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Es hält ein Zug im Irgendwo

Bald wird Berlins großer Hauptbahnhof eröffnet. Für Reisende gehört dann die Lehrter Straße zum neuen Zentrum. Eine Führung.

L_27-30_winter-250Das Mietshaus macht noch heute viel her, mit seinen Erkern, Giebeln und den dunklen Granitsäulen neben dem bis in die Beletage reichenden Portal. Steinmetz M. L. Schleicher muss ein wohlhabender Mann gewesen sein, als er sein Haus 1888 in der Lehrter Straße errichtete. Aber die Fabrik gleich dahinter, mit der er sein Geld gemacht hat, die ist längst weg. Und so führt der Blick durch die Einfahrt ins Leere. Aber das ist so ungewöhnlich nicht in dieser Straße, die von mehr als nur einer Brache gesäumt wird.

Ihren Anfang nimmt die Lehrter Straße am neuen Hauptbahnhof. Mit dessen Eröffnung am 28. Mai wird sie topografisch zum Bahnhofsviertel gehören. Und mehr Bahnhofsviertel wird es auf Jahre hinaus nicht geben. Die Lehrter Straße begrenzt das weite Gelände des ehemaligen Container-Bahnhofs, die große Leere, vor der Reisende stehen werden, die den Bahnhof durch den Nordausgang verlassen.

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass irgendjemand aus Neugierde seinen Fuß in diese Straße setzen wird. Denn viel zu sehen gibt es erst mal nicht. Erst kommt die Notunterkunft der Stadtmission. Dann macht die Straße einen Knick, zieht sich links die Backsteinfassade der Justizvollzugsanstalt elend lange hin und rechts ducken sich Lagerplätze hinter einer ebenso langen Mauer weg.

Lehrter-str-250Am Schleicher-Haus ist über die Hälfte der eineinhalb Kilometer langen Straße zwischen Hauptbahnhof und Perleberger Brücke schon rum. Aber erst hier wird der Spaziergänger einkehren können. Unten im Haus ist das „Mediterraneo“, einziges Restaurant auf der ganzen Strecke. Drinnen, unter einer hölzernen Pergola, hängt das Foto einer alten Dame. „Klara Franke“, sagt Dogan Kahriman, der Wirt. Klara Franke war Stammgast hier, sofern man in ein paar Wochen Stammgast werden kann. Von der Eröffnung Anfang August 1995 bis zu ihrem Tod drei Wochen später kam sie beinahe täglich. Obwohl sie nie zuvor in ihrem Leben eine Pizza auch nur angerührt hatte. Aber mit dem neuen Lokal verband die 84-Jährige die Hoffnung, dass es mit ihrer Straße noch einmal so werden könnte, wie es früher war.

Die sie gekannt haben, und das sind nicht wenige in der Lehrter Straße, nennen Frau Franke in der Regel einfach nur Klara. Sie war die „Kiezmutter“, wie es auf einem Schild am „Klara-Franke-Spielplatz“ gleich neben dem „Mediterraneo“ heißt. Neuankömmlinge hat sie hier in die Gesellschaft eingeführt. Wie Wolfram Liebchen, den Baustoffhändler, der sein Geschäft inzwischen auch schon 20 Jahre betreibt. „Ich stell dich mal den Jungs vor“, hat sie zu Liebchen gesagt. Und dann hat sie ihn mitgenommen ins Gewölbe des alten Weinkellers hinten in der 48, wo die „Dragons“ ihr Clubheim hatten, Männer mit dunklen Lederjacken und schweren Motorrädern. Klara konnte gut mit Leuten, sie konnte aber auch sehr energisch werden, wenn sie der Meinung war, irgendein Stadtrat würde ihrer Straße wieder mal übel mitspielen. Dann kam es vor, dass sie sich mit ihrem Krückstock über alle Terminkalender hinwegsetzte und einfach in dessen Büro stürmte.

