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Mit anderen Augen sehen

Ode an einen Schandfleck – Fotografien von Lara Melin

Ode_9448_s-250Die Heidestraße – schon während des Hauptbahnhofbaus und mehr noch nach seiner Eröffnung gescholten als Wüste oder Brachland, mit Imbissbude im Schrebergarten und leichten Mädchen in Wohnmobilen – bot Platz für viele kleine und mittlere Gewerbetriebe, für Handwerker, Händler, Autoschrauber, Logistikfirmen und Lebenskünstler, die hier ihr Auskommen fanden. Im letzten halben Jahr wurden viele der Güterschuppen, die diese Betriebe beherbergten, abgerissen. Wir hatten uns vorgenommen gemeinsam einige von Ihnen vorher noch zu portraitieren, was uns aber nur bei Rüstü Özcans Lebensmittelhandel gelungen ist. Ausgerechnet er ist immer noch dort.

Die Kunst hatte diesen Ort schnell erobert, eine Unzahl von Galerien bevölkerten die Gewerbehöfe Heidestraße 46-52 und etwas später die Halle am Wasser. Einige Jahre ist dort das Szenepublikum bei gemeinsamen Eröffnungen in hellen Scharen durchgezogen. Einige große Namen sind schon längst wieder fort, ganz fort aus Berlin wie Haunch of Venison, nach Potsdam wie Schuster, in die Friedrichstraße wie Hamish Morrison oder in die Potsdamer Straße wie Nolan Judin und Plan B. Es war ein kurzer Kunsthype in diesem Quartier, was nicht heißen soll, dass die Kunst dort nun gar nicht mehr zu Hause ist. Edition Block und Tanas zum Beispiel haben sich längst etabliert, ebenso wie Graft Architekten, andere sind später eingezogen, wie Kuehn Malvezzi, WIE Kultur oder Gloria. Das Designstudio von Werner Aisslinger stellt gerade in einer Ausstellung im Haus am Waldsee das „Wohnen der Zukunft “ vor.

Die Fotografin Lara Melin hat die Heidestraße über viele Jahre hinweg immer wieder besucht. Urbane Räume und die kritische Auseinandersetzung mit Stadtentwicklung sind ein Schwerpunkt ihrer Arbeiten. Die  aktuelle Ausstellung der ausgebildeten Dokumentarfilmerin setzt den Gewerbehof Heidestraße 46-52 auf ganz ungewöhnliche Art in Szene. Die Bildausschnitte, die Ecken und Kanten der Gebäude, Kleinigkeiten wie der Schatten einer Leiter, ein befestigtes Kabel, zeigen Geometrie und klare Linien. Das Spiel von Licht und Schatten läßt die ehemaligen Werkhallen und die hier nicht abgebildeten Fabrikgebäude als besondere Szenerie wirken. Dabei zeigen die Bilder gar nichts besonderes, sondern Ausschnitte völlig unspektakulärer Gebäude mit An- und Aufbauten, die etwas Unfertiges, Flüchtiges an sich haben und vielleicht bald verschwunden sind. Das typische Berlin der kleinen Gewerbetreibenden wird in der neuen Europacity wohl keinen Platz mehr haben.

Ode_6226_s-250„Ein Fotograf, ein Ort“ das ist das Konzept des Berliner Salons für Fotokunst und wie könnte das besser gefüllt werden als mit den Serien von Lara Melin, mit den weißen Schuppen vor blauem Himmel, den kantigen Aufbauten, den abgelagerten Reifen vor einer knallig blauen Tür und im Gegensatz dazu mit den roten Backsteinmauern der alten Fabrikgebäude, in denen früher Solex-Vergaser hergestellt wurden. Vermietungsprobleme scheint es in diesem Gewerbehof auch für die kleineren Gebäude nicht zu geben. Obeta Elektro,  die Vermietungsfirma für Baumaschinen Boels und ein Motorrad-Service sind schon lange dort ansässig. Immer wieder ziehen neue Gewerbetreibende verschiedenster Sparten ein, wie z.B. der Monolith Goldankauf, ein Abholmarkt von World of Food and Drinks oder die edle Küche FingerfoodBerlin. Wo Galerien aufgegeben haben, ist jetzt eine neue Filiale des alten Berliner Großhandels für Malerhandwerk Knittel oder das Modelabel Darklands, das vorher aber schon in einem anderen Gebäude untergebracht war.  Deshalb hatte sich wohl auch der Eigentümer, die Kuthe Unternehmensgruppe, über die Einladungskarte der Fotografin geärgert. Hier steht nämlich „Momentaufnahmen eines zum Abriss verurteilten Gewerbehofes„, was nach Angaben der Firma nicht stimmt, auch wenn im Masterplan der Senatsverwaltung nur die alten Fabrikgebäude enthalten sind. Das Missverständnis hat Lara Melin bei der Ausstellungseröffnung geklärt. Die Fotografin würde sich über das Fortbestehen dieses Hofes als „gallisches Dorf“ in der Europacity ausdrücklich freuen. Fraglich bleibt dennoch, wie lange das Vorhaben, dieses Gelände nicht zu entwickeln, vor der Realität Bestand haben kann.

