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Zelte weg, Backsteinhäuschen abgerissen

Die Armut kommt in die Städte, aber wir wollen sie nicht sehen

Zelte-aus-250Heute nachmittag fand ich den Weg zum Hauptbahnhof hinter der Lehrter Straße 6 von Backsteinen und Holzbalken versperrt. Was ist passiert?

Heute ist das alte knapp hinter der Mauer zu den Kleingärten stehende Backsteinhäuschen abgerissen worden. Seit vielen Jahren haben hier immer wieder Obdachlose eine zeitweilige Bleibe gefunden. Im Niemandsland. Seit einiger Zeit campierten Familien dort und erweiterten die Behausung mit einigen Zelten. Sie sollen von einem anderen Bahngelände vertrieben worden sein. Das Essen wurde auf einem Grill zubereitet. Abends loderte ein kleines Feuer. Die Müllhalde allerdings ist auch größer geworden.

Ich liebe diesen Weg und gehe hier gerne. Ein bisschen Wildnis in der Großstadt. Nie habe ich mich unwohl dabei gefühlt. Auch die letzten Bewohner grüßten freundlich zurück, noch vorgestern abend. Vielleicht war es nicht immer so friedlich. Die Einbrüche in die Lauben der Kleingärtner auf der anderen Seite der Mauer haben zugenommen in den letzten Jahren. Aber das werden wohl kaum diejenigen machen, die direkt nebenan wohnen.

Auch beim Mittelbereich Lehrter Straße wurden die Lauben, sofort nachdem die Kleingärtner sie verlassen mussten, abgerissen und ein Jahr später die Sanddornbüsche und Pappeln gerodet, nachdem sich auch hier Menschen in kleinen selbstgebauten Hütten und Zelten, versteckt vor der Öffentlichkeit, angesiedelt hatten. Dennoch: es wird sich nicht vermeiden lassen, dass ungenutztes Gelände, ungenutzte Gebäude bewohnt werden von denen, die keine Wohnung haben. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, auch wenn es nicht jedem gefällt.

 

Nachtrag:
Im Herbst 2016 wurde der Weg mit Hilfe von bisher offen stehenden Toren – eine Zaunanlage wurde schon vor längerer Zeit errichtet – komplett abgesperrt. Der Grund sei nach Auskunft eines Polizisten, dass dort die Grün Berlin GmbH 2018 (!) den Döberitzer Grünzug bauen will. Nach Protesten des Betroffenenrats Lehrter Straße ist der Weg jetzt wieder offen. Und über die Planung zum Döberitzer Grünzug wurde am 6. Dezember 2016 informiert. Hier ist das Protokoll dieser Betroffenenratssitzung herunterzuladen.

Eine Umfrage zur Gestaltung.

Trotz der am 6.12.2016 gemachten Versicherung von Herrn Thönnessen (Grün Berlin GmbH), dass bei der Räumung des Roma-Lagers auf dem der Deutschen Bahn gehörenden Grundstück des zukünftigen Döberitzer Grünzugs soziale Belange berücksichtigt werden, wurde das Lager durch die Deutsche Bahn geräumt, ohne, dass sie die Grün Berlin GmbH vorher überhaupt darüber informiert hat. Ob es Hilfsangebote gab, ist nicht bekannt.

Und der Weg ist gesperrt mit der Begründung, dass bald die Bodensanierung auf dem Gelände des ehemaligen Gaswerks beginnt. Update: Die Rodungen für die Bodensanierung sind auf den Herbst 2017 verschoben, dennoch bleibt angeblich auf Wunsch der Deutschen Bahn und der Polizei der Durchgang geschlossen.

25 Kommentare auf "Zelte weg, Backsteinhäuschen abgerissen"

  1. 1
    K. S. says:

    Mmh, habe schon manchmal gegrübelt, ob man mit Finanzmitteln auf oder unter Sozialhilfeniveau eine lebens- und liebenswerte „Ökodorfkommune“ aufbauen könnte. Bei den Projekten, die ich kenne, spielten immer Erbschaften zum Häuslebau eine wichtige Rolle.

  2. 2
  3. 3
  4. 4
    Zeitungsleser says:

    Warum wird auch da geräumt, wo es keinen stört?
    http://www.bz-berlin.de/berlin/hier-wird-gerade-die-tiergarten-insel-geentert

  5. 5
  6. 6
    BVV-Beobachter says:

    Zeltstädte von Obdachlosen und Camps in Grünanlagen: das Bezirksamt sieht sich nicht in der Lage Hilfe zuleisten (Antwort auf eine Anfrage der Linken):
    http://www.berlin.de/ba-mitte/politik-und-verwaltung/bezirksverordnetenversammlung/online/vo020.asp?VOLFDNR=6838
    auf schriftliche Beantwortung klicken!