40 Kneipen habe es früher in der Lehrter Straße gegeben, hat Klara ihren jüngeren Nachbarn oft erzählt. Aber dann, es muss so in den 70er Jahren gewesen sein, gab es hier gar nichts mehr. Die Straße sollte einer Stadtautobahn weichen, lag jahrzehntelang im Koma. Und weil es sich nicht lohnte, noch eine Mark zu investieren, standen die meisten Häuser damals leer.

Die Autobahn war nicht der erste Versuch, die Lehrter verschwinden zu lassen. Hitlers Architekt Albert Speer wollte hier hinter der geplanten Großen Halle des Volkes das Große Becken bauen, einen Kilometer lang und 300 Meter breit. Auswirkungen der Speer’schen Monumentalplanung bekam Wolfgang Schäche, Architekturhistoriker, in den 50er Jahren noch am eigenen Leib zu spüren. Damals hat der noch junge Schäche in der Lehrter Straße Fußball gespielt, im Poststadion, bei Union 06. Und auf den Übungsplätzen neben dem Stadion stand nach einem Regen tagelang das Wasser. Nachdem sich Schäche später beruflich mit dieser Gegend befasst hatte, wusste er warum. Speer hatte dort Erdverdichtungsversuche vornehmen lassen, um den Boden für sein gigantisches „Germania“ zu bereiten. Da floss noch Jahre später kein Wasser ab.

tribuenengeb-alt-220Casino und Haupttribüne des Poststadions stehen heute unter Denkmalschutz, sind aber wegen Einsturzgefahr gesperrt. Die alten Kassenhäuschen sind mit Brettern vernagelt und auf den Rängen, wo einst 50 000 Zuschauer standen, wachsen heute 50 000 Birken, Robinien, Lupinen, der Natterkopf, Reseda und der Boxdorn, eine eigenwillige Blume, die nur zwischen zehn und zwölf Uhr blüht.

Schalke 04 hat in diesem Stadion 1934 seine erste Deutsche Meisterschaft gewonnen, und Max Schmeling hat hier geboxt. Vor der Eröffnung des Olympiastadions war das Poststadion die bedeutendste Arena Berlins. Damals hatten die 40 Kneipen in der Lehrter Straße Konjunktur. „Es war eine Prachtstraße“, hat Klara immer gesagt, „eine richtige Prachtstraße“. Über 60 Jahre hat sie im Haus Nr. 55 gewohnt, gegenüber der ehemaligen Heeresfleischerei. Dort, wo einst Schweine zu Konserven verarbeitet wurden, treten heute in den gekachelten Kellerräumen junge Bands zu den „Slaughterhouse“-Konzerten auf, Plakate kündigen eine Mädchenband mit „Sexy Rock aus Berlin“ an und das „Fuck-Racism“-Konzert. Die Heeresfleischerei ist zur „Kulturfabrik“ geworden, mit dem Café „Asbest“, mit Theater, Kino und Party.

Ohne die verkorkste Autobahnplanung gäbe es die Kulturfabrik nicht. Punkbands nutzten die leerstehenden Häuser als Übungsraum, und als die Autobahn verhindert war, die Häuser nach und nach saniert wurden, blieb die Heeresfleischerei übrig, denn die wollte 1991 keiner mehr haben. Aus gutem Grund, die oberen Etagen sind immer noch baupolizeilich gesperrt. Klara war auch im „Asbest“ Stammgast. Dort saß sie manchmal bis weit nach Mitternacht, Bitter Lemon trinkend und den jungen Leuten von früher erzählend.

Das Militär dominierte einst die Lehrter Straße. Schräg gegenüber von der Heeresfleischerei war das Heeresbekleidungsamt. In den roten Backsteinhäusern hat heute der Werkhof sein Quartier, werden Messepräsentationen entworfen,die Architekten Hutton und Sauerbruch haben ein Atelier und Zero Film hat hier „Blackbox BRD“ und „Das weiße Rauschen“ produziert. Im Obergeschoss des ersten Gebäudes betreibt Birgit Tümmers eine Agentur für Kommunikationsdesign, entwirft CD-Cover und Flyer. In einem hellen Raum sitzt ein halbes Dutzend junger Frauen zwischen den weiß getünchten gusseisernen Säulen still vor ihren Bildschirmen. In den Ritzen des Fischgrätparketts findet Birgit Tümmers immer mal wieder Stecknadeln und Knöpfe. Relikte der Uniformen, die hier geschneidert wurden.

