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Ohne die Künste wäre das Dasein unerträglich

Der Moabiter Maler und Schriftsteller Peter Sauernheimer war Mitbegründer der legendären Künstlerkneipe „Die kleine Weltlaterne“

Peter-Sauernheimer-250Als Peter Sauernheimer zehn Jahre alt ist, schenkt ihm der Großvater einen Malkasten mit Ölfarben. Ohne etwas dazu zu sagen. Das war 1950. Also begann der Junge zu malen. Vor allem Landschaften. Zehn Jahre darauf sollte er sich mit seinen „Ölschinken“ in Südfrankreich längere Zeit über Wasser halten können. Sauernheimers erster Auslandsaufenthalt war unfreiwillig. Nachdem die Familie im Wedding zweimal ausgebombt worden war, wurde sie nach Schlesien evakuiert. 1945 ging es zurück nach Berlin. Der Künstler, ein Autodidakt, wuchs in Niederschönhausen auf. „Also in der Sowjetisch Besetzten Zone, kurz SBZ.“

1960 zog Peter Sauernheimer nach Kreuzberg und wurde Stammgast in Hertha Fiedlers gemütlicher Kneipe in der Kohlfurter Straße. Ihm und seinen Künstlerkollegen Traudbert Erbe und Herbert Weitemeier ist es zu verdanken, dass die Gaststätte zu einem Mythos wurde – zur Künstlerkneipe „Die kleine Weltlaterne“. „Wir sagten zu Hertha, wir tünchen die scheußlichen Tapeten weiß, dann hängen wir hier unsere Bilder auf.“ Hertha war einverstanden und eröffnete am 28. Februar 1961 ihr neues Etablissement. Ob die über Nacht zur Künstlermutter und Galeristin avancierte Wirtin wusste, auf was sie sich einließ, ist nicht überliefert.

Legendärer Ruf
Wie auch immer: Sauernheimer, Erbe, Weitemeier und Hertha hatten den richtigen Riecher. Schon kurz nach der Eröffnung florierte die Weltlaterne. Zunächst ein Treffpunkt für Maler und Bildhauer aus dem Kiez, kamen vermehrt Kreative aus anderen Bezirken und schließlich sogar aus ganz Deutschland und dem Ausland hinzu. Der legendäre Ruf der Weltlaterne zog auch viele Künstler aus der schreibenden Zunft an. Günter Grass etwa, Rudolf Lorenzen und Annemarie Weber. Mitte der sechziger Jahre hatte die Kreuzberger Kneipe endgültig Kultstatus erlangt. Henry Miller, Friedrich Dürrenmatt, Friedensreich Hundertwasser, aber auch André Heller und Curd Jürgens gehörten zur illustren Gästeschar.

Peter Sauernheimer, Traudbert Erbe und Herbert Weitemeier weilten zu dieser Zeit schon einige Jahre in dem „zauberhaften, geradezu magischen“ Künstlerort Vallauris bei Cannes. Pablo Picasso lebte hier von 1948 bis 1955. „Wir haben dort Ölschinken gemalt – Sonnenuntergänge, Seestücke und Stillleben – und an die Touristen verkauft“, erzählt Sauernheimer. Auf einem Hügel oberhalb der Stadt campierten der Künstler, seine Freundin und zwei Karlsruher in einem Haus, das ihnen ein ungarischer Töpfer geschenkt hatte. Inklusive 20 Hektar Pinienwald, eines Esels, der auf den Namen Sophie hörte, und zwei Pferden.

Über Nacht verschwunden
1965 gab Sauernheimer das Leben im sonnigen Südfrankreich vorerst auf. Seiner Freundin zuliebe, die in Straßburg studieren wollte. Der Maler erlebte dort einen Albtraum: Während eines kurzen Aufenthalts in Berlin hatten Einbrecher seine gesamten Bilder sowie Originale von berühmten Kollegen wie Jean Miró gestohlen. „Die Bude war komplett ausgeräumt.“ Im Mai 1968 kehrte er zurück nach Vallauris. Es wartete eine Aufgabe auf ihn, die so gar nichts mit Kunst zu tun hatte: Peter Sauernheimer übernahm die Leitung einer Jugendbegegnungsstätte, nachdem sein Vorgänger über Nacht verschwunden war. Bis Oktober organisierte er dort zahlreiche Ausstellungen, Filmabende und Lesungen.