Die Bilder der Fotografin sind eine Liebeserklärung an diesen Ort, sie beschwört die Poesie des Unfertigen und bedauert den mit der städtebaulichen Aufwertung einhergehenden Verlust der Nischen für kleine Gewerbetreibende, von denen viele die Gegend bereits verlassen mussten. Wo in den neugebauten Quartieren wird in Zukunft noch Platz  dafür sein? Stöbern Sie in den Galerien auf ihrer Webseite: Ode an einen Schandfleck und Ein Hauch von Far West, die beide die Güterschuppen rechts und links der Heidestraße in Szene setzen. Dort ist noch viel mehr zu finden an Stadtansichten, Architektur und Landschaft. Und besuchen Sie die Ausstellung.

Ausstellung
Lara Melin: »Heidestraße 46-52 –  Ode an einen Schandfleck«
17. April bis 25. Mai 2013
Berliner Salon für Fotokunst, Kulturhaus Schöneberg
Kyffhäuserstraße 23, 10781 Berlin
Mi 14 – 19 Uhr, Do 12 – 17 Uhr und nach Vereinbarung
Telefon 0179 591 351 6

Diese Zitate zur Heidestraße hängen in der Ausstellung zwischen den Bildern:

„Der halbe Gewerbehof der Heidestraße 46-52 steht leer. Ein Hund verschwindet mit eingekniffenem Schwanz durch ein Loch in der Hofmauer, ein halber Porsche Cabrio sucht Schutz vorm Regen unter einer Plane, das Dach der leeren Lagerhalle nebenan erweckt wenig Vertrauen. Dekra hat im desolaten Hinterhof noch ein Schulungszentrum für ABM-Kräfte – doch auch sie haben bereits gekündigt. Die Firma Lindroth mit ihren Hydraulikschläuchen ist geblieben. Seit neun Jahren in der Straße. Kürzlich hat man den Mietvertrag um fünf Jahre verlängert. Bis zum Jahr 2003. Günstig.“
Hans W. Korfmann, Der Tagesspiegel, vermutlich 1998

Ode_9276_s-250„Just am Vorabend des Art Forums erhebt sich ein weiteres zukünftiges Galeriezentrum wie Phönix aus dem Märkischen Sand der Berliner Heidestraße 46-52, kunst- und verkehrsstrategisch clever eingebunden zwischen Hamburger Bahnhof und Hauptbahnhof.“
Anne Haun-Elfremides, www.artnet.de, 4. Oktober 2006

„Vom dritten Stock eines alten Fabrikgebäudes, das Autowerkstätten, Speditionen und ein aufdringliches Mietcenter (‚Vermietet fast alles‘) überragt, sieht man den Hauptbahnhof unwirklich hinter Bäumen hervorragen, eine Glasröhre mitten im Wald. […] Direkt vor dem Gewerbehof, im Hinterland des Regierungsviertels, erstreckt sich eine pittoreske Brache. Eine Frau durchquert von Moabit kommend das Ödland; sie wirkt verloren wie eine Figur aus einem Antonioni-Film. Erste zarte Birken und anderes Pioniergehölz wachsen auf dem ehemaligen Güterbahnhof. Plötzlich schießt ein ICE aus einem Tunnel Richtung Hamburg und durchschneidet die verwahrloste Idylle.“
Daniel Völzke, Der Tagesspiegel, 20. August 2007

„Die Zukunft liegt in der Heidestraße  Nummer 46, genau zwischen einem Kfz-Sachverständigen-Büro und dem ‘Elektrogroßhandel für Profis’. An der vielbefahrenen Verkehrsachse hinter dem Hauptbahnhof drängt sich Kunstpublikum vor einer schlichten Halle.“

„Noch gibt es viel Platz an der Heidestraße, die in der Kunstszene als unverbrauchter Geheimtipp gilt, abseits der Trampelpfade der globalen Kunstwelt. Noch überwiegt der Charme des Industriellen mit einzelnen Kunst-Farbtupfern. Die Galerie ’Spielhaus Morrison’ gehörte zu den ersten Galerien, die 2006 in die Hausnummer 46 zogen. […]

