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Fritz-Schloß-Park: Seine militärische Vorgeschichte

Trümmerbahn August 1950Im Moabiter Fritz-Schloß-Park laufen seit geraumer Zeit Erdarbeiten zur vorsichtigen Um- und Neugestaltung der Grünanlage. Der sanft ansteigende Park zeigt dem Eintretenden ein harmloses, grünes und freundliches Gesicht. Die in Moabit zugezogenen Neubürger und auch unsere hier geborenen Jungbürger zweier Generationen wissen sehr oft nichts über die militärische Vergangenheit dieses Areals.
Heute schwer vorstellbar ist die gewaltige Ausdehnung des ehemaligen Militärgeländes. Zwischen dem jetzigen Hauptbahnhof entlang der Invalidenstraße bis zur Einmündung in die Straße Alt-Moabit, die Rathenower Straße entlang bis zur Krupp- und Feldzeugmeisterstraße über die Perleberger Straße und die Lehrter Straße wieder zurück bis zum Hauptbahnhof erstreckte sich seit 1848 / 1881 / 1893 in drei Etappen das größte Kasernen- und Exerzierplatzgelände Berlins außerhalb der alten Stadtgrenze im 19. Jahrhundert.
Die ältesten Kasernen standen seit 1848 für fast 100 Jahre bis zum Abriss auf dem Gelände der heutigen Zille-Siedlung für die 2. Garde-Ulanen mit Ställen für 670 Pferde. 1881 folgten Kasernenbauten zwischen Perleberger- und Kruppstraße für die 1. Garde-Feldartillerie mit großem repräsentablen Offizierskasino, der jetzigen Botschaft Usbekistans. Die große Mitte zwischen Krupp- und Seydlitzstraße entlang der Rathenower Straße nahmen seit 1891 Kasernen ein, die mit einem riesigen Exerzierplatz bis zur Lehrter Straße für das 4. Garderegiment zu Fuß gebaut wurden.
Erst 1926 wurde von diesem Platz das Gelände für das heutige Poststadion abgetrennt. Der Versailler-Vertrag nach dem verlorenen ersten Weltkrieg mit seinen militärischen Beschränkungen auf ein 100.000 Mann-Heer machte schließlich viele der vorhandenen Militärkapazitäten entbehrlich. Zurück blieben bis zum Kriegsende 1945 die Kasernen entlang der Rathenower Straße mit einem dahinter gelegenen verkleinerten Kasernenhof. Dieser Hof ist größengleich mit dem jetzigen Fritz-Schloß-Park. Die Trümmer der Ende 1944 bombenzerstörten Kasernen und weiterer Moabiter Häuserschutt wurden seit 1950 zu einem Berg aufgeschüttet, mit Pflanzerde bedeckt und landschaftsgärtnerisch gestaltet.
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Unter dem freundlichen Gesicht des Fritz-Schloß-Parks liegt also eine militaristische Mine; 97 Jahre Geschichte von drei Waffengattungen preußischen Militärs und eines Wachregiments, zunächst der Reichswehr und später der Deutschen Wehrmacht zur NS-Zeit. Eine Geschichte von Schweiß und Drill soldatischen Lebens, vom unerbittlichen Exerzieren nach früherer militärischer Doktrin, von verblendeten Offizieren beim Durchsetzen fanatischer Ideologien kaiserlicher oder faschistischer Natur, aber auch Ort tragischer Geschehnisse während der sogenannten Fabrikaktion im Februar 1943 bei der Festnahme und Verbringung 2000 jüdischer Mitbürger zur Deportation nach Auschwitz
Ende des Jahres 1918/19 war die Rathenower Straße Standort und Kommandostand der berüchtigten Freiwilligen-Brigade Oberst Wilhelm Reinhard, ehemaliger kaiserlicher Frontkommandeur, die sich bei der Niederschlagung der sogenannten Novemberrevolution republikanisch gesinnter Arbeiter, Soldaten und Matrosen in Berlin durch exemplarische Exekutionen hervortat.
Tragisch schließlich für die deutsche Geschichte und für den Tod geschätzter eine Million weiterer Menschen von Juli 1944 bis Mai 1945 war die Rolle des Kommandeurs des Wachreginents Großdeutschland, Major Otto Ernst Remer, der mit Soldaten seines Regiments am 20. Juli 1944 nach dem missglückten Hitlerattentat aus der Rathenower Straße in die Bendlerstraße zum Oberkommando der Wehrmacht fuhr und die dort anwesenden Verschwörer um Oberst Claus Schenk Graf Stauffenberg in den späten Abendstunden ohne Gerichtsurteil erschießen ließ. Eine Chance zum früheren Kriegsende war vertan.
fsp_trummer_.jpg Der fatale Endpunkt einer Militärgeschichte in Moabit mündet in die scheinbar versöhnende Verwandlung des gleichen Areals in einen Freizeitpark mit Angeboten für Erholung, Jogging, Kinderspiel, geruhsames Spazierengehen und Besinnung.
Geschichtsbewusstsein ist die Voraussetzung zum Verständnis der Gegenwart – und man sieht nur, was man weiß. Was vergessen wird, war nicht. Der Bürgerverein „BürSte“ und der Verein für eine billige Prachtstraße—Lehrter Straße wünschen sich einen Hinweis auf die Vorgeschichte des Geländes. Am Eingang zum Park gegenüber dem Kriminalgericht könnte eine fest aufgestellte Tafel Informationen der hier beschriebenen Art in Kurzform geben. Wer Interesse hat dabei mitzuwirken, kann sich melden.

