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Sammeln, Bewahren, Ausstellen

In der Elberfelder Straße ist seit einem Jahr eine wunderbare Design-Sammlung zu besichtigen

Werner Ettels Vater besaß einen Rasierapparat der Firma Braun. Die Mutter eine Küchenmaschine derselben Firma. Und irgendwann schenkten ihm die Eltern einen Braun-Wecker, damit er pünktlich in die Schule kam.
Eigentlich hatte damals, in den 50er und 60er Jahren, fast jede westdeutsche Familie irgendein Gerät aus dem Hause Braun – oft, ohne sich dessen sonderlich bewusst zu sein. Unspektakuläre Alltagsdinge wie Kaffeemaschinen, Uhren, Feuerzeuge, Haartrockner. Doch Ettels Wecker war nicht das Objekt seiner jugendlichen Begierde. Er drückte sich vielmehr die Nase an Schaufenstern platt, um all die modernen Braun-Phono-Innovationen zu bewundern: Verstärker, Radios, Plattenspieler – die allerdings waren damals für ihn unerschwinglich. Ein Weltempfänger kostete 1500 DM, die beste HiFi-Musikanlage samt Boxen über 12.000 DM – soviel wie ein Mercedes 180 SL. Werner Ettel mochte aber nicht nur Musik und perfekten Klang, sondern bewunderte vor allem die Gestaltung der Braun-Produkte.

Braun_CE_250Ettel ist heute 64, der pensionierte Kunsterzieher hat sich inzwischen einen großen Traum erfüllt. Er sitzt in seinem kleinen, selbstgeschaffenen „Braun-Museum“ in der Elberfelder Straße 37 und zeigt auf die sagenhafte Musikanlage von damals. Vor 20 Jahren begann er, Braun-Design zu sammeln. Ab dem Jahr 2000 konnte er – zunächst in der Zitadelle Spandau – diese Sammlung erstmals der Öffentlichkeit zugänglich machen, seit Anfang dieses Jahres befindet sie sich in der Elberfelder Straße.
Der Ladenraum im Erdgeschoss ist gefüllt mit sorgfältig geordneten Fernsehgeräten, Stereoanlagen, Konsolen mit Küchen- und Kosmetikgeräten, Fotoapparaten, Super-8-Kameras, Taschenrechnern. Links im Raum zieht sich eine Regalwand mit zahlreichen Büchern und Publikationen zum Thema Design. An den Wänden hängen Fotos, Plakate und viele Informationen zur Geschichte der Firma. Das Bild zeigt eine Musiktruhe von 1959: links das Tonbandgerät, in der Mitte das Radio, rechts der Plattenspieler.
Allein die liebevolle Raumgestaltung zeigt, dass hier kein Sammler am Werk ist, dem es darum geht, eitel seine Schätze zur Schau zu stellen. Werner Ettel geht es vielmehr um eine Philosophie, um den Zusammenhang von Design, Alltag und Leben.

Er weiß viel zu erzählen über die Firma, die 1921 in Frankfurt/Main als „Werkstatt für Apparatebau“ vom Ingenieur Max Braun gegründet worden war und 1951 von dessen Söhnen übernommen wurde. Ab Mitte der 1950er Jahre beginnt die Hochzeit der Firma: 1950 geht der erste elektrische Trockenrasierer in Serie, die damals produzierte Küchenmaschine „Multimix“ zählt bis heute zu den langlebigsten Industrieprodukten. 1955 sorgt die Vorstellung des neuen Braun-Rundfunkgeräte-Designs international für Furore. Von 1955 bis 1995 war Braun, erkennbar am charakteristischen Schriftzug mit dem hochgezogenen A, mit seinem gewaltigen Produktionsquerschnitt an technischen Geräten mehr als nur ein Marktführer: Er war in der Verbindung von technischer Innovation und Design wegweisend.