Fruehsorge schwärmt von der Weite des Brachlands, von Offenheit, vom Glück, dem ’ausgelutschten’ Kunstviertel Mitte entronnen zu sein. ’Hier draußen ist Inspiration noch möglich’, findet er.“
Nina Apin, taz, 03. September 2007

„Noch wird die Gegend fast nur von Autos belebt. ‘Eine Rennstrecke ist das geworden,’ sagt Bodo Bitterling. Vor seinem Pkw-Service braust der Verkehr der Heidestraße, täglich bis zu 40 000 Fahrzeuge. Bitterlings Betrieb liegt im Gewerbehof, der wie eine Insel in der Ödnis wirkt.“
Christian van Lessen, Der Tagesspiegel, 25. Februar 2008

Ode_9294_s-250„Manchmal verirren sich ein paar Kunstinteressierte auf das Areal hinter dem Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof. Wenn sie Glück haben, treffen sie auf dem alten Bahngelände mit seinen heruntergekommenen Speditionshallen Kristian Jarmuschek. Dann fällt es ihnen vielleicht leichter, dem ehrgeizigen Vorhaben von Land, Bahn und Vivico eine Chance einzuräumen. Denn die drei größten Grundstückseigentümer entlang der Heidestraße wollen aus der 40 Hektar großen Ödnis, die sich hinter dem Hamburger Bahnhof zwischen Invalidenstraße, Perleberger Brücke, Fernbahntrasse und Spandauer Schifffahrtskanal erstreckt, ab 2010 ein neues Stadtquartier emporwachsen lassen.“ Isabell Jürgens, Die Welt, 15. April 2008

„Spannend – dieses eine Wort sagt Hamish Morrisson [sic] immer wieder. Die Heidestraße nördlich des Hauptbahnhofs findet er spannend wegen der großen Brachflächen und den wenigen Häusern. In einem der Häuser auf dem Gewerbehof Nummer 46-52 hat Morrisson [sic] seit eineinhalb Jahren wie neun weitere Galeristen seine Ausstellungsräume. Spannend sei auch der Weg zu seiner Galerie, weil man an einer Autowerkstatt vorbeikommt. Anfangs haben die Besucher nur gefragt: ’Warum seid ihr in die Wüste gezogen?’“
Uwe Aulich, Berliner Zeitung, 25. April 2008

„Der Standort Heidestraße ist ein Schatz, dessen Wert für Berlin man sich angesichts der unerschlossenen Brachen noch gar nicht vorstellen kann. […] Die Gegend um die Heidestraße wird eines Tages alle Merkmale einer lebendigen und urbanen Metropole aufweisen.“
Ingeborg Junge-Reyer (damals Senatorin für Stadtentwicklung), Webseite www.berlin.de,5. Mai 2009

„Der Neuordnungsbereich Heidestraße ist zurzeit vor allem ein Durchgangsraum am Rand der Berliner Innenstadt. Am südlichen Rand des Plangebiets und in der näheren Umgebung finden sich jedoch wichtige zentrale Nutzungen, die Ansatzpunkte für die zukünftige Entwicklung darstellen können. […] Mit der Aufgabe der Bahn- und Gewerbenutzungen im Neuordnungsbereich eröffnen sich zudem erhebliche Flächenpotentiale und Chancen, um das Gebiet einer lagegerechten städtischen Entwicklung zuzuführen.“
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Begründung Bebauungsplan-Entwurf 1-62, Juni 2010

„Heidestraße, Berlin-Moabit. Stark befahrene laute Straße, die vom Tiergartentunnel nach Norden führt. […] Die westliche Seite besteht überwiegend aus aus Gewerbeeinheiten und der Brache des ehemaligen Lehrter Güterbahnhofs. Durch die Ansiedlungen am Hamburger Bahnhof beginnt sich die Struktur langsam zu wandeln. In die Gewerbeeinheiten ziehen immer mehr Galerien.“
Webseite www.berliner-stadtplan.com, vermutlich 2010

Ode_6658_s-250„Weshalb in die enge City gehen, wenn es hinter dem Hamburger Bahnhof so imposante Gewerberäume gibt? Bei Haunch of Venison hat man das Potential der Heidestraße gleich erkannt, Berlins finanzielle Potenz dafür aber heftig überschätzt. Objekte wie der turmhohe Aschekopf von Zhang Huan (2007) hatten zwar viele Bewunderer. Doch die großen Verkäufe an der Heidestraße blieben aus.“
Der Tagesspiegel, 18. November 2011

