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Moabit Krimis haben zur Zeit Konjunktur

… und werden auch in Moabit gelesen, auf jeden Fall bei zwei Autorenlesungen in diesem Frühjahr.

Was mag es wohl bedeuten, dass innerhalb der vergangenen 13 Monate vier Moabit Krimis erschienen sind? Natürlich spielen nicht alle ausschließlich in Moabit, einen solch‘ eingeschränkten Aktionsradius mag wohl kaum ein Autor seinen Personen zumuten. Allen gelingt der detailgetreue Bezug auf das Moabiter Straßenleben und seine Menschen. Versteckte Orte, geschichtliche Details, Persönlichkeiten und Institutionen werden recht authentisch geschildert. Und doch könnten diese Kriminalromane unterschiedlicher nicht sein. Bernd Mannhardt, der gleich mit zwei Moabit Krimis vertreten ist und sich am wenigsten in andere Berliner Gegenden verirrt, schreibt eher konventionell und bieder – wie Tatort in Buchform. Die Realität verfremdet der Autor nur wenig, aus Freddy Leck sein Waschsalon wird der von Harry Fleck oder aus dem Bauträger Groth wird Rohe und sein Tätigkeitsfeld in die Altbausanierung im Stephankiez verlagert. Auch ein Moabitblog kommt vor. Jens Anker hat ein äußerst humorvolles Buch geschrieben, der junge Erzähler stolpert selbstironisch von einer Falle in die nächste – fast unfreiwillig wird er aktiv, bliebe wohl lieber Flaneur. Bettina Kerwiens Geschichte dagegen legt ein ungeheures Tempo vor, Action pur. Die beiden Hauptfiguren Liberty Vale und Martin Sanders, die Escort-Lady und der Ex-Polizist, verhalten sich wie Feuer und Eis. Es geht um die große Politik und trotzdem sind die Milieus mit viel Liebe und Detailkenntnis ausgearbeitet.

Doch schauen wir uns die Titel einzeln an:

v.l.n.r. Autor Bernd Mannhardt, Musikerin Petra Schnier – Bild: UMA

v.l.n.r.: Autor Bernd Mannhardt, Musikerin Petra Schnier – Bild: UMA

Im Februar 2015 schon ist der Moabit Krimi „Schlussakkord“ von Bernd Mannhardt  erschienen. Das Bild zeigt den Autor bei der Lesung in der Arminiusmarkthalle. Er wird dort im April wieder lesen aus seinem neuen Roman „Keimzeit“. Die Arminiusmarkthalle ist Schauplatz des ersten Krimi. Vor der Halle wird ein polnischer Akkordeonspieler erschossen. Der Schuss muss aus einem Fenster des Rathauses Tiergarten abgegeben worden sein. Kommissar Hajo Freisal und seine Kollegin Yasemine Gutzeit müssen vielen Spuren nachgehen. Ist etwa ein Angestellter des Bezirksamts durchgedreht, weil er die schräge Musik nicht mehr ertragen hat? Oder gehört der Täter zu einer Bande von Schutzgeld-Erpressern? Was haben die Markthallen-Betreiber oder die Filmakademie Zelle damit zu tun? Erst allmählich kommt die Wahrheit ans Licht.
 
Im Herbst 2015 erschien „Schatten über Moabit“ von Jens Anker. Ein angehender Jurist, Robert Beierlein, leistet seine drei Monate Referendariatszeit bei der Staatsanwaltschaft im Moabiter Kriminalgericht ab. Gleich im ersten Satz stürzt Staatsanwalt Strunz von der Empore, fällt ihm in der Eingangshalle vor die Füße und mischt sich auf diese Weise brutal in sein Leben ein: „Die Polizei nennt das Fundort. Ich nenne das eine Schweinerei“, denkt Beierlein und beobachtet das Blut in den Fugen der Bodenfliesen. So distanziert ironisch kann man den Tod beschreiben. Die Leser lernen sowohl das imposante Gerichtsgebäude als auch seine verschiedenen Beamtenmilieus im Verlauf des Buches gut kennen, genauso wie die Umgebung. Klaus-Peter Rimpel und seine Dorotheenstädtische Buchhandlung darf nicht fehlen. Der Plot dreht sich um Intrigen, Wirtschaftsspionage und Pharmaskandale. Lange Zeit tappt der junge Referendar im Dunkeln, unentschlossen, wie weit er sich hineinziehen lassen soll in den Fall, in die ihm übertragene Aufgabe, genervt vom vorgesetzten Oberstaatsanwalt mit Zweifeln am Sinn der eigenen Berufslaufbahn. Die Gedanken an den Fall holen ihn dennoch immer wieder ein, auch in der Freizeit, wenn er mit einem Freund eigentlich abschalten will. Berlin aus der Perspektive der knapp Dreißigjährigen: erst beobachtet er nur die anderen Nachtschwärmer, kommt selbst um einen Alkoholexzess nicht herum, macht die Bekanntschaft einer jungen Frau, die noch eine undurchsichtige Rolle spielen soll. Wer hier wen hinters Licht führt und für die eigenen Interessen missbraucht, bleibt ein verwirrendes Geflecht, das sich erst ganz zum Schluss aufklärt.
 
