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Elisabeth Schmitz – geehrt als „Gerechte unter den Völkern“

Der Anlass für dieses Portrait sollte eigentlich die Benennung des Verbindungswegs zwischen Seestraße und Ungarnstraße im Wedding auf den Namen Elisabeth-Schmitz-Pfad sein, den die BVV schon vor längerer Zeit beantragt hatte. Doch angeblich aus formalen Gründen wird daraus nichts (nachzulesen in der Vorlage zur Kenntnisnahme). Ich hatte mich gefragt: Wer war diese Frau? Und bin der Meinung, auch ohne Straßenbenennung lohnt es sich über sie zu berichten. Elisabeth Schmitz (1893 – 1977) unterrichtete sechs Jahre lang als Studienrätin am Luisengymnasium in der Turmstraße die Fächer Religion, Geschichte und Deutsch, bis sie sich 1935 auf eigenen Wunsch an die heutige Beethoven-Schule in Lichtenrade versetzen ließ. Erst seit 2011 hängt hier eine Berliner Gedenktafel ihr zu Ehren. Schmitz war Humanistin, Pazifistin, eine mutige Lehrerin und widerständige Christin, die weitsichtig genug war, schon zu Beginn der Nazizeit das schreckliche Ausmaß der kommenden Verbrechen klar vorauszusehen. Sie mahnte früh und wandte sich damit insbesondere an ihre Kirche, von der sie Zivilcourage erwartete. Doch lange vergeblich.

Elisabeth_image4_nach_pensionierungElisabeth Schmitz stammte aus einer evangelischen Lehrerfamilie in Hanau. Sie studierte Geschichte, Gemanistik und Theologie u.a. bei Adolf von Harnack und Friedrich Meinicke, wurde aber trotz Promotion in Geschichte schließlich Lehrerin. Sich in wissenschaftlichen Kreisen durchzusetzen war damals für Frauen noch ungleich schwerer als heute. Nach einigen Jahren an verschiedenen Berliner Schulen kam sie 1929 ans Moabiter Luisengymnasium, damals ein Oberlyzeum (für Mädchen). An dieser Schule konnten sich Mädchen und junge Frauen sogar schon während der Kaiserzeit auf‘s Studieren vorbereiten. Die ersten machten dort 1896 Abitur. 1933 wurden jüdische und politisch anders denkende Lehrer und Lehrerinnen aus dem Schuldienst gedrängt, die Schulleiterin wurde entlassen, sie war Sozialdemokratin. Jüdische Schülerinnen konnten die Schule nicht mehr besuchen. Schmitz wurde von ehemaligen Schülerinnen als konservativ und zurückhaltend geschildert, und doch hatte der neue nationalsozialistische Direktor Probleme mit ihrer „aufrührerischen Haltung“, weil sie dem Menschenbild der Nazis entgegen wirkte. Erst ließ sie sich versetzten, Ende 1938 gab sie ihre Stelle als Lehrerin ganz auf. Die neuen Lehrpläne proklamierten als Erziehungsziel „den nationalsozialistischen Menschen“. Sachlich schrieb sie an die Schulbehörde: „Es ist mir in steigendem Maße zweifelhaft geworden, ob ich den Unterricht bei meinen rein weltanschaulichen Fächern – Religion, Geschichte, Deutsch – so geben kann, wie ihn der nationalsozialistische Staat von mir erwartet.“ Als sie ihren Job aufgab und sich mit einer niedrigen Pension abfand, war sie 45 Jahre alt.

