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100 Jahre SC Union 06

„Das erste Spiel gegen Arminia Hannover haben wir 2:1 gewonnen, das zweite gegen Herford 1:1 gespielt. Damit waren wir erster.“ Ja, an die wirklichen Höhepunkte in der Vereinsgeschichte erinnert man sich auch dann noch präzise, wenn sie schon 30 Jahre zurück liegen. Erster war der SC Union 06 damals in der Aufstiegsrunde zur zweiten Bundesliga. Die zweite Liga war zu jener Zeit noch zweigeteilt in Nord und Süd, und der DFB hatte dem SC Union 06 bereits die Lizenz für den Profifußball ausgestellt. „Aber danach haben wir alle Spiele verloren. Zum Glück“, sagt Harry Ruttke. „Wir hätten das wirtschaftlich nicht geschafft, wir hatten doch kein Geld.“ Harry Ruttke war damals Vereinspräsident und ist heute Vorsitzender des Ehrenrates. Eine realistische Einschätzung der eigenen Möglichkeiten ist im Fußball eher selten, besonders dann, wenn einem eher kleinen Verein etwas großes gelingen könnte.

Am 17. Juni 1906 wurde der SC Union 06 in Köpenick gegründet, und am 17. Juni 2006, an dem Samstag, an dem Portugal gegen den Iran, Tschechien gegen Ghana und Italien gegen die USA spielen wird im Rathaus in der Turmstraße offiziell der hundertste Geburtstag gefeiert. Abends gibt es dann im Vereinslokal in der Lehrter Straße eine große Party. Ja, der in Köpenick gegründete Verein ist in der Lehrter Straße zuhause, sein Heimatstadion ist das Poststadion. Wie kommt das? Gibt es nicht unten in der Wuhlheide noch den 1. FC Union, bekannt auch als Eisern Union, die bis vor ein paar Jahren noch in der zweiten Liga spielten und einmal sogar im Olympiastadion im DFB-Pokalfinale standen, dann aber nach unten durchgereicht wurden bis in die vierte Liga? Ja, ist ja alles richtig.

Als nach dem Krieg das Land und die Stadt geteilt wurden, und im sozialistischen Teil kein Profifußball gespielt wurde, da haben die Jungs einfach rüber gemacht, sind in der Lehrter Straße gelandet und haben sich als Verein im Westen angemeldet. Erst viel später, nämlich 1966, wurde dann in Köpenick der 1. FC Union gegründet. Beide Vereine sind mit ihrer ersten Mannschaft jetzt aufgestiegen, Eisern Union von der Landesliga in die Regionalliga und der SC Union 06 von der Kreisliga B in die Kreisliga A. Das ist ein Unterschied von fünf Klassen. Es gibt zwar, besonders bei den älteren Herren, durchaus noch nostalgische Verbundenheitsgefühle in Richtung Wuhlheide, aber genau genommen handelt es sich doch um zwei verschiedene Vereine.

Ab einem gewissen Zeitpunkt bekam der Moabiter Verein regelmäßig zu den Heimspielen Besuch aus dem Osten, das war, als diejenigen, die nicht mit rübergekommen sind, das Rentenalter erreicht hatten und reisen durften. Natürlich ist eine solche Vereinsgeschichte immer auch reich an kleinen Geschichtchen, natürlich haben die im Westen Päckchen an die im Osten geschickt und so weiter. Die Unterlagen zur Vereinsgeschichte sind allerdings den Bomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer gefallen. Und was nicht verbrannt ist, wie die Pokale zum Beispiel, ist alles drüben geblieben. Für den Verlust des Vereinsgeländes haben die Neu-Westler damals einen Lastenausgleich von zweitausend Mark bekommen, das war’s dann. Jetzt, zum Jubiläum sind die beiden Vereine gegeneinander angetreten, und zwar im Stadion an der Alten Försterei.

Gerne hätte der Verein sein Jubiläumsspiel im Poststadion ausgetragen, „aber wir haben ja keine Kassenhäuschen“, sagt der stellvertretende Vorsitzende Detlef Bucke, und für die Zuschauer hätte man wohl auch erst einmal Platz schaffen und auf den Rängen ein paar Bäume ausreißen müssen. Das Spiel haben die Moabiter dann gegen die Köpenicker standesgemäß 0:6 verloren.

Die besseren Zeiten hängen in Vereinslokalen von Fußballvereinen als Mannschaftsfotos und Wimpeln an den Wänden oder sie stehen in Form von Pokalen in Vitrinen. „Unsere höchsten Zuschauerzahl“, erzählt Ruttke, „war 80.000, im Olympiastadion gegen Tennis Borussia. In den 50er Jahren. Von Hertha war da noch gar nicht die rede. Ja, wir haben auch mal was dargestellt.“

Heute stellt sich der Verein auch anderen Aufgaben, die sich aus seinem Kiez ergeben, beispielsweise der Jugendarbeit.  Vier Jungen- und drei Mädchenmannschaften spielen beim SC Union 06. Vor zwei Jahren hat die Bezirksverordnetenversammlung Mitte den Verein dafür mit dem Integrationspreis ausgezeichnet.