Als vor über 20 Jahren die ersten Betriebe in den Werkhof einzogen, gehörte das Gelände dem Bund. Der saß in Bonn, und die Lehrter war Zonenrandgebiet. Doch dann kam der Bund nach Berlin, und die Straße rückte vom Rand in die Mitte, versprach plötzlich eine gefragte Adresse zu werden. Die Werkhofer brauchten schon ziemlich viel Unterstützung vom Bezirksamt und dem grünen Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele, in den 90er Jahren noch mit dem Wahlkreis Moabit aktiv, um in dem Bieterverfahren, in dem sie zunächst aussichtslos im Mittelfeld gelandet waren, eine zweite Chance zu bekommen. Die sie dann nach langem Hin und Her auch nutzen konnten. Heute bilden sie eine Eigentümergemeinschaft, und am Ende einer langen Geschichte steht die Einsicht, dass die Freiflächen in der Lehrter Straße doch keine Filetgrundstücke sind, bisher zumindest.

Auf der anderen Seite ist die Nummer 26 noch so ein Beispiel für ein Filetgrundstück, das bisher keines ist. Eine Einfahrt führt hinter eine dieser roten Backsteinmauern. Und plötzlich steht man vor einer Art Scheune, wie man sie aus Westernfilmen kennt. Wolfram Liebchen hat sie gebaut, mindestens zur Hälfte aus Schrott und gebrauchten Materialien,, dann habe er doch ein paar neue Balken verbauen müssen, „weil der Statiker sonst eine Krise gekriegt hätte“, wie der 50-Jährige mit dem immer noch dichten blonden Haar („nee, alles echt“) sagt. In seinem Schuppen lagert Liebchen , der mal Soziologie studierte, Hunderte alter Türen, Fenster, Kacheln, Treppengeländer, Türklinken und so weiter. Das Gelände gehört der Bahn. Die weiß aber nicht so recht was damit anzufangen, und so ist Liebchen seit über 20 Jahren Zwischennutzer. Er handelt mit antiken Baustoffen. Wenn irgendwo abgerissen wird, kommt er und holt raus, was zu gebrauchen ist.

Klara-mit-Hämer-250„Nischen sind ja bekanntlich die Räume, in denen sich Leben entwickelt,“ sagt Hardt Walther Hämer, „und Dinge, die im Scheinwerferlicht liegen, können eigentlich nur die dem Scheinwerferlicht geschuldete Lebensform entwickeln.“ Im Scheinwerferlicht liegt der Bahnhof. Hämer, Architekt und Stadtplaner, gilt als Vater der behutsamen Stadtentwicklung, die in den 80er Jahren an die Stelle der Sanierung mit der Abrissbirne trat. „Mit den Menschen, die dort leben, zusammen planen“, heißt die Devise, „und nicht über deren Köpfe hinweg.“

Schade, dass die alte Dame nicht mehr lebt, sagt Hämer, Klara Franke sei ja ein Glücksfall gewesen. Denn mit den Menschen zusammen etwas entwickeln könne man schließlich nur, wenn es auch Menschen gibt, die das mittragen. Klara war immer dabei. Auch als im Casino des Poststadions die „Bürgerinitiative für eine billige Prachtstraße“ gegründet wurde. Natürlich geht der Name auf sie zurück. Es war eine Prachtstraße, hat sie immer gesagt, und es soll auch wieder eine werden. Nur eben nicht so teuer.

Diese Prachtstraße war auch Adresse des berüchtigten Zellengefängnisses. „Von morgens halb fünf bis nachts um halb eins. Die Stadtbahn fuhr alle drei Minuten. Jedesmal rief eine Frauenstimme durch den Lautsprecher auf den Bahnsteig: Lehrter Straße. Lehrter Straße“, schrieb der Schriftsteller Wolfgang Borchert. Er war einer der Insassen im Zellengefängnis Moabit, gegenüber der Stadtbahn, dort wo die Lehrter Straße anfängt.

