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Kunstwettbewerb zum Gedenkort Güterbahnhof Moabit

Nur noch bis zum 2. September 2016 täglich von 12.30 bis 20.00 Uhr ist die Ausstellung mit den 9 Entwürfen des Kunstwettbewerbs zur Gestaltung des Gedenkorts Güterbahnhof Moabit im Auditorium des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin-Kreuzberg zu sehen. Ob danach die ersten beiden Preisträger und die Anerkennung im Rathaus Tiergarten ausgestellt wird, ist noch nicht geklärt.

Bild: raumlaborberlin

Bild: raumlaborberlin

Wie bereits berichtet und kontrovers diskutiert, erhielt der Entwurf „Hain“ des Berliner Künstlerkolektivs raumlabor den ersten Preis und wurde mit Über­arbeitungs­empfehlungen zur Realisierung empfohlen. Die Künstler schlagen vor einen Kiefern­hain aus 24 Waldkiefern zu pflanzen und die wenigen noch vor­handenen historischen Reste des Gleises 69 sorgfältig zu restaurieren und frei­zulegen. Der Ort soll ergänzt werden durch zwei Informationstafeln und eine lange Granitbank.

Aber nicht nur der erste, auch der zweite Preis wurde zur Realisierung empfohlen, wenn der Entwurf von raumlabor aus irgendwelchen Gründen nicht gebaut werden kann. Katharina Hohmanns „Weg – Ort – Nachbarn“ geht in eine ganz andere Richtung. Sie schlägt vor den Weg von der ehemaligen Synagoge Levetzowstraße bis zu den Gleisen an der Quitzowstraße an Laternenmasten mit Metallschildern, die ausgestanzt das Wort „Hier“ und auf der Rückseite Informationen sowie den QR-Code einer dreisprachigen Webseite tragen, zu markieren. Der Deportationsort selbst soll mit einer hohen Mauer umgeben werden, innen einen Raum der Ruhe bieten oder für Bildungsprojekte, Konzerte oder ähnliches genutzt werden können. Die Schlüssel sollen bei benachbarten Institutionen und Initiativen, wie den anliegenden Geschäften, der Theodor-Heuss-Schule oder dem Verein „Sie waren Nachbarn“ abzuholen sein.

Bild: Katharina Hohmann

Bild: Katharina Hohmann

Die Arbeit „Der Hain – nach der Depor­tation“ von Andrea Zaumseil erhielt eine Anerkennung.

Das Ergebnisprotokoll der Preisgerichts, das am 18. August ganztägig tagte, und auch den Bericht der Vorprüfung enthält, kann hier heruntergeladen werden (Pressemitteilung des Bezirksamts). Der Wettbewerb wird auch auf der Seite der Senatskanzlei Kulturelle Angelegenheiten dokumentiert werden, aber das dauert noch ein bisschen.

Aus Berlin wurden etwa 55.000 Jüdinnen und Juden in Ghettos und Vernichtungslager deportiert mit Sonderzügen der Deutschen Reichsbahn. Tausende Eisenbahner waren daran beteiligt, indem sie einfach „ihren Job machten“. Der erste sogenannte Osttransport ging im Oktober 1941 vom Bahnhof Grunewald ab. 1942 fuhren Deportationszüge auch vom Anhalter Bahnhof und vom Güterbahnhof Moabit aus. Lange war nicht klar, welche Bedeutung der Güterbahnhof Moabit, der in Zeitzeugenberichten auch Bahnhof Putlitzstraße genannt wird, weil der Personenbahnhof nebenan bekannter war, für die Deportationen hatte. Heute ist jedoch belegt, dass über 30.000 Menschen von den Gleisen 69, 81 und 82 des Güterbahnhofs Moabit in den Tod geschickt wurden. Ein Gedenkort an dieser Stelle ist schon lange überfällig. Er wurde bereits seit 1987 von Moabiter Bürgerinnen und Bürgern, von Historikern und Journalisten und schließlich auch durch eine Initiative der Stiftung Topographie des Terrors gefordert. Erst seit 2007 steht die Infomationstafel an der Quitzowstraße.

