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Der Internist Dr. Mod Helmy – ein „Gerechter unter den Völkern“

Posthum: Yad Vashem ehrt einen Berliner Arzt, der Verfolgten im Naziregime half

Ende September dieses Jahres gab die weltberühmte israelische Gedenkstelle Yad Vashem bekannt, sie werde – als ersten Ägypter überhaupt – den ehemaligen Berliner Arzt Dr. Mod Helmy als „Gerechten unter den Völkern“ ehren. Doch als Helmy vor über dreißig Jahren in den Abendstunden des 10. Januar 1982 in seiner Charlottenburger Wohnung starb, war von seinem Mut und seiner Menschlichkeit nur wenigen noch etwas bekannt. Die Todesanzeige im Berliner „Tagesspiegel“ gab seine Witwe Emmy auf, „im Namen aller Angehörigen“; keine Kinder, keine Freunde. Und als Emmy Helmy am 09. Januar 1998 starb, wies der Erbschein nur Verwandte Helmys in Ägypten als Erben aus – niemanden in Deutschland. Er schien fast vergessen.

Krefelder-7-2501991 bzw. 1993 eröffneten wir unsere Praxen als Krankengymnastin und Chirurg in der Krefelder Straße 7 in Moabit. Der Hauseigentümer, 1945 noch als Mieter in das Haus gezogen, erzählte uns von einem Mitbewohner, der zwar bald auszog, ihn aber doch so beeindruckt hatte, dass er sich an dessen Namen 45 Jahre später noch immer erinnerte: Dr. Helmy. Und er meinte zu wissen, dieser hätte im Haus während der Nazizeit eine illegale Arzt praxis unterhalten und Verfolgten geholfen. Der Sache nachzugehen fehlte uns die Zeit.

Zwanzig Jahre später waren wir zu einer Stolpersteinverlegung vor der Krefelder Straße 20 in Moabit eingeladen. Dort sprach uns der Psychoanalytiker Dr. Wolfgang Krüger an und fragte, ob wir nicht über den mutigen Ägypter recherchieren wollten, der als Arzt in „unserem“ Haus gelebt hatte? Auf diesen zweiten Anstoß hin konnten wir mithilfe vieler Unterstützer Helmys Lebensweg rekonstruieren.

Konflikte mit der Nazi-Diktatur wegen despektierlicher Äußerungen über Rudolf Heß

foto_mohammed_helmy-yad_vashem-250Mod (für „Mohamed“) Helmy wurde am 25. Juli 1901 im damaligen ägyptischen Khartum geboren. Die Mutter war Deutsche, der Vater Ägypter. Über seine Jugend wissen wir nichts. In Ägypten muss er den in Kairo aufgewachsenen späteren Stellvertreter Hitlers kennengelernt haben, denn despektierliche Äußerungen über Rudolf Heß’ Geistesgaben brachten Helmy während der Nazi-Diktatur in Schwierigkeiten. (Um sich aus diesen zu befreien, ersuchte er um ein Gespräch mit dem ihm ebenfalls bekannten Bruder Alfred Heß, was dieser, ein hoher NSDAP-Funktionär im Auswärtigen Amt, rundweg ablehnte.)

In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts kam Helmy nach Berlin. Er studierte Medizin, bestand 1929 sein Staatsexamen mit dem Urteil „gut“, wurde 1931 approbiert und promovierte 1937 über das Thema „Steriler Eiter in der Blase bei echter renaler Anämie“.

Seine erste Stelle war am Krankenhaus Moabit (ab 1935 Robert-Koch-Krankenhaus), wo er an der Inneren Abteilung am 22.12.1937 seine Facharztanerkennung in Innerer Medizin mit Spezialisierung in der Nieren-und Blasenheilkunde erhielt. Bereits 1934 war er Leiter der urologischen Abteilung. Er erlebte die Entlassung aller jüdischen Ärzte unmittel bar nach Hitlers Machtergreifung 1933; gemäß der Rassenideologie der Nazis wurde er selber als „Hamit“ eingeordnet (nach dem Sohn Noahs im Alten Testament), was ihn zwar nicht vor Schikanen, aber doch vor der Ermordung aus „rassischen Gründen“ schützte.

1938 wurde Helmy vom Krankenhaus entlassen. Nach dem Krieg stellte er Ersatzansprüche, die das Entschädigungsamt Berlin ablehnte: Ein Vertragsende sei nach der Facharztanerkennung allgemein üblich gewesen. Womit sich Helmy nach 1938 über Wasser hielt, wissen wir nicht. Er hat wohl heimlich als Arzt gearbeitet.

