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„Kampfplatz für den Frieden“

Wolfram Liebchen verkauft in der Lehrter Straße 25/26 seit über 30 Jahren antike Bauelemente. Jetzt soll er sein Lager räumen. Auf dem 3,7 Hektar großen Gelände, das „Mittelbereich Lehrter Straße“ genannt wird und wo sich auch Liebchens Lager befindet, sollen in den nächsten Jahren Eigentums- und Mietwohnungen gebaut werden.

Liebchen_CE-250Wolfram Liebchen lässt sich seine Anspannung äußerlich nicht anmerken. Es ist ein sonniger Vormittag im Frühling, er sitzt auf einer Bank vor seinem Büro in der Morgensonne und bietet einen Kaffee an. Fließendes Wasser hat er nicht, die Tasse wäscht er mit gesammeltem Regenwasser ab. Wolfram Liebchen hat es sich zum Lebensmotto gemacht, Vorhandenes zu bewahren und vor dem Verfall zu retten. Sein „Herrenhaus“, in dem er ab und zu übernachtet, hat er vor 30 Jahren aus den tragenden Balken abgerissener Altbauwohnungen gebaut. Wie ein Hexenhäuschen aus einem alten Märchenfilm sieht es aus. Vor der Tür räkelt sich ein schwarzer Kater auf einem rostigen Bettgestell in der Sonne.

„Auf meinem Gelände sieht man, welche Bauweise der Witterung standhält und welche nicht. Bei meiner Arbeit habe ich im Laufe der Jahre verstanden, wie gut die traditionelle Bautechnik durchdacht war.“ Nach der Wende hat der gebürtige Westberliner angefangen, Bauelemente aus der großflächigen Sanierung des Altbaubestandes zu sammeln, aufzubereiten und zu verkaufen. Große gusseiserne Eingangsportale, Stuckornamente, aufwendig verarbeitete Kachelöfen, Fenster und über 700 Altbautüren hat er im Angebot. In Holzkisten lagern filigrane Fliesen, auf diversen Tischen sind Türbeschläge und Griffe aus Messing aufgereiht, bedeckt von den Blüten des Blauregens, der am Schuppen mit den Türen emporrankt.

„Die Wegschmeißerei war nicht mehr mit anzusehen. Auf den Straßen lagen überall die Häufchen rum, in der Brunnenstraße, am Klausenerplatz. Wunderschöne alte Keramik-Kachelöfen waren für die Sanierer bloß noch Abfall. Über die Jahre habe ich mir das Wissen traditioneller Handwerksberufe angeeignet, durch die direkten Kontakte zu den alten Hasen, den Tischlermeistern, Treppenbauern und Ofensetzern.“ Wolfram Liebchen ist fasziniert vom handwerklichen Einsatz in den Dingen, die er sammelt.

„Man sollte doch erst einmal schauen, was vorhanden ist, bevor man etwas Neues kauft. Ich bin da zunächst ganz instinktiv rangegangen und habe erst mit der Zeit verstanden, wie sinnvoll das eigentlich ist und wie ökologisch.“

Neben Handwerkern und ihren Auftraggebern gehören Designer, Kulissenbauer und Filmleute zu seinen treuen Kunden. Sie suchen beispielsweise „silbernes Holz“, also Holz, das durch die Witterung allmählich eine silberne Patina entwickelt. „Manche Dinge brauchen einfach ihre Zeit“, erklärt Wolfram Liebchen.

Auf einem Holzschild vor einem der zahlreichen Schuppen steht: „Mein Arbeitsplatz – mein Kampfplatz für den Frieden“. Das Schild hat er in den 90ern aus dem Umland mitgebracht. Damals hat er über die DDR-Parole gelacht. Dass sein Arbeitsplatz einmal tatsächlich zum Kampfplatz wird, hätte Wolfram Liebchen damals nicht für möglich gehalten. Als er auf dem Gelände anfing, war dies eine trostlose Gegend. Mitte der 1980er Jahre standen die meisten Wohnhäuser in der Lehrter Straße leer. Sie wurden entmietet, weil hier die Westtangente durchführen sollte. Nach der Wende, als die Pläne der erweiterten städtischen Autobahn endgültig verworfen wurden, zogen viele arme Leute in die mittlerweile heruntergekommenen Wohnhäuser. Dann, nach Jahren des Stillstands, wurde die Lehrter Straße mit ihrer zentralen Lage, der Nähe zum Hauptbahnhof und zum Regierungsviertel eine sehr begehrte Wohnlage und interessant für Investoren. Auch das Areal, auf dem sich das Geschäft von Wolfram Liebchen befindet.