Doch auch wenn die Verantwortlichen eines kleinen Vereins – was, siehe oben, selten genug ist – den Realitätssinn behalten und wissen, was sie sich in der Kreisliga zutrauen können und was nicht, will man schließlich gewinnen. Und wenn man ein paar mal gewonnen hat, will man auch weiter aufsteigen. Mit welcher Perspektive will man also in die nächste Saison gehen?  Darüber wird gleich im Anschluss an unser Gespräch zu reden sein. Der Vorstand zieht sich mit Trainer Oliver Ochozinsky zurück in den Vorstandsraum zurück hinter die schwere, für einen kleinen Verein viel zu groß wirkende Flügeltür.

Text: Burkhard Meise, Foto: Mirko Zander

Zuerst erschienen in stadt.plan.moabit, Nr. 40, Juni 2006

SC Union Webseite und zur Vereinsgeschichte

Nachtrag:
Weitere interessante Artikel zur Geschichte der beiden Vereine in Ost und West „Die gespaltene Union“ in der TAZ oder „Die Erben der Schlosserjungs“ im Tagesspiegel, über die missglückte Fusion „Rot-Weiß? Blau-Weiß? Weiß nicht?“ oder über einen ganz normalen Spieltag im Poststadion.

2010 wurde für den Mädchenfußball der Moabiter FSV gegründet, eine Ausgründung aus dem SC Union 06.

4 Kommentare auf "100 Jahre SC Union 06"

  1. 1
    Susanne Torka says:

    Heute sind es schon 110 Jahre – Bürgermeister Hanke hat Glückwünsche überbracht:
    http://www.berlin.de/ba-mitte/aktuelles/pressemitteilungen/2016/pressemitteilung.488641.php

  2. 2
    Peter Juch says:

    Hallo Susanne aber auch alle anderen 06-Freunde,
    ich lese Deine bzw Eure Mitteilungen und Berichte und ich verfolge soweit ich das noch kann die Entwiklung von Moabit-Tiergarten.
    Ich wurde am 31.Mai 1938 im Krankenhaus Moabit geboren und habe meine Kindheit weitgehend in Moabit verbracht.
    Ich bin derzeit dabei mein Leben bis 15.4.1958 in Berlin aufzuschreiben unter dem Motto-Bin ich ein Moabiter? –
    Susanne Dein Bericht über Union o6 hat in mir Erinnerungen wach gemacht und ich möchte hierzu einiges sagen.
    Union 06 und Minerva 93 waren zwei Vereine die im Poststadion gespielt haben.
    Wir waren das, was man heute Fans nennt.
    Die Namen Bernhard Rogge (Mittelstürmer), Erwin Wax (Außen)Stelter (Mittelfeldspieler) und der Torwart Gerhard Wittke, ein sehr großer Mann, der dann irgendwann nach Hannover gegangen ist, sind mir heute noch ein Begriff.
    Ich kannte sie alle, die Spieler von Union 06. Jedes Spiel das im Poststadion ablief, haben wir Kinder, damals 8-9 Jahre alt vom immer höher aufgeschüttetden Ruinenberg mit erlebt. Irgendwann ein wunderschöner Park mit einer tollen Rodelbahn. Irgendwann haben wir eine Stelle gefunden, an der wir ist Stadion gekommen sind. Ich habe später in der Lehrter Str 54 gewohnt und das Poststadion mit Schwimmhalle und Rollschuhbahn waren mein Freizeitplatz.
    Meine Kita war der Wohnungsschlüssel um den Hals und wenn ich mal richtig Sorgen hatte, dann lief ich zu meiner Oma in der Beuselstr 73.
    Es gibt sich noch viel zu berichten, davon aber in einen späteren Bericht.

    Allen Moabitern viele Grüsse von mir, der oft an Moabit denkt
    P.Juch

  3. 3
    Susanne Torka says:

    Danke Peter Juch,
    dass Du Deine Erinnerungen mit MoabitOnline-Lesern teilst.
    Wir freuen uns über Gastartikel, gerne auch Berichte aus und Erinnerungen an frühere Zeiten.
    http://www.moabitonline.de/mitmachen

  4. 4
    NEA says:

    Hiermit möchten wir sie darauf aufmerksam machen, dass der derzeitige Pressesprecher des Moabiter Fussballclubs SC Union 06 für die AfD aktiv ist. Derzeit laufen Debatten um den weiteren Verbleib im Vorstand.
    Hier Bericht über die Aktion am 10.7.:
    https://linksunten.indymedia.org/en/node/183296

    Hintergrundinfos zu Börners Tätigkeit bei der AfD Pankow:
    http://antifa-nordost.org/4684/
    Reaktionen von Börner und Verein:
    https://linksunten.indymedia.org/en/node/184606
    https://linksunten.indymedia.org/de/node/184715

    siehe auch:
    http://moabit.net/9709

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