1939 erstmals von der Gestapo verhaftet

1939 (und erneut 1940) wurde er von der Gestapo verhaftet und in ein Lager bei Nürnberg gebracht, das für ägyptische Staatsbürger vorgesehen war. Die Gründe sind nicht bekannt, die Akten wurden gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aller Wahrscheinlichkeit nach zerstört. Da die Haftzeit nur kurz war, wurde ihm später auch hierfür eine Entschädigung verweigert. Der diplomatischen Vertretung Ägyptens gelang es 1940, eine vorzeitige Entlassung wegen seines schlechten Gesundheitszustandes zu erreichen. Er musste sich danach zeitweilig zweimal täglich bei der Polizei melden und alle vier Wochen Atteste zur weiteren Haftuntauglichkeit vorlegen. Ärztliche Tätigkeit war ihm verboten, bis er ab 1942 bis zum Kriegsende zwangsverpflichtet wurde, in der Praxis Dr. Wedekind in Charlottenburg zu vertreten; der Praxisinhaber wird im Krieg gewesen sein. Von 1946 bis zu seinem Tode war Helmy als Kassenarzt tätig.

Tochter einer befreundeten jüdischen Familie vor den Nazis versteckt

1942 suchte ihn Anna Boros auf, die Tochter einer mit Helmy befreundeten jüdischen Familie. Sie war in die Illegalität gegangen und bat um Hilfe für sich und ihre Eltern. Er hat daraufhin – obwohl weiter von der Gestapo misstrauisch überwacht – Anna von 1942 bis zur Befreiung 1945 versteckt und mit Nahrungsmitteln versorgt, teilweise in seiner Wohnung in der Krefelder Str. 7, überwiegend in einer Laube in Berlin-Buch, manchmal auch bei einer „arischen“ Freundin, Frieda Szturmann, die Verstecke für Annas Eltern organisierte. Auch Frieda Szturmann ist jetzt als Gerechter unter den Völkern geehrt worden. Annas Eltern besorgte er Medikamente und versteckte auch sie zeitweilig. Wie Helmy das alles geschafft hat, bleibt rätselhaft. Mehrfach stand er kurz vor der Verhaftung. Anna und ihre Eltern überlebten den Krieg in Berlin, wanderten 1945 in die U.S.A. aus und gaben dort vor einem Notar zu Protokoll, wie Helmy ihnen geholfen hatte.

Er verlobte sich in den Kriegsjahren mit Emmy Anna Auguste Ernst, geb. 19.März 1916, aus Berlin-Buch. Wir glauben, dass ihr die Laube gehörte, in der er Anna Boros versteckte. Die Ehrung in Yad Vashem müsste demnach auch Emmy gelten. Die Rassengesetze verboten eine Ehe, das Paar konnte erst unmittelbar nach Kriegsende heiraten. Sie blieben kinderlos.

1946 zogen sie in die Kastanienallee 26 in Charlottenburg, wo sie bis zu seinem Tode lebten. Seine Sprechstunden hielt er in der Wohnung ab und er blieb bis zu seinen letzten Lebenstagen im Alter von 80 Jahren als Kassenarzt tätig. Beerdigt wurde er auf dem Friedhof Heerstraße in Westend.

Berliner Senat regte Helmys Ehrung durch Yad Vashem bereits 1968 an

1962 wurde Helmy vom Senat Berlin für seine mutigen Taten geehrt und 1972 gemeinsam mit anderen Gegnern der Nazis ins Schloss Bellevue zu einem Empfang beim Bundespräsidenten eingeladen. Ob er teilnahm, ist nicht bekannt. Bereits 1968 war vom Berliner Senat eine Ehrung durch Yad Vashem angeregt worden. Es bleibt ungeklärt, warum es nicht bereits damals dazu kam. Später erhielt die Berliner Gedenkstätte „Stille Helden“ Kenntnis von ihm.