  7. 7
    H. E. says:

    Na klar wären in Berlin irgendwo Grundstücke zum wilden Zelten vorhanden, aber dann hätte man jetzt schon die Favelas, die ich bisher erst um 2050 am Rand von Berlin erwartet habe.

  8. 8
    Susanne Torka says:

    Wieder einmal wilde Zeltlager im Tiergarten geräumt:
    http://www.berlin.de/ba-mitte/aktuelles/pressemitteilungen/2016/pressemitteilung.532166.php

  9. 9
  10. 10
    H. E. says:

    Wem hat denn Alt-Moabit 105 vorher gehört ?
    Falls es dem Bezirk oder einer öffentlichen Einrichtung gehört hat, wer war für den Verkauf verantwortlich ?
    Und warum hat man dann keine Auflagen gemacht ?
    Falls es nicht dem Bezirk gehört hat, warum hat er dann nicht sein Vorkaufsrecht ausgeübt ?

  11. 11
    Susanne Torka says:

    H.E.,
    so langsam wird’s hier doch ein bisschen kurios – da bemüht sich „der Bezirk“ oder der Bezirksbürgermeister was zu retten und es sofort kommst Du mit Vorwürfen, allerdings vorsichtshalber ist das Wort „falls“ davorgesetzt. Ja wenn das Wörtchen wenn nicht wär, ….
    So machen Kommentare doch wirklich keinen Sinn – welche Auflagen? – welches Vorkaufsrecht? – wie könnte man die begründen?
    Und vor allen Dingen: Wie kommst Du darauf, dass ein Haus mit rückwärtigen Fabriketagen in der Straße Alt-Moabit vorher dem Bezirk gehört haben könnte?

    Übrigens war das auch schon in der Abendschau (ab Minute 3 etwa):
    http://www.rbb-online.de/abendschau/serien/berliner-bezirke/mitte.html

  12. 12
  13. 13
    H. E. says:

    Zu 11:
    Beim Senior*innen-Haus am Hansa-Ufer 5 war und ist es doch wohl so, dass das Bezirksamt das stadteigene Senior*innen-Haus an einen ausländischen Investor verkauft hat und diesem keine Auflagen gemacht hat ?! Und jetzt müssen die Senior*innen, die seit Jahren dort wohnen, schon länger und mit Hilfe der Öffentlichkeit darum kämpfen, dass sie nicht mit 85 oder 90 oder 95 umziehen müssen, dass ihre Gemeinschaft nicht auseinander gerissen wird und dass ihnen nicht vom Investor das Leben mit einer Gebäudesanierung zur Hölle gemacht wird.

    Angesichts dieser Problematik müssen doch wohl bei MoabitOnline Fragen erlaubt sein, ob es sich vielleicht bei einem Haus für Obdachlose im gleichen Bezirk genauso oder ähnlich verhält.

    Dass der neue Bezirksbürgermeister nicht für die Probleme beim Obdachlosenheim in Alt-Moabit 105 verantwortlich ist, ist klar. Und dass er sich um eine Lösung bemüht, ist erfreulich – und bestimmt nicht einfach.

  14. 14
    H. E. says:

    In Berlin gibt es 17 000 für den Winter untergebrachte und geschätzt ca. 6 000 nicht untergebrachte Obdachlose. Also gibt es ca. 23 000 Obdachlose in Berlin: Auch dieses dürfte zum allergrößten Teil eine Folge der schlechten Wohnungspolitik der vergangenen Jahre sein.
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/obdachlosigkeit-in-berlin-neuer-senat-will-obdachlosen-besser-helfen/14874196.html

  15. 15
    BVV-Beobachter says:

    Nicht nur hinter der Lehrter Straße 6 auch im Tiergarten und im Spreebogen wurden bzw. sollen Zeltlager geräumt werden:
    http://www.berlin.de/ba-mitte/aktuelles/pressemitteilungen/2017/pressemitteilung.555843.php
    und in der Abendschau
    http://www.rbb-online.de/abendschau/archiv/20170130_1930/obdachlos-raeumung-kapellen-ufer-offene-ubahnstationen.html