Auch „Märzwinter“ von Bettina Kerwien ist bereits im Herbst 2015 erschienen. Das Klima der extrem kalten Tage im März 2013 beeinflusst Stimmung und Handlung. Der Bezirk Moabit als „Hinterhof der Macht“ wird lebendig in einer Geschichte, die sich um die Verflechtung von Politik und Wirtschaft dreht, genauer gesagt um die Beeinflussung internationaler Finanzströme mit Hilfe manipulationsfähiger Computerprogramme. Julia Steinberg, Staatssekretärin der CDU aus dem Finanzministerium, die auf Frauen steht, hat Beweise für Korruption. Mit Hilfe von kompromittierenden Fotos, soll sie unter Druck gesetzt werden und entgeht knapp einem Mordanschlag. Doch einen Tag später ist sie tot – trotz Polizeischutz, und die schlagfertige Escort-Lady Liberty Vale, die für die „Honigfalle“ angeheuert war und über einem türkischen Gemüseladen in der Turmstraße wohnt, wird verdächtigt. Ihr bleibt gar nichts anderes übrig, als mit dem verschwiegenen und abweisenden Privatdetektiv Martin Sanders zusammen zu arbeiten, denn nur gemeinsam können sie ihre Unschuld beweisen und die Hintermänner finden. Das Buch lebt von den beiden intelligenten Hauptfiguren, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Ganz allmählich erst schmilzt die Hülle des Sozialphobikers und er gibt seine traumatische Vergangenheit preis. Eine atemberaubende Verfolgungsjagd durch Berlin beginnt mit Stunteinlage auf der Außenhülle des Fernsehturms am Alex und Showdown in der First-Class-Lounge am Flughafen Tegel.

»Ich habe zwanzig Jahre in Moabit gelebt, in der Emdener Straße«, sagt die Kerwien, die es mittlerweile nach Reinickendorf verschlagen hat. »Ich habe immer noch Heimweh. Außerdem ist es ein großer Luxus, wenn man ohne viel zu recherchieren eine Verfolgungsjagd beispielsweise am Frauenknast Lehrter Straße stattfinden lassen kann. Auch sprachlich verdanke ich Moabit alles. Die einzelnen Figuren haben jeweils ihre spezielle Figurensprache, da wird berlinert oder Kiezdeutsch gesprochen. Besonders der Hauptfigur Liberty habe ich einen speziellen Berlin-Sound mitgegeben – frech, sexy, knallhart aber herzlich.« (Interview mit der Autorin) So verwundert es nicht, dass sogar ein Gespräch über Klara Franke unter ihrem Bild in der Pizzeria Lehrter Straße vorkommt. Diese kleinen Details machen den liebenswerten Lokalkolorit dieser sehr spannenden und temporeichen Kriminalgeschichte aus.

Der neueste Moabit Krimi ist „Keimzeit“ wieder von Bernd Mannhardt ist Ende Februar 2016 erschienen.  Die Handlung bewegt sich zwischen Stephankiez mit der kernsanierten und in Eigentumswohnungen umgewandelten Nummer 61, in die gerade die ersten Eigentümer eingezogen sind, und Beusselkiez mit Rostocker und Sickingenstraße, wo Verdächtige befragt werden, wie auch in der bezirklichen Kunstgalerie an der Turmstraße. Auch die Arminiusmarkthalle ist Treffpunkt der Ermittler Freisal und Gutzeit. Der Tote liegt neben dem „Café Achteck“ am Stephanplatz. Stephan Klein war ein eher erfolgloser Foto-Künstler aus dem Süddeutschen. Streit hatte er nicht nur mit dem Leiter der Galerie wegen deren neuer Präferenz für Konzeptkunst, sondern auch mit den Eigentümern seiner luxussanierten Altbauwohnung. Für kurze Zeit gerät der auch Bauträger Rohe ins Visier der Ermittler. Das Büro des Quartiersmanagements Moabit-Ost erlebt einen Farbanschlag und auf dem lokalen Blog wird erbittert über Gentrifizierung gestritten. Doch warum sowohl der Runde Tisch gegen Gentrifizierung als auch der Blog unter die Aktivitäten des Quartiersmanagements subsumiert werden, bleibt unverständlich.

Wir bedanken uns herzlich beim Autor, dass er drei Exemplare seines neuesten Buches für unser Preisausschreiben zur Verfügung stellt.

Die Bücher:
Bettina Kerwien, Märzwinter. Ein Berlin-Krimi. 2015, Taschenbuch, 312 Seiten, Sutton Verlag GmbH (Leseprobe)
Lesung am 8. März 2016 um 20 Uhr in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung, Turmstraße 5 (Eingang Pritzwalker Straße)

Jens Anker, Schatten über Moabit. Kriminalroman. 2015, Broschur, 208 Seiten, Emons Verlag GmbH (Leseprobe)
Rezension in der Welt „Da is Musike drin“ und die ersten Kapitel gekürzt in der Berliner Morgenpost.

Bernd Mannhardt, Schlussakkord. Ein Moabit-Krimi. 2015, Paperback, be.bra Verlag
Bernd Mannhardt, Keimzeit. Ein Moabit-Krimi. 2016, Paperback, be.bra Verlag, (Leseprobe)
Lesung am 1. April 2016 um 19 Uhr in der Arminiusmarkthalle, Arminiusstraße 2-4

Nachtrag:
Rezension des Krimis von Jens Anker in der Berliner Woche mit gut ausgewählten Zitaten.

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