„Wir wollen in die Heidestraße, mal sehen, wie sich der Kunst Campus mit den Galerien dort macht. Die Graft Architects, mit denen [Brad Pitt] einige Projekte entwickelte, haben in den alten Industriehallen Nummer 46-52 ihr Domizil, ebenso wie die bekannten Museumsplaner Kuehn & Malvezzi und das internationale Produktstudio Aisslinger. Und Darklands ist mittendrin, ein Guerilla-Modelabel, so cool wie rabenschwarze Kohle. Sieben Galerien zählen wir, aber die Fluktuation ist da. Haunch of Venison, Nolan Judin, alle weg. Es regnet, die Gegend ist ohnehin schrecklich trostlos.“
Gabriela Walde, Kunstkolumne der Berliner Morgenpost, 11. November 2012

„Das Gebiet der Heidestraße in Berlin – jahrzehntelang ein „Niemandsland“ zwischen Ost und West und geprägt durch die Berliner Mauer, Containerbahnhof und Lagerhallen – ist heute eines der zentralen Zukunftsgebiete der Stadt.“
Ingeborg Junge-Reyer (damals Senatorin für Stadtentwicklung), Webseite www.stadtentwicklung.berlin.de, Stand 2013

„Das Areal an der Heidestraße war mal ein künstlerisches Biotop, aber die Zeiten sind vorbei“, sagt auch Werner Aisslinger. „Der Ort ist ein Auslaufmodell für die kreative Szene, hier herrscht eine Stimmung der Abwanderung, bedauert der Designer den Wandel. Aisslinger nutzt in der Heidestraße in einem Gewerbealtbau ein 500 Quadratmeter großes Atelier. Trägt sich aber auch mit dem Gedanken, die Gegend zu verlassen.“
Sabine Gundlach, Berliner Morgenpost, 25. Februar 2013

Nachtrag:
Drei Jahre später wieder eine interessante Ausstellung mit Fotografien zur Heidestraße von 10 verschiedenen Fotografen: „Heidestraße – Vom Niemandsland zur Europacity“ mit Fotografien von Ekkehard Keintzel, André Kirchner, Andreas Muhs, Peter Oehlmann, Jörg Schmiedekind, Wolf Jobst Siedler, Peter Thieme, Volker Wartmann, Arnd Weider und Jochen Wermann. Vom 18. März bis 30. April 2016 im Haus am Kleistpark, sowie am 5./6. November 2016 (und danach Montag bis Freitag bis zum 15. Dezember 2016 nach telefonischer Vereinbarung: 030-53156234) im Berliner Salon für Fotokunst. Zur Ausstellung ist auch ein Buch (on demand) erschienen.

Film über diese Fotoausstellung:

7 Kommentare auf "Mit anderen Augen sehen"

  1. 1
    vilmoskörte says:

    Danke für den schönen Bericht. Eigentlich wäre der „richtige“ Ausstellungsort ja irgendwo vor Ort in der Heidestraße selbst oder wenigstens in Moabit, in der Galerie Nord, z.B.

  2. 2
    Rané says:

    @ vilmos
    Kennst Du die Probleme der Galerie Nord ? Oder der Theater und anderer kultureller und sozialer Einrichtungen im Bezirk Mitte ? Vermute mal nein, denn es geht hier um den Erhalt von Bestehendem und leider nicht um zukunftsträchtige Visionen.

  3. 3
    vilmoskörte says:

    @Rané: Was hat dein Einwand denn nun mit meinem „Vorschlag“ zu tun, die Ausstellung in Moabit zu zeigen?

  4. 4
    K. S. says:

    Versuch einer Antwort zu (3) auf (2): Nichts!

  5. 5
    Rané says:

    @ Vilmos Bei der derzeitigen Kulturpolitik in Mitte und beim Senat erübrigt sich wohl Deine Frage. Es geht um nichts anderes als um die kreative Substanz dieser Stadt. Der „Kunstmarkt“ ist die eine Seite, „Kunst“ die andere.

  6. 6

    Wunderschön der Artikel und die Fotos dazu. In die ehemalige Galerie Fruehsorge, die jetzt in der Lehrter Straße 43 umgezogen ist, sind wir jetzt mit einem Tanzstudio für Tango, Salsa und Kizomba eingezogen. Wir werden versuchen den Ort mit Lebendigkeit und Tanzkultur zu beleben und sind froh in dieser kreativen Umgebung gelandet zu sein. Eine Enklave in der zukünftigen EuropaCity !

  7. 7
    Susanne Torka says:

    auch TANAS macht zu und die Edition Block zieht im nächsten Jahr weg nach Charlottenburg-Wilmersdorf:
    http://www.tanasberlin.de/index.php?nav=aktuell
    Abschiedkonzert am Samstag:
    https://moabitonline.de/events-2?event_id=14275

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