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Das Fenster zum Hof

Sommer 2009.
Mein Fenster ist schon seit Wochen offen. Nur ein Fliegengitter rettet mich aus der Hitze in der Wohnung und vor den Mücken, die bestimmt schon eine eigene Religion gegründet haben, wo mein Blut als kostbare Opfergabe für den Mückengott gilt. Nur bei Gewitter reisse ich das Fliegengitter manchmal ab, damit ich das Fenster besser schließen kann. Und die beiden Tauben, die jeden Tag vor meinem Fenster auf dem Dach herumspazieren und turteln, verstecken sich dann in der Dachrinne.
Aber meistens steht es offen. Und ich kann, wenn ich wollte, meine Nachbarn von gegenüber grüßen und sie beim Essen beobachten. Oder sehen, wer gerade eine WG-Party schmeisst und wie sich die Raucher auf dem Flur versammeln, weil es anscheinend eine rauchfreie Wohnung ist. Willkommen im Berliner Altbau-Wohnungskomplex mit Innenhof. Hier leben Sie anonym und ohne jede Intimität zugleich!

Eines Nachts saß ich am Schreibtisch. Es war noch frühe 22:00. Gerade warm genug, dass ich von Mineralwasser zu Tee wechselte und mein Zigarettenkonsum stieg. Meine Bücher liebten mich. Ich hasste sie. Bald ist Staatsexamen. Nachts wurde ich von Dozenten geweckt, die mich in meinem Traum ausfragten, was ich mit einem Patienten mit Cerebralparese tun würde. Und welche Folgen Diabetes Mellitus hätte. Oder wie der 3. Hirnnerv heißt, wo er langzieht, was er wie innerviert. Mein Respekt vor Medizinstudenten stieg zum ersten Mal seit ich meine Ausbildung mache. Die müssen ja noch mehr wissen.

Dann knallte es. Wamm. Wamm. Wamm. Es krächzte. Und quietschte. Und dann knallte es wieder.

Ich bin nicht neugierig, nein, ich wollte nur wissen, was los ist. Und zum Glück gibt es dafür Fenster. Schließlich saß ich halbnackt an meinem Schreibtisch, quälte mich grad mit Neuroorthopädie und der Sommerhitze und erinnerte mich zwischendrin zu trinken und 22:00 ist auch keine Zeit, um Lärm zu schlagen.
Das Fenster zum Hof, gleich gegenüber meinem, erhellte einen Flur. Zwischen dem 4. und 5. Obergeschoss Vorderhaus. Und mich schauten drei Feuerwehrmänner an, die drüben am Fenster hockten und anscheinend nichts zu tun hatten. Im Hintergrund war ein kräftiger Mann gerade dabei die Tür einzutreten. Hin und wieder huschten Polizisten am Fenster vorbei. Das ging gute 10 Minuten lang so. Wäre das Dach mit Scharfschützen vom SEK besetzt gewesen, hätte ich durch mein Fenster das größte Live-Kino überhaupt erlebt. Mein Freund und ich machten schon Witze, ob wir uns nicht Popcorn und Cola organisieren sollten.

Aber da waren keine Scharfschützen.
Die Stadt schlief. Der Nachbar unter der Wohnung, wo die Feuerwehrmänner Zugang suchten, hantierte unbeirrt in seiner Küche herum. Alle anderen Wohnung waren dunkel oder nur schwach beleuchtet. Der Feuerwehrmann hämmerte, trat, bohrte, trat wieder. Seelenruhig. Konzentriert. Und die Wohnung im 5. Obergeschoss, in die bald die Polizisten reingehen würden, machte meinem Licht Konkurrenz. Denn eigentlich wunderte ich mich schon die Nächte davor, dass dort jemand so nachtaktiv war wie ich. Bestimmt noch so ein Trottel, der im Sommer lernen muss.

Wamm.
Die Tür war offen. Man sah die Feuerwehrmänner vor der Tür stehen und dann zum Flurfenster rennen um es aufzureissen. Jetzt trennte uns nichts ausser 20m Luftweg und ein Fliegengitter.

Der Tod kennt keine Zeit. Der Tod hat nämlich alle Zeit der Welt. Er lauert lange, entzieht einem langsam die letzten Kräfte, oder überfällt einen plötzlich. Oder alles zusammen.
Wenn der Tod schon da war, bleibt er bis zum letzten Augenblick. Er sieht zu, wie das Licht aus den Augen verschwindet, die Leichenstarre einsetzt, die Leichenstarre sich wieder löst, die Haut fleckig wird, der Körper Schritt für Schritt bis zur Unkenntlichkeit zersetzt wird. Der Tod riecht. Gerade im Sommer riecht er penetrant. Man möchte kotzen von dem Geruch. Und dann hat man tagelang den Geruch des Todes in der Nase. Das sagen zumindest die Menschen, die sich mit toten Körper befasst haben oder befassen mussten.

Ein Ausflug in die Leichensektion blieb mir bisher erspart und ich denke, dass mein Wissen, welches ich mir aus zahlreichen Krimiromanen angeeignet habe, die sich hauptsächlich um forensische Anthropologie drehten und das, was ich aus einem Basislehrbuch für Rechtsmedizin herausgelesen habe, niemals reichen wird um zu begreifen, was der Tod wirklich bedeutet. Bis man es selbst erlebt hat. Und danach interessiert es einen eh nicht mehr, denn man ist ja dann tot.

Gegen 1:00 war die Spurensicherung vorerst fertig. Sie brachten eine Bahre hoch zum Flur und stellten sie vor der Tür ab. Dann brachten sie den Leichnam heraus. Es war eine Frau. Ihr lebloser Arm hing schlaff herunter. Wenn es so bestialistisch gestunken hat, muss sie schon länger dort oben gelegen haben. Sie legten sie auf die Bahre und wickelten sie in ein weißes Tuch ein, ehe sie die Frau für die nächste Zeit in einem Leichensack einschlossen.

Ich kannte sie nicht. Ihr Türschild wird mir nur ihren Namen verraten. Nicht den Menschen hinter diesem Namen. Nicht den Menschen, der hinter der Tür irgendwo lag und vielleicht gelitten hat. Oder zumindest alleine war als der Tod sie besuchte und blieb.

In dem Moment, wo ich die tote Frau sah überkam mich so ein Gefühl, das ich schon länger nicht mehr so intensiv spürte:

Wir sind alle einzigartig!

Wir sind einzigartig in unserem Charakter, unserem Aussehen, unseren Fähigkeiten, unserem Wissen, unserer Liebe… wir sind so verdammt einzigartig, dass es sogar fast nicht auffällt, wenn etwas Einzigartiges in dieser Fülle von Einzigartigkeiten auf dieser Welt nicht mehr da ist. Denn etwas anderes kann diesen leeren Platz einnehmen und erfüllen.
Die Einzigartigkeit meiner Nachbarin werde ich niemals herausfinden. Bestenfalls wird eine Todesanzeige ihren Abschied verkünden und nochmal deutlich machen, wieviele Menschen an ihr gehangen haben. Oder auch nicht.

Die Tauben werden wie gewohnt auf das Dach fliegen. Sie werden wie immer vor meinem Fenster hocken und sich bei Regen in der Dachrinne verstecken. Der Baum, der im Innenhof steht und das Haus längst überholt hat, wird weiterhin blühen, grünen, kahl werden und nächstes Jahr wieder blühen. Irgendwann wird jemand Neues in die Wohnung dort oben ziehen. Und das Licht wird jemand anders an- und ausschalten.

Jemand Einzigartiges.

Text: Natalie Nagashima

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