„Mit dem Verkauf an eine private Immobiliengesellschaft wurde der Ärger existentiell“, erzählt Wolfram Liebchen. Das ehemalige Bahngelände wurde 2012 von der Immobilien- und Entwicklungsfirma CA- Immo an die Groth-Investorengruppe verkauft. Nach einem Wettbewerbsverfahren wurde Anfang 2014 ein vorhabenbezogener Bebauungsplan vorgelegt. 700 Eigentums- und Mietwohnungen sind hier geplant, zudem weitere 150 Wohnungen für Studenten und betreutes Wohnen. Auch eine Kindertagesstätte und Geschäfte sollen entstehen. „Die bisherigen Nutzer, vorwiegend aus dem Kleingewerbe und einer Kleingartenanlage, haben nicht genug mit den Investoren verhandelt“, meint Wolfram Liebchen. „Die Kleingartenanlage wurde im Herbst niedergewalzt, die Garagen der Rikscha-Tour-Betreiber und der KFZ- Werkstatt werden gerade abgerissen.“

Auch Wolfram Liebchen soll gehen. „Anfangs sind die Investoren an mich herangetreten und vermittelten den Eindruck, dass ich bleiben könnte. Doch von den Ideen und Vorschlägen ist nichts übrig geblieben. Der Investor hat mir angeboten, das Gelände für 11,50 Euro den Quadratmeter zu mieten oder für 3000 Euro den Quadratmeter zu kaufen. Dazu müsste ich für den Zeitraum der Bauphase mein Inventar zwischenlagern. Das kann ich mir als Kleingewerbetreibender einfach nicht leisten.“

Antike Bauelemente, Lehrter Straße 25/26, 10557 Berlin
Öffnungszeiten: Mittwoch und Samstag von 10–14 Uhr und nach Vereinbarung, Tel. 3943093, 0179 / 3967480

Text: Nathalie Dimmer, Foto: Christoph Eckelt, bildmitte
Zuerst erschienen in der “ecke turmstraße“, Nr. 4 – juni 2014.

Lesen Sie auch den Artikel aus der QM-Zeitung, das Interview mit Wolfram Liebchen und sehen Sie den Beitrag an bei berlinfolgen der taz: Wolfram Liebchen, Der Bewahrer.

Nachtrag:
Auch die Abendschau hat Wolfram Liebchens Lager für Antike Bauelemente besucht (eine Woche im Netz).

4 Kommentare auf "„Kampfplatz für den Frieden“"

  1. 1
    Martin Conradi says:

    Vor kurzem bei sonntäglicher Bettflucht stromerte ich in aufgehender Sonne vom Geschichtspark her durch das Gestrüpp in nördlicher Richtung und landete zur himmlischen Belohnung in Wolfram Liebchens zu dieser Zeit menschenleerem märchenhaftem Reich. Ich war entzückt! Aber bei dem Namen ja kein Wunder: Auch kleinste Details so liebchenhaft in dieser Welt geordnet und auch mal benannt mit Zeitungsschlagzeile, selbst abgebrochene Blüten überlebensgut versorgt und jede Scherbe in Bedeutungen arrangiert. Ein Labsal für uns Seelen in dieser schönen Welt.
    Und dies bleibt mir unvergeßlich, wenn dann die Kompaktbebauung dort bedrücken wird.

  2. 2
    R@lf says:

    Zu Zeiten der VIVICO, später umbenannt in „CA Immo“, war noch von 450 Euro pro Quadratmeter als Grundstückspreis die Rede. Dies sagte uns der Vertreter der VIVICO bei einem Treffen zu Bauplänen und den Kleingärten auf die Frage nach einem möglichen Verkaufspreis.
    Nun soll Liebchen also 3.000 Euro für den Quadratmeter zahlen! Das ist eine durch nichts gerechtfertigte Steigerung von mehr als 500% des Quadratmeterpreises. Davon ausgehend, dass die VIVICO (in Österreich ansässig, internationale Geldgeber) schon bei jenen üppigen 450 Euro gegenüber dem Kaufpreis einen erheblichen Spektulationsgewinn einstreichen konnte (Wieviel hat Groth eigentlich gezahlt?), ist dies skandalös, zumal es sich bei dem Gebiet zuvor um Bundeseigentum (DB), also Volkseigentum handelte. Dieses Volkseigentum wurde mit Zustimmung des Bundes veräußert – verramscht, um Die Bahn an die Börse zu bringen. So werfen die VolksverTRETER*innen das Volk den Spekulanten zum Fraß vor. Honi soit qui mal y pense.

    Übrigens: wie der Lehrter Mittelbereich dann mal aussehen könnte, kann mensch zur Zeit an der verhunzten, ehemals wild-schön waldbewachsenen Gleisdreiecksfläche (Gleisdreiecks-„Park“) begutachten. Quadratisch, praktisch, steril.

  3. 3
    Hans Richter says:

    Spätestens am Beispiel Bahn->Vivico->Grothgruppe zeigt sich doch, das der Staat kein Volkseigentum verhökern darf. Bei diesen Spielchen werden einige wenige reich, während die Mehrheit der Bevölkerung ausgenommen wird zu Gunsten weniger.

  4. 4

    Am 9. Dezember in der Abendschau, Spaziergang durch Moabit: Schultheiss, Cafe gegenüber Kriminalgericht und Antike Bauelemente:
    http://www.rbb-online.de/abendschau/archiv/20141209_1930/adventskalender-09-dezember.html

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