Text und Bilder: Joachim Schulz, zuerst veröffentlicht in LiesSte, Zeitung für den Stephankiez, Nr. 3 Dezember 2007, www.stephankiez.de

Nachtrag: Mittlerweile hat BürSte die virtuelle Gedenktafel für den Fritz-Schloß-Park ins Netz gestellt, auf der die Geschichte noch genauer nachgelesen werden kann mit vielen Bildern.

8 Kommentare auf "Fritz-Schloß-Park: Seine militärische Vorgeschichte"

  1. 1
    Devra Biene says:

    Es wäre schön, wenn Sie einige Informationen zum Ulanen-Stein und zu den 6 Skulpturen von Michael Schoenholz in der Zille-Siedlung geben könnten.
    Gruß
    D.Biene

  2. 2
    Rüdiger v. Bergmannn says:

    Hallo Herr Schulz,

    ist es ideologische Verblendung oder geschichtliche Unkenntnis, die Sie zu der Äußerung bewegt:
    „von verblendeten Offizieren beim Durchsetzen fanatischer Ideologien kaiserlicher oder faschistischer Natur“ ?

    Die Gleichsetzung der kaiserlichen Offiziere mit der Nazi-Schergen ist nun wirklich eine plumpe Geschichtsfälschung, ebenso wie Sie vollkommen ungerecht alle Wehrmachtsoffiziere mit den Nazis in einen Topf werfen.
    Ein Tip von mir: Bevor Sie diffamieren, sollten Sie sich informieren.

    Mit freundlichen Grüßen

    Rüdiger von Bergmann

  3. 3
    Redaktion says:

    @ Devna Biene,
    hier ist der Artikel zu den Skulpturen in der Zillesiedlung:
    http://www.moabitonline.de/3327

  4. 4
    Susanne Torka says:

    Hallo Rüdiger von Bergmann,
    ich glaube, da haben Sie etwas falsch verstanden. Herr Schulz hat nicht „alle kaiserlichen Offiziere mit Nazi-Schergen gleichgesetzt“, sondern er hat gesagt, dass es auf dem Gelände der Militäränlagen (jetzt Fritz-Schloß-Park) „verblendete Offiziere“ gab, die „fanatische Ideologien kaiserlicher oder faschistischer Natur“ durchgesetzt haben. Wenn Sie sich mit der Geschichte von Major Otto Ernst Remer und der Niederschlagung des Widerstands auseinandersetzen, werden Sie dem nicht widersprechen können.

  5. 5
    vilmoskörte says:

    Susanne, ich könnte mir vorstellen, dass Herr von Bergmann, so wie er sich weiter oben geäußert hat, deine „linksradikale“ Einschätzung der Rolle von Major Remer nicht unbedingt teilt und eher ein Metapedia- als ein Wikipedia-Benutzer ist.

  6. 6
    Susanne Torka says:

    Vilmos, was ist daran linksradikal? Du hast es in Anführungszeichen gesetzt, o.k. Major Remer ist schließlich von einem Gericht der BRD verurteilt worden!

  7. 7
    R@lf says:

    Remer, ist zwar verurteilt worden, war aber bis zu seinem Lebensende ein halsstarriger, uneinsichtiger Rechtsradikaler und Militarist, der leider in den Jahrzehnten nach dem Krieg auch viele junge Menschen in diesem Sinne beeinflußt hat und ihr Idol wurde. Die Nachwirkungen auch seines Handelns sehen wir heute.

    Aktuell ist noch darauf hinzuweisen, daß Remer unter Präsident Abd el Nasser 1953/1954 als Militärberater zum Aufbau des faschistoiden agyptischen Militärs gedient hat:

    „Besonders willkommen waren Alt-Nazis in Ägypten, wo sie aktiv am Aufbau von Streitkräften, Geheimdiensten und Folterzentren sowie beim Bau von gegen Israel gerichteten Vernichtungswaffen mitarbeiten konnten. Namentlich zu nennen sind einschlägig bekannte Größen wie SS-Offizier Otto Skorzeny oder Generalmajor Otto Ernst Remer, der federführend den Aufstand gegen Hitler am 20. Juli 1944 blutig niederschlug. Letzterer agierte als militärischer Berater von Präsident Nasser, der 1964 die PLO ins Leben rief und sich bei jeder Gelegenheit für die Echtheit der antisemitischen Fälschung „Protokolle der Weisen von Zion“ verbürgte.“ –> Zitiert nach http://www.doew.at (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes).

    Zudem diente er in Syrien den Baath-Faschisten. Remer „hatte zusammen mit [Alois] Brunner in Damaskus die „Orient Trading Company“ gegründet; offiziell galt die „Otraco“ als Handelsfirma, in Wahrheit aber verschoben die Altnazis Waffen.“ „Über vier Jahrzehnte gewährte Syrien [SS-Hauptsturmführer, enger Mitarbeiter Eichmanns] Alois Brunner, Hitlers letztem prominenten Judenmörder, Unterschlupf .“ (SPIEGEL, 4.10.1999)
    Zitat Alois Brunner Mitte der 1980er, nachdem ihn Journalisten in Damaskus aufgestöbert hatten: „Alle Juden „verdienten den Tod, denn sie waren Agenten des Teufels und menschlicher Abfall“. Das sagt ja wohl Alles…

  8. 8
    Geschichtsinteressierter says:

    Zu dem wenige Tage während der Fabrikaktion 1943 existierenden Sammellager „Rathenower Straße“ auf dem umfangreichen Kasernengelände, wurde durch die Forschungen von Akim Jah ermittelt, dass es sich um den Tattersall (also die Reithalle) in der Feldzeugmeister Straße handelte. Siehe hier auf Seite 13:
    https://www.stolpersteine-berlin.de/sites/default/files/downloads/akim_jah_sammellager_in_berlin_fuer_stolpersteine.pdf

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