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Zahra und die verschwundene Geldbörse

Fragt man einen Berliner etwa aus Zehlendorf oder aus Frohnau, woran er bei der Erwähnung des Wortes „Moabit“ denkt, so mag ihm als erstes das Gericht und der Knast einfallen. Denkt er oder sie noch ein wenig länger nach, dann kommen vielleicht noch Stichworte wie „Problemkiez“, schwierige soziale Mischung, Armut und viele Bewohner mit Migrationshintergrund dazu.

Foto der Autorin Elvira Hanemann dieses "beinahe"-Moabit-Krimis

Die Autorin Elvira Hanemann dieses „beinahe“-Moabit-Krimis, Foto: privat

Lebt man jedoch schon seit vielen Jahren in Moabit, so weiß man wie vordergründig und banal diese erste Einschätzung ist. Es gibt den schönen Fritz-Schloß-Park, der seit einigen Jahren Sportpark Poststadion heißt, es ist nicht weit zum Tiergarten, Kuchen gibt es im berühmten Cafe Buchwald, die schöne alte Arminius – Markthalle ist ein Neidobjekt für viele andere Kieze und der Stadtteil wird immer attraktiver für Studenten. Nette neue Cafés und Läden, seien sie vegan oder auch nicht, beleben das Viertel. Bewohner mit ausländischem Hintergrund gab es hier schon immer und das Zusammenleben mit den Urdeutschen klappt im Allgemeinen prima. Leben und leben lassen – das ist die Devise.

Ist Moabit also eine Idylle mit friedlichen Menschen, ein Multi-Kulti-Vorzeigestadtteil? Ganz so traumhaft ist es dann leider doch nicht, auch in Moabit gibt es Gestalten, um die man lieber einen Bogen macht, es gibt soziale Probleme und es gibt Kriminalität…

Zahra wohnt seit vielen Jahren in Deutschland. Als ihre Familie in den 80er Jahren aus dem Libanon flüchtete, verschlug es sie nach Berlin; genauer gesagt nach Moabit. Die Lehrter Straße ist keine Vorzeigestraße, auch wenn sich Anwohnerinitiativen seit langem darum bemühen, aus dieser ärmlichen Schönheit eine Prachtstraße zu machen, wird das wohl noch lange dauern. Andererseits: es ist nicht weit zum schönen Park, auch zum Schwimmbad – das leider nur noch als Hallenbad vorhanden ist – sind es nur ein paar Schritte und der Hauptbahnhof ist ebenfalls fußläufig.

Zahra hatte sich hier immer ganz wohl gefühlt, auch die Schulzeit, die sie zum großen Teil auf der Tucholsky Grundschule in der Rathenower Straße und später dann auf der Moses –Mendelssohn-Schule in der Stephanstraße, hatte sie immer als angenehm empfunden. Ganz im Gegensatz zu ihren Brüdern Abbas und Hasim, die zwar die Grundschule noch gerne mochten, doch sich später immer nur langweilten und sowieso keinen Sinn im Schulbesuch mehr sahen, lernte Zahra gerne. Sie fühlte sich gut aufgehoben unter ihren deutschen, türkischen, arabischen und russischen Mitschülern, mochte die meisten ihrer Lehrer und freute sich, Anerkennung zu finden.

Doch seit die vielen Flüchtlinge in der Traglufthalle in der Kruppstraße untergebracht sind, ist alles ein wenig anders geworden. Zahra sieht die Gruppen oft nur dünn bekleideter junger Männer, aber auch Frauen und Kinder neugierig an. Viele von ihnen sprechen arabisch, wie sie zu Hause meist auch. Dennoch fühlt sie sich ihnen sehr fremd. Was sollen diese Armutsgestalten hier? Was wollen die hier bei uns?

Als sie sich einmal bei ihrer Mutter darüber beschwert, dass diese Flüchtlinge doch nur Dreck machen, Müll in der Park werfen und überhaupt einfach viel zu viele seien, gibt diese zu bedenken, dass sie selbst vor nicht allzu vielen Jahren ebenfalls geflohen waren vor Krieg und Elend. Zahra solle doch ein wenig Verständnis haben.

Doch Zahra will kein Verständnis haben; gerade die Tatsache, dass dieses Elendsgestalten ebenso wie sie dunklere Haut haben, dass sie ihre Muttersprache sprechen, dass sie ihr selbst so ähnlich sind, befremdet und verunsichert sie. Sie ist doch schon immer hier, sie ist hier geboren, sie gehört nach Berlin, wohin denn auch sonst?! Sie wohnt hier in einer – immer noch recht günstigen Wohnung – obwohl eine Mietsteigerung leider absehbar ist, sie spricht perfekt Deutsch, sie hat gerade als Auszubildende in einer Zahnarztpraxis in der Turmstraße begonnen, sie ist „integriert“ wie ihr Lehrer in der Abschlussklasse einmal lobend über sie gesagt hatte.