Bei der Ausstellungseröffnung am 24. September gaben Prof. Dr. Andreas Nachama (Direktor der Stiftung Topographie des Terrors) und Sabine Weißler (Bezirksstadträtin für Weiterbildung, Kultur, Umwelt und Naturschutz im Bezirk Mitte von Berlin) eine thematische Einführung zum Gedenkort Güterbahnhof Moabit. Prof. Dr. Stefanie Endlich (Vorsitzende des Preisgerichts) und Katrin Sander (Referentin für Kunst am Bau in der Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten) berichteten über den Wettbewerb und die drei ersten Preisträger*innen stellten ihre Entwürfe vor. 

Sabine Weißler ging in ihrer Rede ausführlich auf die Planungsgeschichte des Ortes ein. Sie hat versucht herauszufinden, warum nur ein kleiner Rest – eingeklemmt zwischen Lidl und Hellweg – übriggeblieben ist, während der Rest der Fläche der kommerziellen Verwertung geopfert wurde. Konnte Heinz Knobloch noch den Hinweis geben „Misstraut den Grünanlagen!“ und untersucht ihre Geschichte, so bleibt bei heutiger Verwertung so gut wie nichts mehr übrig. Wir dokumentieren hier die Rede:

Foto: Jürgen Schwenzel

Foto: Jürgen Schwenzel

Heute geht es um den größten Depor­ta­tions­bahnhof Berlins. Um den Güterbahnhof Moabit. Es geht um 250 qm Rest­land zwischen einer Ent­las­tungs­straße und zwei Großmärkten.
Wie konnte der Güterbahnhof zum Restland werden?
Ich wollte wissen, an welchem Punkt das Gelände dem Verwertungsdruck und der Verkehrsplanung nachgeordnet wurde und warum.
Darum habe ich die alten Akten durchgeschaut und Vermerke von Mitarbeitern gelesen, die längst im  Ruhestand sind. Ich habe keine vollständige Antwort finden können.
Nach der Wiedervereinigung galt in der Verkehrs- und Stadtplanung so eine Art „Recht des ersten Zugriffs“.
Die Bahn verkaufte nachdem klar war, dass Berlin einen Zentralen Hauptbahnhof am Standort Lehrter Stadtbahnhof bekommen würde, Grund­stücke, die sie nicht benötigte oder die andere haben wollten.
Seit Mitte der 1990er Jahre immerhin schon war das Bezirksamt Tiergarten mit den früheren Bahntöchtern VIVICO und DB Netz wegen der Gestaltung des Güterbahnhofs im Gespräch.
Das Vorhaben findet sich in alten Akten unter der Bezeichnung „Deportationsbahnhof Putlitzbahnhof“ oder „Deportationsweg Quitzowstraße“.  

Im Zusammenhang mit der beabsichtigten neuen Straßenführung, die wir heute als Ellen-Epstein-Straße kennen, wurde im Rahmen der sogenannten frühzeitigen Bürgerbeteiligug auch die Zukunft des Geländes ehemaliger Güterbahnhof als Gedenkort betrachtet und bei einer Ausstellung und Veranstaltung am 23. Juni 1998 ca. 70 interessierten Bürgerinnen und Bürgern vorgestellt.
In diesen alten Unterlagen sind übrigens Sie, Herr Szagun, als einer der immer wieder nachfragt, genannt. Ihrem langen, langen Atem ist es wesentlich zu verdanken, dass wir heute hier stehen.

Dr. Joachim Spielmann wurde in der Folge durch die Bahn mit einem Gutachten zu dem Ort beauftragt. Und spätestens an diesem Punkt kamen Sie, sehr geehrter Herr Nachama – damals noch bei der Jüdischen Gemeinde – auch offiziell und aktenkundig hinzu.
Es heißt: Dr. Spielmann nahm mit Ihnen Kontakt auf und führte eine historische Recherche durch.
Bereits in dem Spielmann-Gutachten von 2000 wurde festgestellt: “ …, dass mehr Menschen, als bisher angenommen, vom Bahnhof Putlitzbrücke deportiert wurden (ca. 15.000 Menschen in 40 bis 45 Transporten – in der Größenordnung vergleichbar mit dem S-Bahnhof Grunewald).“
Eckpunkte wurden formuliert, die auch in unseren Wettbewerb einflossen:
„- aufgrund der bereits erfolgten Umgestaltung der Bahnanlage am Nordring sind – anders als am Bahnhof Grunewald – nur Reste der historischen Bahnanlage vorhanden, deshalb kann keine Gesamtanlage gestaltet werden.
– dieser Ort sollte im Kontext zu den Mahnmalen an der ehemaligen Synagoge Levetzowstraße und auf der Putlitzbrücke gesehen werden
– der Weg in seinem Charakter als Hohlweg und ein angrenzendes Stück des Gleises 69 mit Militärrampe sollte erhalten bleiben“.