Elisabeth Schmitz hat die Menschenverachtung der Nationalsozialisten angeprangert, sie hat die Ausgrenzung und Entrechtung von Freunden und Bekannten hautnah miterlebt – eine befreundete „nichtarische“ Kollegin beging Selbstmord, andere gingen ins Exil. Schmitz hat mutig geholfen, ihre Wohnung und von ausgewanderten jüdischen Freunden übernommene Laube in Wandlitz als Versteck zur Verfügung gestellt, Lebensmittelkarten besorgt und Solidarität gefordert: „Man nimmt durch grausame Gesetze den Menschen die Erwerbsmöglichkeit, man zieht die Schlinge langsam immer enger zu, um sie allmählich zu ersticken, man weiß, sie werden verelenden, und schützt sich beizeiten davor, die Opfer dieser Grausamkeit dann vielleicht unterstützen zu müssen.“ In eindringlichen Briefen und Gesprächen bemühte sich Schmitz seit 1933 vergeblich die „Bekennende Kirche“, also die nazikritische Opposition innerhalb der evangelischen Kirche, zu bewegen sich tatkräftig für verfolgte Juden einsetzen und öffentlich gegen antijüdische Hetze, Berufsverbote und Boykotte aufzutreten. Ihrm Briefwechsel mit dem führenden Theologen Bekennenden Kirche, Karl Barth, ist zu entnehmen, dass sie die Kontaktaufnahme der Kirche mit Vertretern des Judentums forderet und die seelsorgerische Betreuung der Verfolgten in den Konzentrationslagern. Sie betonte die gemeinsamen Wurzeln beider Religionen im Gegensatz zum weit verbreiteten christichen Antijudaismus.

1935 verfasste sie eine Denkschrift gegen die Judenverfolgung „Zur Lage der deutschen Nichtarier“, vervielfältigte sie in 200 Exemplaren und verschickte sie an Pfarrer und Kirchenmitglieder der Bekennenden Kirche. Den Teilnehmern der im September 1935 in Steglitz tagenden preußischen Kirchen-Synode, die wenige Tage nach der Verkündung der berüchtigten Nürnberger Rassengesetze stattfand, fehlte jedoch nicht nur der Mut, sich deutlich zu positionieren. Es gab hinter den Kulissen einen Streit, nach dem eine Erklärung nur knapp verhindert werden konnte, dass der Nazi-Staat das Recht habe solche Gesetze zu erlassen. Die Forderungen aus Schmitz Denkschrift wurden nicht weiter diskutiert. Wilhelm Niemöller, der jüngere Bruder Martin Niemöllers, hat im Nachhinein diese Schrift einer anderen widerständigen Christin, Marga Meusel, die sich für getaufte Juden einsetzte, zugeschrieben. Selbst innerhalb der „Bekennenden Kirche“ findet Schmitz nur wenig Gleichgesinnte, wie Dietrich Bonhoeffer und Helmut Gollwitzer. Nach dem Krieg wird sie totgeschwiegen.

1943 kehrte Schmitz in ihre Geburtsstadt Hanau zurück um gemeinsam mit der Schwester den Vater zu pflegen. Nach Kriegsende arbeitete sie wieder als Lehrerin. Sie spricht nicht über ihren persönlichen Verdienste, über versteckte Juden, über den Widerstand in der Nazizeit. Sie mischt sich nicht ein in die Diskussionen über die Bekennende Kirche. Unbekannt stirbt sie 1977 mit 84 Jahren, angeblich sollen nur sieben Menschen zu ihrer Beerdigung gekommen sein. 1999 findet eine frühere Schülerin, die Pfarrerin Dietgard Meyer, die Denkschrift und Aussagen versteckter Juden in der Personalakte. Schmitz hatte sie eingereicht zur Wiederaufnahme in den Schuldienst und Anerkennung als Wiedergutmachungsfall.  Seitdem und seit 2004 in einem Kirchenkeller eine Aktentasche mit persönlichen Dokumenten gefunden wurde, ist ihre Urheberschaft der Denkschrift anerkannt. In Hanau ist eine Schule nach ihr benannt, ein Amerikaner drehte einen Dokumentarfilm, das Grab wurde zur Gedenkstätte und seit 2011 ist sie bei Yad Vaschem als „Gerechte unter den Völkern“ aufgenommen.