Nun stehen auch immer noch vor dem LAGESO, an dem sie täglich vorbei muss auf dem Weg zur Arbeit, lange Schlangen von Asylbewerbern: frierend, müde, hoffnungsvoll, verzweifelt – und vor allen Dingen geduldig. Doch was Zahra bemerkt ist in erster Linie ihre Ärmlichkeit.

Zahra hastet immer schnell an diesen Menschen vorbei, sie möchte gar niemanden ins Gesicht sehen, sie nimmt diese Menschen nur als Masse wahr, nicht als eine Summe von einzelnen.

Eines Tages jedoch stolpert sie und fällt so ungeschickt hin, dass sie sich nicht nur ein Knie aufschlägt, sondern dass auch noch ihre Tasche weggeschleudert wird. Als sie sich mühsam wieder aufrappelt – ihr Knie tut verdammt weh – tritt ihr ein junger Mann aus der Schlange der Flüchtlinge entgegen und hält ihr die Handtasche hin. Er reicht ihr eine Hand um ihr aufzuhelfen, in ihrem Schmerz und ihrer Verwirrung greift sie einfach zu und lässt sich hochziehen.

Zahra bedankt sich auf Deutsch, doch der junge Mann versteht kein Deutsch, er spricht sie auf Englisch an und fragt, ob sie sich verletzt hätte. So genau weiß Zahra das selbst noch nicht, sie möchte jetzt nicht ihre Hose hochkrempeln und sich ihr Knie ansehen, also beißt sie die Zähne zusammen und meint, es ginge schon irgendwie. Unversehens kommen die beiden ins Gespräch und wechseln, als Mahmoud erzählt, dass er Syrer sei, ins Arabische.

Viel Zeit um miteinander zu sprechen bleibt jedoch nicht, Zahra muss schnell weiter zur Arbeit. Während der Mittagspause, als sie sich eine Kleinigkeit zu essen kaufen möchte, bemerkt Zahra, dass ihre Geldbörse nicht mehr in der Handtasche ist.

Ihr wird heiß und kalt und eine tiefe Empörung steigt in ihr hoch: so freundlich hatte Mahmoud gewirkt, so hilfsbereit und besorgt um sie – und dabei hatte er es die ganze Zeit nur auf ihr Geld abgesehen!

Gerade als sie zum ersten Mal jemanden aus dieser gesichtslosen Menschenmasse vor dem LAGESO als Einzelperson wahr genommen und sogar nett gefunden hatte, wird sie enttäuscht.
Was soll sie denn nun tun? Zur Polizei gehen und den Diebstahl melden? Zurück zum LAGESO laufen und versuchen Mahmoud zu finden und ihn zur Rede zu stellen?

Erst einmal ruft sie zu Hause an und möchte ihrer Mutter von ihrem Ärger erzählen. Die Mutter ist nicht da, aber ihr großer Bruder Abbas. Der verspricht auch gleich, sich sofort auf den Weg zu machen und ihr zu helfen. Gemeinsam mit Abbas begibt sich Zahra auf das Gelände des LAGESO, das innen sehr viel größer ist, als es von außen wirkt. Oh je, wie soll sie diesen Mahmoud da nur finden?

Eigentlich möchte sie gleich aufgeben, so unwohl fühlt sie sich hier, doch Abbas meint, wenn er nun schon extra gekommen sei, so könne man sich ja mal angucken, was sich hier so tut. Er selbst ist auch ein wenig neugierig, denn er war noch nie hier gewesen, auch nicht früher, als das noch das Gebiet des Krankenhauses Moabit gewesen war – auch er ist verblüfft darüber, wie weitläufig das Gelände hier ist. Wie viele Menschen hier drinnen stehen und warten, sitzen und auch liegen – unglaublich!

Zahra, der es immer noch am liebsten wäre, niemanden hier näher ansehen zu müssen, gibt sich einen Ruck und geht so systematisch wie möglich vor: irgendwo muss dieser Mahmoud doch noch sein! Während sie die Menge der jungen und alten Männer, der Frauen und der Kinder beobachtet, merkt sie, dass diese doch keine einheitliche Masse sind, sondern ganz unterschiedlich. Manche sehen unsympathisch aus, andere sehr elend und abgerissen, wieder andere hingegen – wenn sie ehrlich zu sich ist – genau wie alle anderen: freundliche, sympathische, nette, traurige und auch einige fröhliche und hoffnungsvolle Gesichter.

Endlich: vor der Schlange zum Essenszelt sieht sie Mahmoud! Sie zupft Abbas am Ärmel und deutet heimlich auf den jungen Mann.

