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Irgendetwas ist hier anders

Ein Restaurant als Gesamtkunstwerk: Karin Kaiser verwöhnt ihre Gäste mit sinnlichen Genüssen

Es zieht einen unweigerlich in seinen Bann, sobald man es betritt. Irgendetwas ist hier anders. Nach kurzem Innehalten spürt man, was im Lei e Lui anders ist: alles. Die Ausstattung, die Tischdekoration, die Beleuchtung, die Musik, die handgeschriebene Speisekarte. Aber auch die Atmosphäre. Man hat das Gefühl, in einem Wohnzimmer zu sitzen. Alles passt hier perfekt zueinander. Ein Gesamtkunstwerk, das bis ins kleinste Detail die Handschrift von Karin Kaiser trägt. „Ich liebe es, einem Objekt Gestalt und Farbe zu geben, Harmonie herzustellen und die Sinne zu bedienen.“ Deshalb ist keine profane Einrichtung entstanden, sondern ein Bühnenbild, das auch den altehrwürdigen Räumen gerecht wird. Karin Kaiser findet, dass sie das verdient haben.

Das Porträt_Innen-300Der Kunst wegen nach Berlin
Kunst und Kreativität ziehen sich wie ein roter Faden durch das Leben der 1961 im Saarland geborenen Inhaberin und Küchenchefin. Im zarten Alter von drei Jahren unternahm sie erste Kochversuche. Mit fünf Jahren wollte sie Opernsängerin werden. 1981 kam sie schließlich nach Berlin – jedoch nicht zum Singen, sondern zum Tanzen. Sie absolvierte an der Ballettakademie Hans Vogl über dem damaligen Hansa-Theater in Alt-Moabit eine vierjährige Bühnentanzausbildung. Für eine Profikarriere war es aber schon zu spät. „Das hatte ich nicht bedacht, weil ich so auf das klassische Ballett fixiert war und nicht in andere Tanzrichtungen gehen wollte.“

Anfang der achtziger Jahre konnte sie ihre Kreativität auf eine ganz andere Weise ausleben. Sie und ihre Freundin Judith, eine Musikerin und Tontechnikerin, gingen mit der Schauspielerin, Sängerin und Kabarettistin Maren Kroymann auf Tournee. Karin Kaiser war für die Lichtgestaltung der Show verantwortlich. Zweieinhalb Jahre waren sie zu fünft im VW-Bus unterwegs. „Das war schon eine sehr aufregende, eine wilde Zeit.“

Erstes Badehaus von Tiergarten
In der Wilsnacker Straße 62 lebt sie seit 1981. Zunächst in einem Projekt mit 25 Mitbewohnern, von denen gerade mal zwei einen Nutzungsvertrag mit der Wohnungsbaugesellschaft abgeschlossen hatten. Das interessierte damals kaum jemand. Auch die BEWOGE nicht, die das heruntergekommene erste Badehaus von Tiergarten jedoch irgendwann abreißen wollte. „Da haben wir überlegt, ob wir es besetzen sollten.“ Doch dann trat die Denkmalschutzbehörde auf den Plan: Ein Schüler von Karl Friedrich Schinkel hatte das Gebäude errichtet. Damit war der vorgesehene Abriss vom Tisch, und an der grundlegenden Instandsetzung führte nun kein Weg mehr vorbei. Karin Kaiser erhielt eine Umsetzwohnung im Vorderhaus. Dort lebt sie nach wie vor. 1983 zogen Künstler mit ihren Ateliers und ein Kinderladen in die sanierte Badeanstalt ein – ein Umfeld ganz nach Karin Kaisers Geschmack; denn Tochter Corise und Sohn Dziga vervollständigten schon bald das private Glück.

Im heutigen Lei e Lui führt Karin Kaiser die lange Tradition einer kreativen Gastronomie fort. „Vor dem Zweiten Weltkrieg war hier ein ganz schickes Café mit eigener Konditorei drin.“ In den sechziger Jahren mutierte das schicke zu einem linken Café, das in den achtziger Jahren um eine Kleinkunstbühne und ein Kindertheater erweitert wurde. Im Scheselong sammelte Karin Kaiser erste gastronomische Erfahrungen. Dass es einmal ihr Lokal werden würde, ahnte sie damals nicht. „Wie das manchmal so ist: Da kommt so ein Samenkorn angeflogen, und dann wächst etwas daraus.“ 1986 gründete sie zunächst einmal mit ihrer Mitbewohnerin Judith nebenan den Bio-Laden Dolce Vita, der unter ihrer Regie auch ein vegetarisches Mittagsbuffet anbot.