Ladestraße Gleise 81 u. 82, 1993, Foto: Andreas Szagun

Ladestraße Gleise 81 u. 82, 1993, Foto: Andreas Szagun

2002 hatte eine Begehung mit dem Landesdenkmalamt stattgefunden. Die damalige Begutachterin Dr. Gabi Dolff-Bonekämper befürwortete die Unterschutzstellung. Diese wurde übrigens später, wegen des zu geringen Anteils vorhandenen Originalmaterials nicht durchgeführt. Erst jetzt, durch erneute Intervention, wurde das Gelände im Juni 2016 unter Schutz gestellt.

Ein bisschen verläuft sich dann die Spur durch die Akten.
2005 schreibt die damalige Bezirksstadträtin Dubrau an die damalige Senatsverwaltung Wissenschaft und Kultur. Sinngemäß berichtet sie, es haben Gespräche mit dem Investor des Baumarktes stattgefunden und es stehe in Aussicht, dass der Investor den Gedenkort finanziere. Ein ausführendes Architekturbüro sei auch schon gefunden.
Diese Art des Vorgehens käme für uns heute überhaupt nicht mehr in Frage. Wir schreiben Kunstwettbewerbe selbstverständlich aus.
Doch dann wurde alles auf Start gestellt.
2006 legte Alfred Gottwald zusammen mit Diana Schulle und Klaus Dettmer eine neue, aktuelle Untersuchung zum Deportationsbahnhof Moabit vor. Sie belegte, dass von Moabit die meisten Deportationen ausgingen und nicht, wie bisher angenommen, vom Bahnhof Grunewald.
Als ich 2011 dieses Amt übernahm, fand ich das Projekt Gedenkort Güterbahnhof Moabit als eines der vielen losen Fäden vor, die ich zu sortieren und zu ordnen hatte. Dazu brauchte ich Fachleute.

In Mitte gab es kein Kulturamt mehr. Nach dem Ausscheiden von Dr. Marlise Hoff, die an den Diskussionen zum Güterbahnhof über Jahre beteiligt war, hatte man diese Position nicht wiederbesetzt. Diese Fehlentwicklung musste ich korrigieren, was in Zeiten des totalen finanziellen Offenbarungseides des Bezirks Mitte regelrecht bekämpft wurde. Die Mittel für die Position wurden aus meinem Haushalt herausgenommen.
Wir hatten ein wahnsinniges Glück, dass wir Dr. Ute Müller-Tischler gewinnen konnten. Mit ihr konnte ich wieder eine funktionierende Struktur für Wettbewerbe auch für Kunst im öffentlichen Raum aufbauen.
Um ein so sensibles Verfahren, das mit vielen Stellen, Initiativen und Verwaltungen abgeklärt werden muss, durchzustehen, braucht es Menschen, die das können. Und in der Zusammenarbeit mit Katrin Sander aus der Senatskanzlei Abtl. Kultur gelang dann auch endlich der Weg aus der Sackgasse.
Wir haben zwischen Senatskanzlei und Bezirk eine Art Arbeitsteilung getroffen. Die Senatskanzlei finanziert den Wettbewerb und wir die Realisierung des Ergebnisses mit Mitteln der Deutschen Klassenlotterie. Das zu erreichen war gar nicht einfach. Denn eigentlich gibt die LOTTO-Stiftung keine Blankoschecks, sondern erwartet zunächst die Vorlage eines Wettbewerbsergebnisses. Andererseits konnten wir den Wettbewerb erst seriös ausloben, wenn wir auch die Realisierung in Aussicht stellen konnten.