Ohne lange nachzudenken, was er nun eigentlich vorhat, zieht Abbas seine Schwester mit sich und stürmt auf Abbas los. Er baut sich drohend vor ihm auf und fordert ihn auf Arabisch auf, die Geldbörse seiner Schwester zurück zu geben. Mahmoud sieht ihn total verwirrt an, schüttelt den Kopf und weiß nicht, wie ihm geschieht. Sein Blick wandert zu Zahra, die ihn enttäuscht und böse anguckt. Doch Abbas brüllt ihn an, er solle seine dreckigen Augen von seiner Schwester lassen und lieber das Geld herausrücken. Doch Mahmoud weiß nichts von einer Geldbörse, er verteidigt sich und erzählt, dass er der jungen Frau doch geholfen habe, ihr die Handtasche wieder gegeben habe und sonst gar nichts. Die Situation spitzt sich zu, die beiden jungen Männer schreien sich schließlich an, Abbas schubst Mahmoud, doch bevor es zu einer Schlägerei kommen kann, mischen sich zwei uniformierte Männer vom Sicherheitsdienst ein und trennen die beiden. Abbas und Zahra versuchen zu erklären, dass es sich hier um Diebstahl handele, doch die Sicherheitsleute wollen keinen Ärger und raten den beiden, sich an die Polizei zu wenden, wenn etwas gestohlen worden sei.

Zahra und Abbas ziehen frustriert ab, Zahra ganz besonders verstört und traurig, denn wieder hatte sie den Eindruck, dass Mahmoud doch eigentlich wirklich sehr nett und auch aufrichtig gewirkt hatte. Doch wer bitte sonst, sollte sie beklaut haben? Es kam doch nur er in Frage.
Kurz diskutierten die beiden Geschwister ob es einen Sinn hätte, tatsächlich zur Polizei zu gehen, doch Abbas meinte: „Ach, die Bullen, die helfen uns doch sowieso nicht!“

Die beiden geben sich geschlagen und gehen nach Hause, Zahra versucht sich mit dem Gedanken zu trösten, dass sie ja sowieso nicht allzu viel Geld in der Geldbörse hatte. Aber dennoch: ihr Ausweis, die Krankenkassenkarte, ihr Fahrschein, Ihre EC-Karte – einfach alles weg!

Sie versucht sich bei einer guten Tasse Minztee etwas zu beruhigen – denn wie sagt nicht nur der Engländer, sondern auch der Araber – „abwarten und Tee trinken“ . Als ihre Mutter vom Einkaufen zurückkommt, beginnt sie gerade ihre Geschichte zu erzählen, als es plötzlich an der Tür klingelt!

Eine ältere Frau steht vor der Tür und fragt, ob hier eine Zahra El–Hadsch wohne. Zahra bejaht, wundert sich aber, denn sie kennt diese Frau nicht. Da fragt diese, ob Zahra nicht etwas vermisse und sie zieht eine Geldbörse heraus, die sich tatsächlich als Zahras herausstellt.

Die Frau sagte, sie sei beim Einkaufen in der Turmstraße gewesen, da habe sie, direkt vor dem LAGESO, im Rinnstein, aber so am Rand, dass es nicht auf den ersten Blick ins Auge fiel, dies hier gefunden. Wäre sie nicht gerade in dem Moment angerufen worden und deshalb stehen geblieben und hätte deshalb nach unten gesehen, hätte sie den Geldbeutel, sicher nicht bemerkt. Wie gut, dass auf dem darin enthaltenen Ausweis sowohl Zahras Name wie auch ihre Adresse stand!

Zahra, ihre Mutter und Abbas bedanken sich bei der freundlichen Frau und laden sie zum Teetrinken ein. Doch diese muss gleich wieder weiter und verabschiedet sich.

Wie schön, dass Zahrah nun alles wieder hat – doch sie hat ein total schlechtes Gewissen gegenüber Mahmoud, dem sie so Unrecht getan hat. Ein wenig weitet sich dieses schlechte Gewissen auch gegenüber den vielen anderen Flüchtlingen aus, die sie bis heute nicht als Menschen wahrnehmen wollte.
Abbas brummt noch vor sich hin, er hätte ja gleich gesagt, es sei Unsinn, zu den Bullen zu gehen.

Abends im Bett denkt Zahra noch viel über den heutigen Tag nach – und beschließt sich zu erkundigen, ob sie eventuell ein wenig mithelfen kann, das Leid der Neu-Angekommenen zu lindern. Sie hat einen Stand von „Moabit hilft“ gesehen, da kann sie ja morgen mal nachfragen.
Wer weiß, vielleicht findet sich dabei auch eine Gelegenheit, sich bei Mahmoud zu entschuldigen.

So ist aus dieser Diebstahlsgeschichte nun doch kein Krimi geworden, aber immerhin: beinahe!

Text: Elvira Hanemann
Die MoabitOnline-Redaktion bedankt sich bei Elvira Hanemann für ihren schönen Beitrag zu unserem Aufruf des Verfassens eines Moabit-Krimis.

Ein Kommentar auf "Zahra und die verschwundene Geldbörse"

  1. 1
    Kolstan Sattar says:

    Ich bin beeindruckt wie Elvira Hanemann das Innenleben von Zahrah so treffend beschreiben kann. Einerseits kam man selber als Flüchtling irgendwann nach Deutschland und müsste besonders gut wissen, wie sich die Menschen fühlen. Andererseits hat man das Gefühl, dass man doch anders ist. Ich denke, dass sich da viele wieder erkennen werden, mich eingeschlossen. Vielen Dank für diese kurze Geschichte.

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