Ein-Baum-fuer-Magritte-250Dann musste auch Sauernheimer relativ schnell verschwinden. Schuld daran war die Wandfarbe, die er beim Streichen eines Zimmers verschüttet hatte. Bei der Beseitigung des Schadens beging der Künstler einen großen Fehler: Er wischte die Farbe versehentlich mit einer französischen Flagge vom Boden auf. „In diesem Augenblick betrat der Sohn des Polizeipräfekten den Raum, rannte entsetzt zurück ins Dorf und erzählte überall rum, was für eine Schande ich angerichtet hätte.“ Er suchte in Windeseile das Weite – versteckt im Auto eines Freundes. Sonst hätte man ihn vielleicht gelyncht.

Nie den Humor verloren
Peter Sauernheimer lebte insgesamt fünf Jahre in Südfrankreich und Italien. Dann ging es zurück nach Berlin, wo er jedoch nicht von der Kunst leben konnte. „Ich habe 18 Jahre lang Wohnungen renoviert und bin dabei ein richtiger Profi geworden.“ Immerhin blieb dabei noch Zeit für das künstlerische Malen. Der 72-jährige Moabiter kann auf acht Einzel- und 17 Gruppenausstellungen mit Berühmtheiten wie Picasso, Chagall oder Klimt zurückblicken. Sauernheimer hat auch Galerien gegründet. 1960 das Kreuzberger Forum (zusammen mit Traudbert Erbe und Herbert Weitemeier), 1978 die JERUSCHALAJIM in der Bleibtreustraße und 1981 die AXOLOTL in der Bochumer Straße in Moabit. „Die habe ich dann nach einem Jahr wegen ‚Reichtum‘ wieder geschlossen.“ Den Humor hat er nie verloren.

Reich im materiellen Sinne ist Peter Sauernheimer auch mit dem Schreiben nicht geworden. Bereits in der Schule hat er stets die besten Aufsätze der Klasse geschrieben. 1971 verfasste der Malerpoet seine ersten Kurzgeschichten, denen wenig später Gedichte folgten. 1973/74 war er Herausgeber, Autor und Lektor des „Werkkreises Literatur der Arbeitswelt“, der bis 1985 50 Bände im S. Fischer Verlag publizierte. „Arbeiterwerkstätten“ gab es in 38 deutschen Städten. Koordiniert wurden sie von Berlin aus. „Da musste ich mich durch Berge von Manuskripten fressen“, erinnert sich Sauernheimer. Mit der Zeit kamen ihm die Texte immer platter vor, und er stieg aus. Seine literarische Werke sind in zahlreichen Anthologien sowie in drei eigenen Büchern mit Lyrik und Prosa veröffentlicht worden.

„Wenn ich mein Leben rückblickend betrachte, war es kunterbunt“, zieht Peter Sauernheimer Bilanz. Doch was heißt bei einem so umtriebigen Menschen schon „war“? Zurzeit arbeitet der vielseitige Künstler mit der Berliner Schnauze an einem Kinderbuch, für das er noch auf der Suche nach einem Verlag ist. Außerdem schreibt er gerade einen Kriminalroman. Und eine neue Ausstellung ist für 2014 in der Galerie Pillango in seinem Elberfelder Kiez geplant. „Ohne die Künste wäre das Dasein unerträglich“, betont Sauernheimer. Der Großvater, der ihm vor 62 Jahren diesen Malkasten in die Hand gedrückt hat, muss ein weiser Mensch gewesen sein.

Text: Martin Blath, Fotos: Martin Ciesielski – Das Bild heißt: „Ein Baum für Magritte“

Zuerst erschienen in: Moabit! – Das Magazin für die Insel, April 2013, das zur Zeit an vielen verschiedenen Orten in Moabit ausliegt.

Nachtrag:
Zum 50. Jubiläum der legendären Künstlerkneipe wurden 2011/12 zwei Dokumentarfilme „Der Trampelpfad der Künste“ und „Thadeus, Sonnenstern und Co.“  gedreht, für die auch Peter Sauernheimer interviewt wurde. Die Filme werden am 17. April und 22. Mai 2013 ab 21 Uhr in „Der kleinen Weltlaterne“, Nestorstraße 22 in Berlin-Wilmersdorf gezeigt.

Ein Kommentar auf "Ohne die Künste wäre das Dasein unerträglich"

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    Rané says:

    Bravo, vollste Zustimmung, denn ohne die Künste und nur im Diskurs mit div. Politikern ist das Leben wirklich unerträglich !

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