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„Life is good“ – Unbewohnbare Wohnungen durch Pfusch am Bau

Seit einem Jahr wird in den Häusern Havelberger Straße 16/16a und Quitzowstraße 120 gebaut. Eigentlich sollte die Baustelle im Oktober 2017 fertig sein, doch kürzlich erklärte ein beteiligter Fachmann entnervten Mietern, dass er keine Prognose für die Fertigstellung mehr abgeben möchte, denn die beauftragte Baufirma kriege es einfach nicht hin. Mehrere Wohnungen sind durch unzählige Wassereinbrüche schon unbewohnbar geworden, viele Mieter halten aber noch aus mit nassen Wänden, Schimmelgefahr, herunterfallendem Putz und Glassplittern. Funken von Schweißarbeiten auf dem Dach trafen einen Mieter auf dem Balkon im Nacken, bei anderen Mietern wurde der Schornstein einer Gasetagenheizung verstopft. Es bestand Lebensgefahr durch Kohlenmonoxid. So berichtete die Berliner Abendschau am 29. Juli. Nach der Sendung erklärte die Hausverwaltung, dass der Baufirma gekündigt wurde und Notmaßnahmen eingeleitet würden. Ein Hilferuf an Mittes Baustadtrat Gothe rief endlich auch die Bauaufsicht auf den Plan. Für den 9. August sind Wohnungsbegehungen angesagt.

Doch der Reihe nach. Vor etwa fünf Jahren wird das Haus an die Firma „SNGR Life is good GmbH“ verkauft. Geschäftsführer sind Sascha Gechter und Nizar Rokbani. Beide hatten zusammen mit Oskar Kan 1999 das erste Meininger Hostel eröffnet. Die Billig-Hotelkette expandierte rasant. 2013 verkauften sie das letzte Viertel ihrer Anteile. Nizar Rokbani ist in einfachen Verhältnissen in Moabit aufgewachsen. Sein Vater arbeitete bei Siemens, die Mutter in Hotels, er ging in Moabit zur Schule – zunächst mit geringem Erfolg. Doch durch den Ehrgeiz der Mutter machte er Abitur und studierte Betriebswirtschaft – bis 1998. Seit 2014 verfolgte er das Ziel eine Privatschule zu eröffnen, die mit neuen Konzepten die Talente aller Kinder optimal fördern soll, ohne auf verkrustete Strukturen Rücksicht nehmen zu müssen. Nachdem Kreuzberg die Schule nicht haben wollte, wurde die Freudberg Gemeinschaftsschule 2016 in Wilmersdorf eröffnet. Schulträger ist die Montessori Stiftung Berlin, Kooperationspartner das SOS-Kinderdorf und Teach First. Als pädagogischen Berater konnte er Jens Großpietsch gewinnen, den früheren Schulleiter der erfolgreichen Moabiter Reformschule benannt nach Heinrich von Stephan, die jetzt allerdings nicht mehr in der Stephanstraße, sondern am Neuen Ufer liegt. Nizar Rokbanis Beteiligungs- und Projektgesellschaft CHARNIventure beschäftigt sich mit Projekten aus dem Bereich der Hotellerie, Reise und mit Immobilien. Ein Mann mit Ambitionen – auch auf sozialem Gebiet.

Kommen wir zurück zum Wohnhaus Havelberger/Ecke Quitzowstraße: 3 Aufgänge, 24 Mietparteien. Im Dezember 2015 erhalten die Mieter eine Modernisierungsankündigung. Geplant sind: Wärmedämmung der Hoffassade, Dachausbau, Anbau eines Aufzugs und Neugestaltung des Hofes. Die Hausgemeinschaft setzt sich sofort zusammen und wendet sich an den Berliner Mieterverein (BMV). Der stellt fest, dass für die angekündigten Maßnahmen 11 % der Modernisierungskosten auf die Mieten umgelegt werden können. Für eine 3-Zimmerwohnung sind das etwa 400 Euro. Die Mieter folgen der Empfehlung des BMV die Modernisierung zu dulden auf verschiedene Weise. Die Bauarbeiten starten im August 2016. In einigen Wohnungen im 4. OG müssen vermoderte Deckenbalken erneuert werden, in einer sind beispielsweise Badezimmer, Kammer und Teile des Flures offen nach oben. Die Wohnungen sind einen ganzen Monat unbewohnbar. Mieter kritisieren, dass der dem Haus zugeordnete Rechtsanwalt des BMV viel zu viele Fälle bearbeiten muss und keine Zeit hat, die Bautagebücher der verschiedenen Wohnungen genau genug zu lesen. So empfiehlt er beispielsweise für die Zeit der Deckenerneuerung eine Mietminderung von lediglich 50 %. Und das bei nicht nutzbarer Wohnung. Durch die aktuelle Rechtsprechung ist es grundsätzlich schwieriger geworden mit Mietminderungen zu reagieren. Oft wird deshalb empfohlen besser die gesamte Miete unter Vorbehalt zu zahlen und erst am Ende der Bauarbeiten das Geld einzuklagen. Ein betroffener Mieter erklärt: „In Berlin hat man den Hund von der Kette gelassen, und wir zahlen jetzt die Zeche!“

