totentanz-250Eine junge Frau taucht bei der Lörracher Mordkommission auf. Sie will die Leiche ihrer Großmutter als vermisst melden. Die Ermittlungen fördern illegale Geschäfte mit Toten zutage. Kriminalhauptkommissarin Iris Terheyde findet die Antworten auf ihre Weise: sportgeschädigt, nägelkauend, stur, mit Gespür für Fettnäpfchen und im Dauerclinch mit ihrem Kollegen. Dabei kommt sie ganz schön herum: Basel, Mulhouse, Lörrach, Rheinfelden, Laufenburg und Berlin. Unter anderem recherchiert die Kommissarin bei der Charité, der Bundesärztekammer und in Moabit. Sie sucht einen angefahrenen Baum in der Lehrter Straße.

Hier ein kurzer Textauszug:

… Der Taxifahrer sah aus, als stamme er aus der Türkei, sprach nach Iris‘ Eindruck lupenreines Berlinerisch und entpuppte sich als wandelndes Geschichtslexikon. Ob er ihr die Fremde ansah? Sie erfuhr, dass das Gelände des Fritz-Schloß-Parks … bis Ende des Zweiten Weltkrieges eines der größten Exerziergelände Deutschlands gewesen war… In der Ulanenkaserne waren 1943 während der sogenannten Fabrikaktion über zweitausend jüdische Berliner über mehrere Tage ohne Essen, Wasser und sanitäre Anlagen kaserniert gewesen. Dann waren sie am alten Güterbahnhof in der Nähe in Züge nach Auschwitz gepfercht worden.
Plötzlich war deutsche Geschichte ganz nah.
»Un‘ Stauffenberg – wissnse, det ist der vonne 20. Juli, der Hitler ermorden wollte? Da hammse doch’n Film jedreht mit diese Scientologen-Schauspieler…«
»Ja, weiß ich«, antwortete Iris vom Rücksitz aus.
»Jedenfalls is der Jraf inne Bendlerstraße vom Wachregiment Großdeutschland unter Führung von Major Remer erschossen wor’n – und det war inne Kaserne Rathenower Straße stationiert. Det Jebäude könnse noch seh’n.«
»Und wo ist das Schloss?«
Er lachte. »Jibtet nich. Fritz Schloß war der erste Bürjermeester von‘ Bezirk Tiergarten nach’m Zweiten Weltkriech.«
»Sie kennen sich aber unheimlich gut aus!«
Der Taxifahrer strahlte. Zum Abschied drückte er ihr seine Visitenkarte in die Hand. »Beim nächsten Mal jerne wieda.«
Iris stellte fest, dass sie Berliner Taxifahrer mochte. Vom  Hauptbahnhof aus marschierte sie die Lehrter Straße zweimal auf und ab. …

Wer ein Stückchen weiterlesen möchte, kann das in der LiesSte von April 2009 tun.

Mal abgesehen davon, wie wahrscheinlich es ist einen Taxifahrer egal welcher Herkunft mit dermaßen detaillierten Geschichtskenntnissen über die militärische Vorgeschichte des Fritz-Schloß-Parks zu finden, ist diese durchaus eingängig serviert. Ein Stück Moabit in der Kriminal-Literatur. Natürlich längst nicht das erste und einzige. Da sei Bosetzky vor, der mit seinem „Kappe und die verkohlte Leiche“ die Arbeiterunruhen 1910 als geschichtlichen Hintergrund wählte.

Aber zurück zu Petra Gabriel, sie hat nicht nur bereits bei der Dorotheenstädtischen Buchhandlung aus ihrem historischen Roman „Die Konkubine“ gelesen, ist Mitglied von BürSte geworden, hat die Pressesprecherin der Jugendvollzugsanstalt für LiesSte  interviewt und mit jugendlichen Knackis einen Comic erarbeitet. Hier sind ihre Heldengeschichten zu finden, der Bericht über die Arbeit am Comic-Projekt im Jugendknast Plötzensee.

Das Foto von Petra Gabriel hat Amin Akhtar gemacht.

Nachtrag: Linkliste zu Moabit in der Literatur auf MoabitOnline:
Wolfgang Bardorf, Meine Jugend in Moabit, aus seinen Erinnerungen
Horst Bosetzky, Kappe und die verkohlte Leiche. Dieser Krimi spielt während der Moabiter Unruhen 1910. Rezension
Petra Gabriel, Alemannischer Totentanz, Textprobe aus der LiesSte
Uli Hannemann, Die Moabiterin. Text der Kurzgeschichte
3 Spaziergänge von Diether Huhn: Von Claire zu Waldoff / Lübeck, Tucholsky, Ulk / Sich Moabit reinziehen
Gertrude Kölbach-Arabu: Baum – Schuhbaum, Gedicht über den Baum auf dem Paech-Brot-Areal und Wohnen und Arbeiten in Moabit, über eine Diskussionsveranstaltung zum Bau des Hamberger Großmarktes
Ralf G. Landmesser, Klara Franke / Lehrter Straße, Gedichte in Berliner Mundart
Nadja Messerschmidt, Alg II / Berlichingenstraße, Texte zur Arbeitslosigkeit
Natalie Nagashima, Das Fenster zum Hof

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