Sprung ins kalte Wasser
Im Jahr 2000 stieg sie aus. Die enge Zusammenarbeit mit dem Dolce Vita besteht bis heute fort. Im selben Jahr machte Karin Kaiser sich mit einem Bio-Catering selbstständig, das sie nach wie vor betreibt. Und 2005 dann mit dem Lei e Lui in der Wilsnacker Straße 61. Die Idee dazu stammte von einem Nachbarn. Karin Kaiser fand sie zunächst völlig abwegig. „Ich mache doch kein Lokal auf. Das ist doch Wahnsinn!“ Denn Behördengänge, Einkauf oder Buchführung sind überhaupt nicht ihr Ding. Dennoch sprang sie ins kalte Wasser. Aber zuvor musste sie noch ihren Lebenspartner, den Performancekünstler Sebastiano Rucci, zum Mitmachen bewegen, was einiger Überzeugungsarbeit bedurfte. Ohne ihn hätte sie das wohl nicht gemacht mit dem Lei e Lui.

Die ideale Besetzung
Karin Kaiser hat keine Ausbildung zur Köchin absolviert. Sie hat von ihrer Mutter die Gabe mitbekommen, aus wenigen und einfachen Zutaten außergewöhnliche Bio-Köstlichkeiten zuzubereiten. Wie sie das macht, ist für ihre Gäste immer wieder ein kleines Wunder. Die Kochkünstlerin und der Performancekünstler sind die ideale Besetzung für ein Unternehmen wie das Lei e Lui. Was sie am Herd in unvergleichlicher Weise kreiert, setzt der Chef de Rang im Lokal in unvergleichlicher Weise in Szene. Sein Markenzeichen: große Ringe und unzählige Ketten und Armbänder. Ein Paradiesvogel.

Zur Höchstform laufen die beiden auf, wenn sie im Lei e Lui ein Fest geben. Dann wird nicht nur gegessen und getrunken, sondern auch getanzt und musiziert und Feuerkunst präsentiert – ein öffentliches Familienfest. Beim kulinarischen Kino zeigen Karin Kaiser und Sebastiano Rucci einen Film, zu dem sie darauf abgestimmtes Essen reichen. Wie bei der Berlinale. Weitere Projekte im Zusammenspiel zwischen Essen und Kunst sind geplant. Man darf gespannt sein.

Text: Martin Blath, Foto: Martin Ciesielski

Zuerst erschienen in: Moabit! – Das Magazin für die Insel, Nr. 1, Dezember 2012

Lei e Lui, Wilsnacker Straße 61, 10559 Berlin, Reservierungen unter: T. 30208890
Di. -Sa. 17 – 24 Uhr, So. 16 – 23 Uhr, www.lei-e-lui.de

5 Kommentare auf "Irgendetwas ist hier anders"

  1. 1
    Rané says:

    Sehr schöner Artikel über ein aussergewöhnliches Restaurant, vor allem, weil ich als ehemaliger Nachbar diese „Idee“ hatte, da ich eine andere Nutzung befürchtete. Die Geschichte der Lokalität wurde zwar kurz erwähnt, hat aber durchaus viel mehr Inhalt, was aber eine umfangreiche Dokumentation erfordert.

  2. 2
    Susanne Torka says:

    Schreibe sie doch! Können wir hier gerne unter Geschichte veröffentlichen!

  3. 3
    Rané says:

    Nun, das ist die Zeit, wo noch viele Lücken sind:
    „In den sechziger Jahren mutierte das schicke zu einem linken Café, das in den achtziger Jahren um eine Kleinkunstbühne und ein Kindertheater erweitert wurde….“.
    Volker hatte ja mal historische Fotos, auch von der Wilsnacker Strasse, dort ausgestellt. Karin kann ab 1986, ich ab 1997 was dazu beisteuern. Aber vielleicht hat jemand auch Veranstaltungsplakate, Flyer oder Fotos aus den 60er und 70er Jahren ? Lothar von Versen hatte dort, aber in welcher Zeit ? regelmässige Auftritte. Dann traf sich dort die ANTIFA. Ingrid u.a. Zeitzeugen müsste man dazu noch mal befragen. Ist auch deshalb interessant, weil es nicht mehr so viele Lokale mit so langer gastronomischer und politischer Geschichte gibt.

  4. 4
  5. 5
    Moabiterin says:

    Offensichtlich haben Karin und Sebastiano Nachfolger gefunden. Es wird umgebaut!

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