Ettel fasziniert vor allem die Philosophie des legendären Braun-Designs. Seit Mitte der 50er Jahre knüpfte es an die Traditionen der modernen Bauhaus-Avantgarde an, die 1933 von den Nazis aus Deutschland vertrieben worden war. Neben Gestaltern der „Staatlichen Ingenieurschule Ulm“ prägte vor allem der Architekt Dieter Dams als Leiter der Braun-Design-Abteilung maßgeblich das gestalterische Credo, das noch heute in Form von „Zehn Geboten für den Designer“ auf einem Plakat der Sammlung nachlesbar ist.
Funktional, zweckmäßig und formschön sollten die Dinge sein, minimalistisch, ohne überflüssigen Schnickschnack, einfach zu bedienen, aber mit allen Finessen technischen Fortschritts. Werner Ettel begeistert diese ästhetische Haltung: „Klare Linien, gute Proportionen, Harmonie in der Form, Reduzierung auf das Einfache und Notwendige. ‚Stumme Diener’ sollten die Geräte sein, unaufdringlich, aber bei Bedarf immer verfügbar. Wichtig war auch das selbsterklärende Design: Man musste keine dicken Gebrauchsanweisungen wälzen, um ein Gerät gleich bedienen zu können.“ Anhand einer Serie von Audio-Kompaktgeräten demonstriert er, wie Gestaltung und Technik immer weiter in Details perfektioniert wurden.
Nicht zuletzt ging es auch um etwas, das heute „Nachhaltigkeit“ heißt. „Die Gebrauchsgegenstände sollten möglichst langlebig und reparabel sein“, sagt Ettel – anders als heute, wo Massenproduktionen auf Verschleiß und Neukauf ausgelegt sind. Das Credo des Chefdesigners Dieter Rams war: „Wir wollen keine VERbraucher, sondern GEbraucher.“

Dem Kunstpädagogen Ettel geht es mit seiner Sammlung um die Trias „Sammeln – Bewahren – Ausstellen“, um die Vermittlung eines gestalterischen Ethos. Es macht ihm Spaß, wenn er den Besuchern, darunter auch Schulklassen, diese Design-Philosophie vermitteln kann, wenn man sich gemeinsam darüber unterhält. Er wünscht sich, dass seine Sammlung als Archiv und Wissensspeicher verstanden wird, dass sich Besucher vor dem großen Regal mit Design-Literatur niederlassen und sich in die Lektüre vertiefen. Und immer wieder schön ist es, wenn Besucher staunend die Räume betreten und fast jeder spontan erzählt, dass er auch mal so ein Gerät hatte – oder immer noch hat.

Text: Ulrike Steglich, Foto: Christoph Eckelt, bildmitte

Zuerst erschienen in der „ecke turmstraße„, Nr. 8,  november 2013

Braun Design Sammlung Ettel, Elberfelder Str. 37, 10555 Berlin-Moabit
geöffnet sonntags und montags 11-17 Uhr, bei tel. Voranmeldung auch weitere Termine möglich (z.B. für Schulklassen), Tel. 33776387
Spende statt Eintritt bitte! Um die Sammlung weiter zu erhalten, wurde eigens ein gemeinnütziger Verein gegründet: Braun Design Freunde e.V.

Artikel in der Berliner Woche mit schönen Bildern.

2 Kommentare auf "Sammeln, Bewahren, Ausstellen"

  1. 1
    R@lf says:

    BRAUN – da wird man echt nostalgisch. Super Design (an dem sich selbst APPLE noch orientiert), klasse Funktion, erstklassige Haltbarkeit und mustergültige Reparaturfreundlichkeit. Ich benutze heute noch Geräte der Firma aus den 1950er-1960er Jahren. Aber die haben auch damals schon gekostet.
    Leider wird unter diesem Namen, wie unter so manchem anderen guten Qualitätsnamen, nur noch Durchschnitts“schrott“ produziert – vieles davon mit „Sollbruchstelle“ und ohne Chance auf Ersatzteile (wie schön, dass 3D-Drucker immer besser und preisgünstiger werden!). Es lebe das Reparaturcafé!
    Wenigstens kann mensch sich immer noch an unkaputtbaren BRAUN Geräten freuen, die womöglich noch an die Enkel weitervererbbar sind, ohne dass sie den Geist aufgegeben haben. Muster für eine bessere ZUKUNFT.

    (Hat übrigens jemand n Tipp, wo ich nen Deckel für meinen BRAUN Standmixer herkriege? Den hat der Zahn der Zeit zernagt. Und der ist -damals aus PVC gefertigt- auch nicht mehr zeitgemäß.)

  2. 2
    vilmoskörte says:

    Zu 1: Ralf, schau doch mal bei diesem Ersatzteilversand.

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