Wer sich für das Leben von Elisabeth Schmitz interessiert, dem seien zwei Bücher von Manfred Gailus empfohlen: „Elisabeth Schmitz und ihre Denkschrift gegen die Judenverfolgung“, 2008, Berlin, Wichern-Verlag und seine Biographie „Mir aber zeriss es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz“, 2. Aufl. 2011, Göttingen, Vandenhoek & Ruprecht.

Ein Vortrag von Paul Gerhard Schoenborn von 2012 enthält viele Einzelheiten und wichtige Zitate aus ihren Schriften und Briefen.

Dokumente aus ihrem Leben finden sich auf einer interessanten Webseite: Widerstand? Evangelische Christinnen und Christen im Nationalsozialismus.

Zuerst erschienen in der „ecke turmstraße„, Nr. 3, april/mai 2013. Den gedruckten Artikel habe ich für MoabitOnline etwas geändert, u.a. weil ich vorher noch nicht wusste, dass der Weg nun doch nicht nach Elisabeth Schmitz benannt wird.

Nachtrag:
Vielleicht wird der Platz am Rathaus Müllerstraße nach Elisabeth Schmitz benannt, es gibt aber noch andere Namensvorschläge (Berliner Woche).

3 Kommentare auf "Elisabeth Schmitz – geehrt als „Gerechte unter den Völkern“"

  1. 1
    prolet says:

    Na paßt doch:
    In Steglitz verhindern die Grünen aus formalen Gründen (Bindung an einer Anwohnerbefragung und an ihr Bündnis mit der CDU) die Umbenennung der Treitschkestraße.
    In Kreuzberg verhindern die Grünen aus formalen Gründen den Moses-Mendelssohn-Platz (nur noch Frauennamen, bei Frau Rudi Dutschke hatten sie natürlich eine Ausnahme gemacht …).
    Und in Mitte … SPD und CDU … siehe oben.
    Aus formalen Gründen ist schon einmal der 9. November vergessen worden (Schaukasten vorm Rathaus) und aus formalen Gründen hatten auch Ikonen der späteren BRD dem Ermächtigungsgesetz Hitlers zugestimmt, in Tiergarten, in der Krolloper, gegenüber von ausgebrannten Reichstag. Der damalige Landesbranddirektor Gempp war damals abgesetzt worden, weil er den Brand viel zu kritisch hinterfragt hatte (vor allem die „Alleintäterschaft“ van der Lubbes).
    Dazu paßt, daß vor mehr als 20 Jahren der damalige CDU-Bezirksbürgermeister vermutlich ganz gerne aus formalen Gründen die Anfrage nach Veranstaltungen des Bezirks anläßlich des 8. Mai mit „Das BA hat noch nie Veranstaltungen zum Muttertag durchgeführt“ beantwortet hatte.

    Aus formalen Gründen („Eingriff in das Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit“) hatte auch Bundestagspräsident Thierse (SPD) eine Anzeige bekommen, weil er den Nazis auf der Straße die Stirn geboten hatte. Viele (aufrechte Demokraten?) hatten ihn deshalb beschimpft, weil er in seiner Position einen solchen formalen Fehltritt begangen hatte. Nur: Er läßt sich von solchen Formalien nicht beeindrucken, er bezieht weiterhin Stellung (bzw. einen „Sitzplatz“, wenn es darauf ankommt). Wieso kann (will?) es ihm Hanke (auch SPD) nicht nachmachen? Außer einem formalen Kranzabwurf am 9. November erwarte ich von ihm aber eigentlich nichts mehr (nach SOO einer Begründung) …

    Wer soll den Menschen von heute denn ein Vorbild sein, wenn nicht Menschen wie Elisabeth Schmitz?

  2. 2
    vilmoskörte says:

    Hanke und Spallek: ein in vielen Beziehungen unschlagbares Duo!

  3. 3
    Susanne Torka says:

    Bei dieser Veranstaltung geht es auch um Elisabeth Schmitz Versuch die Bekennende Kirche zu einer deutlichen Ablehung der Rassengesetze zu bewegen:
    http://www.moabitonline.de/events/19291/die-novemberpogrome-und-die-evangelische-kirche

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