Unterführung 1989, Foto: Andreas Szagun

Unterführung 1989, Foto: Andreas Szagun

Es gelang durch gemeinsame Kraftanstrengung. Ich bin dafür allen Beteiligten unendlich dankbar. Dazu gehört auch der Beirat der LOTTO-Stiftung, mit den Vertreterinnen von SPD, CDU und Grünen und die unterstützende BVV des Bezirks Mitte. Denn natürlich hat es eine klare politische Botschaft, ob man bereit ist einen Gedenkort zu errichten oder nicht.

Was lernen wir:
1. Nicht vor dem Ziel aufgeben.
2. Als Verbündete agieren mit den Bürgerinnen und Bürgern, den Initiativen und Fachleuten.
3. Politische Konstellationen suchen und finden, die die gemeinsame Ziele mittragen
4. Handeln

Nochmal: Dank an alle Menschen, denen dieser Gedenkort wichtig war und ist. Wir brauchen eure Kraft auch weiterhin.
Dank an die Senatsverwaltung, die Topografie des Terrors für die Gastfreundschaft und Unterstützung.
Ich wünschte der Autor des entscheidenden Gutachtens, Alfred Gottwaldt, wäre bei uns. Er ist leider verstorben. Auch an ihn denken wir in diesem Moment.

Noch steht der Gedenkort nicht. Auch der Abschluss des Wettbewerbes ist nur ein Zwischenschritt. Aber er verweist auf den nächsten Schritt. Wir werden ihn gemeinsam gehen!

Nachtrag:
Bericht in der Berliner Woche.

Der Weg und der ganze erhaltene Rest der Rampe wurden unter Denkmalschutz gestellt.

Ab Mitte Februar sollen die Arbeiten beginnen und im Sommer 2017 abgeschlossen sein (Pressemitteilung).

6 Kommentare auf "Kunstwettbewerb zum Gedenkort Güterbahnhof Moabit"

  1. 1
    Aro Kuhrt says:

    Ein paar Bäume zwischen Baumarkt und Lidl sollen einen Gedenkort darstellen. Was für eine vergebene Gelegenheit, an diesem Ort auf das hinzuweisen, was hier geschehen ist. Jahrelange Bemühungen waren umsonst 🙁

  2. 2
    H. E. says:

    Nicht der Entwurf der Gedenkstätte ist ein Problem, sondern dass das Bezirksamt genehmigt hat, dass die anschließenden Grundflächen für einen überflüssigen Baumarkt und einen überflüssigen Discounter verplempert wurden und dadurch für ein dem Thema angemessenes Grundstück kein ausreichender Platz gelassen wurde.

  3. 3
    Andreas Szagun says:

    Ausführlich habe ich ja schon zum Artikel „Aktion für einen Gedenkort“ meine Meinung geäußert (Nr. 13 und 18). Ich frage mich, worin das Problem der Gegner des Entwurfs besteht, zu sagen, welchen Vorschlag sie favorisierten. Darüber könnte man ja diskutieren, über „es gab bessere“ eher schlecht. Und ich respektiere es, wenn Künstler auf andere Ideen kommen als ich, der ich ein politischer und geschichtsinteressierter Mensch bin und deshalb vermutlich nur etwas Plakatives, Belehrendes hinbekommen würde. Kunst dagegen kann und soll dazu anregen und Raum lassen, selbst zu denken und nicht Vorgedachtes „nach“zu denken.

  4. 4
    Leni Wolf says:

    Das Buch von „Alfred Gottwald: Mahnort Güterbahnhof Moabit , Die Deportation von Juden aus Berlin“ ist jetzt auch in der Bruno-Lösche-Bibliothek, Signatur B 133, vorhanden.

  5. 5
    Susanne Torka says:

    Es wurde vom Landesdenkmalamt tatsächlich der gesamte Rest der ehemaligen Rampe unter Denkmalschutz gestellt. Hier in der Denkmaldatenbank, der Kartenausschnitt lässt sich rechts anklicken (oder oben im Nachtrag):
    http://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/liste_karte_datenbank/de/denkmaldatenbank/daobj.php?obj_dok_nr=09097814

  6. 6
    Susanne says:

    Pressemitteilung des Bezirks über den Beginn der Arbeiten:
    http://www.berlin.de/ba-mitte/aktuelles/pressemitteilungen/2017/pressemitteilung.564595.php

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