Im Januar 2017 wird für den Ausbau des Dachgeschosses eine Betondecke gegossen und diese anschließend mit Dachpappe versiegelt. In zwei Bauabschnitten wird der Dachstuhl heruntergenommen. Dabei wird die Versiegelung offensichtlich beschädigt. Da es kein Schutzdach gibt, bahnt sich der Regen einen Weg durchs Haus, teilweise bis ins 2. OG. Bereits im Februar gibt es die ersten Wassereinbrüche. In einer Wohnung hat es seitdem fünf Mal durchgeregnet, in anderen Wohnungen sogar noch öfter. Das Wasser läuft die Wände herunter oder an den Stromkabeln der Deckenlampen entlang. Mehrfach muss die Feuerwehr anrücken. Eine Mietpartei erhielt eine Umsetzwohnung, nachdem der hochschwangeren Mieterin Putz auf den Kopf gefallen war. Zwei andere sind vorübergehend in Hotels untergebracht und die Möbel eingelagert, denn durch Schimmel wegen der häufigen Wassereinbrüche sind die Wohnungen unbewohnbar geworden. Seit Februar bekommt die Baufirma das Dach nicht dicht! Selbst wenn die Eigentümerin jetzt eine neue Firma beauftragen, bleibt die Frage, warum monatelang nichts passiert ist.

Die Wassereinbrüche sind aber nicht die einzigen Mängel der Baustelle. Es gibt so gut wie keine Sicherheitsmaßnahmen. Auf dem frei zugänglichen Dach liegen Elektrokabel nach Starkregen 20 cm tief im Wasser. Der Teppich im Treppenhaus ist mit einem Fließ abgedeckt, das Falten wirft und auch schon Löcher hat – eine Stolpergefahr. Im April musste eineinhalb Wochen das Gas abgestellt werden, da es Probleme mit den Leitungen gab. Treppenlicht und Klingeln fallen häufig aus. Die Keller sind durch die Bauarbeiten im Hof „geflutet“. Die großen Löcher in der Hoffassade, an die der Aufzug angebaut werden soll, waren nur mit dünnen Latten und Folie verkleidet. Erst kurz vor dem Drehtermin der Abendschau wurden sie mit Brettern gesichert. Auch der hier abgebildete Lichtschalter auf dem Dach wurde neu installiert. Baumaterialien lagern auf dem Hof und behindern den Weg zu den Müllcontainern. Der Fahrradabstellplatz ist nicht mehr zu nutzen. Immer wieder gibt es Probleme, weil Mieter sich nicht mit den osteuropäischen Arbeitern verständigen können. Die Gewerbemieter mussten ein paar Häuser weiterziehen, weil aus dem Keller Feuchtigkeit und Schimmel die Wände hoch kroch. „Das mobile Schloßgespenst“ ist jetzt in die Quitzowstraße 129 zu finden.

Wenn eine Hausverwaltung sich über Monate nicht um gravierende Sicherheitsmängel auf ihrer Baustelle kümmert, ist der Verdacht nicht abwegig, dass sie diese Mängel eigentlich gar nicht abstellen will, sondern eher einkalkuliert, dass genervte Mieter aufgeben. Doch dieses Kalkül wird in diesem Haus nicht aufgehen. Die Hausgemeinschaft hält zusammen. Jetzt ist die Bau- und Wohnungsaufsicht gefragt, um erste Schadensbegrenzungen gegenüber der Eigentümerin „SNGR Life is good“ anzuordnen.

Soziales Engagement und Ausnutzung aller gesetzlich möglichen Mieterhöhungen durch Modernisierung, die keine wirkliche Wohnwerterhöhung für die Mieter bedeuten – das passt nicht zusammen.

Fotos: Susanne Torka (1 + 4), Uwe Klüppel (2 + 3)

P.S. Wer das Schild auf Foto 2 am Dachbalken angebracht hat, ist unbekannt.

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