Wir konnten nur wenige Menschen finden, die ihn persönlich gekannt haben. Zwei von ihnen leben noch im Haus, in dem er wohnte, praktizierte und in dem er starb. Sie beschreiben ihn als großen, unnahbaren Mann („ein großer, stattlicher Mann“, „er hielt sich sehr gerade“, „eine imposante Figur“) mit einer eleganten Frau, die Pelze trug. Als Arzt sei er fürsorglich und freundlich gewesen. Eine heute 90-Jährige, die im Haus Krefelder Str. 7 aufwuchs, erinnert sich noch, in welcher Wohnung er lebte und dass er ein „großer, schlanker“ Mann gewesen sei. Es gibt ein einziges Foto von ihm, das sich im Besitz der Nachkommen der Anna Boros in New York fand, als das dortige israelische Konsulat nachfragte. Auf dem Bild sieht man Helmy auf einer Hollywood-Schaukel zusammen mit seiner Frau Emmy sowie mit Anna Gutmann, geb. Boros, und deren Tochter. Es soll in den 1960er Jahren in Berlin aufgenommen worden sein. Das Grab des Ehepaares ist weiterhin gepflegt. Unsere von der Friedhofsgärtnerei übermittelte Bitte an die die Pflege Beauftragenden um Kontaktaufnahme blieb leider unbeantwortet.

Die ägyptische Botschaft in Tel Aviv stellte den Kontakt zwischen Yad Vashem und den noch lebenden entfernten Verwandten Helmys in Kairo her; doch lehnten diese eine Teilnahme an der israelischen Ehrung mit Hinweis auf das schlechte Verhältnis der beiden Länder ab.

So bleiben nur Spuren dieses Mannes, der sich in einer Zeit der eigenen Bedrängnis und Gefahr trotzdem um andere kümmerte, die noch gefährdeter waren als er – und der ebenso wie seine Schützlinge wunderbarerweise die Schreckenszeit überlebte.

K-Muelder-200Erinnerung an Dr. Mod Helmy am Moabiter Wohnhaus

Für den 30. November 2013 waren am Haus Krefelder Str. 7 eine „Stolpersteinverlegung“ mit Gedenksteinen für insgesamt neun ermordete ehemalige Hausbewohner sowie ein kurzer Vortrag zur Erinnerung an Dr. Helmy geplant.

Text: Sabine und Karsten Mülder*. Foto Helmy: Yad Vashem

* Dr. Karsten Mülder ist u. a. als Chirurg und D-Arzt in Berlin tätig.

Die Autoren danken insbesondere den Mitarbeitern des Landesarchivs Berlin am Eichborndamm, Martina Voigt von der Stiftung Deutscher Widerstand, Dr. Ellen Harnisch von der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin und allen anderen, die sie durch bereitwillige Auskünfte unterstützthaben. Rückfragen zum Beitrag per E-Mail: Familie@Muelder.info

Zuerst erschienen im Blatt der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin, Nr. 12, 2013, Artikel als pdf

Nachtrag:
Lesen Sie auch den Artikel in der Berliner Zeitung, bei Deutschlandradio Kultur, das Interview von Igal Avidan mit Iriea Steinfeld, Leiterin der Abteilung für Gerechte unter den Völkern bei Yad Vashem, und Spiegel-Online über muslimische Judenretter.

Ankündigung der Berliner Gedenktafel für Mod Helmy im KV-Blatt, 1/2014, sie wurde am 4. Juli 2014 enthüllt.

3 Kommentare auf "Der Internist Dr. Mod Helmy – ein „Gerechter unter den Völkern“"

  1. 1
    Thomas Koch says:

    Es empfiehlt sich eine Kontaktaufnahme mit der Gedenktafelkommission der Bezirksverordnetenversammlung Mitte, um eine bleibende Ehrung für Herrn Dr. Helmy im Berliner Stadtbild zu erreichen (über das BVV-Büro).

  2. 2
    Susanne Torka says:

    Am 4. Juli um 11:30 Uhr wird die Berliner Gedenktafel für Dr. Mod Helmy enthüllt:
    http://www.moabitonline.de/events-2?event_id=15033

  3. 3
    Ashraf Shaker says:

    Sehr geehrte Damen und Herrn,
    Es empfiehlt sich den Kontakt zum Dr. Helmy Neffe den Kontakt aufzunehmen. Das ist Prof. Dr. M. Nasser Kotby, ehemaliger Chef der HNO-Abteilung Medizinschule, Ain Shams Universität.
    Sogar vor kurzer Zeit wurde er im deutschen Fernsehen (? bei RTL) um Dr. Helmy interviewt und er hat auch das Interesse über die Verehrung seines Onkels teilzunehmen und zu erfahren.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ashraf Shaker, Freiberg (Sachsen)

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