    Thema auch bei n-tv, es ist schon von 20.000 Menschen ohne Wohnung die Rede:
    http://www.n-tv.de/panorama/Berlin-wird-Hauptstadt-der-Obdachlosen-article19626697.html

    Jetzt gibt es ein paar mehr (59) Betten der Kältehilfe in der Seestraße, aber längst noch nicht genug:
    https://weddingweiser.de/2017/01/06/kaeltehilfe/
    http://www.berliner-woche.de/moabit/bauen/schutz-vor-luxussanierung-und-umwandlung-stadtentwicklungsstadtrat-gothe-setzt-auf-milieuerhalt-d116689.html

  16. 16
    Netzgucker says:

    Kritik an den Räumungen:
    http://moabit.net/10141
    _____________
    Nico Rollmann hat ein Buch über die Cuvry-Brache geschrieben, hier ein Taz-Artikel von 2015:
    https://www.taz.de/!880092/

  17. 17
    H. E. says:

    Im Spiegel der Artikel „Kleiner Wohnen“ über Menschen, die zur Miete in Schuppen, Garagen und Lauben hausen:
    Eine Berliner Soziologin hat in London im Fach Stadtentwicklungsplanung Vorlesungen über Favelas und Slums gehört. In London gab es bis dahin noch keine, aber dann hat sie herausgefunden, was ein durchgedrehter Immobilienmarkt – und den haben wir in Berlin ja wohl auch – mit einer Stadt anrichten kann:

    In Höfen und Gärten in den Außenbezirken Londons vermieten Grundstückseigentümer für viel Geld Hütten, Anbauten, Schuppen, Lauben und Garagen an Migranten, Arbeiter, Studenten und Singles. Und zwar so, dass man diese Unterkünfte meistens von der Straße aus nicht sehen kann. Das Ergebnis auf ganz Großbritannien hochgerechnet würde wohl ergeben, dass zehntausende Menschen in Verschlägen leben. Die Politiker schauen mehr oder weniger tatenlos zu, da sie nicht wissen, wo sie die Leute unterbringen sollen.

    Ich möchte nicht wissen, wie viele Fälle dieser Art es in Berlin schon gibt. Und – das sage ich ja schon länger – spätestens 2050 wird es in Berlin Slums hinter Marzahn und anderen Außenbezirken geben, wenn die Politik nicht bei der Wohnungs-, Arbeitsplatz- und Lohnpolitik umgehend eine 180° – Kehrtwende macht.

  18. 18
    Jürgen says:

    Bezirksbürgermeister Stefan von Dassel zum Thema „Räumung von Obdachlosen-Camps“ in seiner Presseerklärung vom 2.2.2016

  19. 19
    Moabiterin says:

    In diesem Film vom 31.1. sind die Obdachlosen noch nicht vom Spreeufer geräumt:
    http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=64447
    oder hier (wenn der Film aus der Mediathek rausfliegt):
    https://vimeo.com/202065508

    hier mehr zu der Fotografin:
    http://www.berliner-zeitung.de/berlin/street-life-berlin-wie-eine-fotografin-berliner-obdachlosen-ihre-wuerde-zurueckgibt-24793470

  20. 20
    Jürgen says:

    Neue Presseerklärung des Bezirksbürgermeisters zum Thema „Räumung von Obdachlosen-Camps“

  21. 21
    Susanne says:

    Eine Kleine Anfrage in der BVV (KA 0025/V) zur Räumung von Obdachlosenlagern:
    http://www.berlin.de/ba-mitte/politik-und-verwaltung/bezirksverordnetenversammlung/online/ka020.asp?KALFDNR=2571

    Auf „Antwortschreiben“ klicken!

  22. 22
    Susanne says:

    @19,
    da hat sich eine wunderbare Geschichte aus dem Film ergeben:
    https://www.facebook.com/debora.ruppert/posts/684336498405170?pnref=story

  23. 23
  24. 24
    Zeitungsleser says:

    Räumung von illegalen Camps sind keine Lösung – das sagt auch der Bezirksbürgermeister:
    https://www.neues-deutschland.de/artikel/1049459.raeumungen-wilder-camps-sind-keine-loesung.html

  25. 25
    Netzgucker says:

    @ 24,
    … dennoch lässt er räumen – aber, was könnte die Alternative sein? Überall, wo Platz ist, die Camps dulden?
    http://moabit.net/10300
    https://www.berlin.de/ba-mitte/aktuelles/pressemitteilungen/2017/pressemitteilung.591404.php

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