Blick-nord-Mauer_ST-200Ein Teil der Gefängnismauer ist übrig geblieben, zwei Wohnhäuser für das Personal, der Beamtenfriedhof. Auf dem Friedhof der Geköpften pflanzen Kleingärtner heute Kartoffeln an und finden angeblich bei der Ernte auch schon mal einen Knochen. Die letzte Hinrichtung wurde hier 1949 vollstreckt.

Der Schuster Wilhelm Voigt, berühmt geworden als Hauptmann von Köpenick, hat hier eingesessen. Und Albrecht Haushofer, der hier seine „Moabiter Sonette“ schrieb, wurde zusammen mit 16 weiteren „Verschwörern“ des 20. Juli am 23. April 1945, nur wenige Tage vor der Befreiung Berlins, aus dem Gefängnis hinausgeführt und ungefähr da, wo jetzt der Bahnhof steht, erschossen.

Auf der großen Leerfläche des ehemaligen Containerbahnhofs wird die Bahn nach der Rücknahme ihrer Umzugspläne eventuell ihre Konzernzentrale bauen. Die Planer würden gerne darüber hinaus ein „lebendiges großstädtisches Quartier“ entwickeln. Doch wird in Berlin noch ein Potsdamer Platz gebraucht?

Sollte sich trotzdem demnächst ein Investor für eine der Freiflächen interessieren und eine große Zukunft planen, muss er sich auf eine gut eingespielte Anwohnerschaft einstellen. Beteiligungsverfahren werden in der Lehrter Straße außerordentlich ernst genommen. Kaum ein Haus, an dem nicht Handzettel des „Betroffenenrats“ kleben, im Moment geht es auch um den Klara-Franke-Spielplatz. Schwer vorstellbar, dass der gefährdet sein könnte.

Klara Franke wird hier heute noch als Vorbild gehandelt. Früher war sie es, die Geschichten erzählte, heute spricht man von ihr. Und es kursieren eine Menge Klara-Geschichten, solche wie die zum Beispiel, als die alte Dame in Kreuzberger Kneipen ging, um zu fragen, ob nicht jemand Lust hätte, in der Lehrter Straße ein Haus zu besetzen.

Die letzte Geschichte ist vom 26. August 1995, ihrem Todestag. Man hatte sich zum Pizza-Essen getroffen, im Mediterraneo. Das heißt, Klara mochte ja keine Pizza, sie hatte Filet, die letzte Rechnung hängt noch heute hinter ihrem Bild. Sie wird ein Nickerchen machen, dachten die Freunde am Tisch. Keiner wollte sie stören.

Text: Burkhard Meise, Fotos: Susanne Torka und aus dem privaten Archiv von Ingrid Thorius

Zuerst erschienen im Tagesspiegel vom 26.2.2006 (und dort seit einiger Zeit nicht mehr online verfügbar)

Nachtrag:
Ein historischer Spaziergang mit Gerhild Kommander (Lindenblatt, Juli 2007).

2008 „Eine Ortsbesichtigung“ des Lehrter-Kiez in der TAZ. 2009 eine Reportage im tip-magazin.

6 Jahre später läuft Nina Raake für den Tagesspiegel durch die Lehrter – nicht alle ihre Einschätzungen sind so wirklich 100% zutreffend, aber die Dorfatmosphäre kommt rüber: Ein Dorf von Welt.

Nach 8 Jahren wieder ein Spaziergang durch die Lehrter Straße, jetzt geht es um die Auswirkungen des Neubaus: Warum ein Kiez Angst vor dem Neuen hat, Julia Haak in der Berliner Zeitung.

So alle 2 Jahre scheinen Lehrter Straßen Spaziergänge beliebt. 2016 mit dem Inforadio (Nahaufnahme): Das Biotop Lehrter Straße (nicht mehr online verfügbar).

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