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Sedanur Karaca – das Helfen liegt ihr im Blut

Berlinerin mit türkischen Wurzeln

Bring mir den Mann, der mir das Frühstück ans Bett bringt, mir meine Socken wäscht und mit mir schöne Reisen macht, beantwortete Sedanur Karaca die Frage eines Freundes, ob sie noch einmal heiraten würde. Also wird sie nicht. Sie ist auch so zufrieden mit ihrem Leben und gibt vielen Menschen Halt, Anerkennung, Würde und eine Art Respekt, die so nur sie geben kann.

Die 63jährige in der Türkei Geborene ist seit vielen Jahren in ihrem Kiez eine Größe. Sedanur Karaca kam 1967 nach Deutschland, wo ihr Mann schon sechs Jahre lang lebte. Sie zog zwei Söhne groß und war 25 Jahre verheiratet. Sie lebte in Köln, dann in Berlin, dann wieder in Köln und nunmehr schon 45 wieder in Berlin. Sie fing an zu arbeiten, erst als Ladenhilfe, dann als Verkäuferin im Lebensmittelmarkt „Bolle“. Der Markt wurde ihr für fast 30 Jahre eine Art zweites Zuhause: „Ich liebte die Kundschaft und die Kundschaft liebte mich“, erklärt sie im Gespräch ganz selbstbewusst eine ganz besondere „Liaison“.

Tief im Kiez verwurzelt

Sie setzte die Scheidung durch. „Dabei haben mir deutsche Freunde sehr geholfen. Ich kam in deren Wohnung unter, half bei der Pflege der Mutter und wurde wie eine Tochter behandelt. Dann hatte ich wieder Glück und bekam meine eigene Wohnung in der Pritzwalker Straße, in der ich heute noch lebe.“ Hier ist Sedanur tief verwurzelt. Landsleute, die Probleme mit der deutschen Sprache haben, kommen zu ihr, um sich Briefe übersetzen zu lassen, sich zum Arzt oder zum JobCenter begleiten zu lassen. Das war auch schon bei „Bolle“ nicht so selten der Fall, dass sie angesprochen wurde. Und wenn gehbehinderte ältere Menschen anriefen, ob sie nicht das oder das von „Bolle“ mitbringen könne, dann wurden die Waren in den selbstgehäkelten Rucksack gepackt und frei Haus geliefert. Dass das Helfen ihr im Blut liegt, wusste Sedanur Karaca schon früh. „Aber“, und das muss sie unbedingt sagen. „Auch ich habe sehr viel Hilfe erfahren.“ Ganz besonders liegt ihr am Herzen, dass Menschen als Menschen gesehen werden und nicht danach beurteilt werden, welches ihr Herkunftsland ist. Sie selbst fühlt sich als Berlinerin mit türkischen Wurzeln. Nicht mehr und nicht weniger.

Erfahrungsschatz von Vorteil

Nun hat sie sich entschieden, in der Seniorenvertretung von Mitte mitzumischen. Wie kam es dazu?: Der Sven von der Sport-Selbsthilfegruppe bei der Kontaktstelle PflegeEngagement schlug mich Elke Schilling, der Vorsitzenden der SeniorInnenvertretung vor. Wir führten gute Gespräche. Ich bin niemand, der sich lange ziert. Also habe ich Ja gesagt.“ Für konkrete Aufgaben innerhalb des Gremiums in Sedanur Karaca offen. Sie kann sich vorstellen, Themen und Probleme, die türkische Seniorinnen und Senioren in Einrichtungen und in den Kiezen haben oder sehen, zu transportieren.

Ihr großer Erfahrungsschatz dürfte dabei von Vorteil sein. Als Quartiersrätin innerhalb des Quartiersmanagements Moabit-Ost trägt sie mit Entscheidungsverantwortung für die Finanzierung verschiedener Projekte. In „ihrer“ verkehrsberuhigten Pritzwalker Straße, in der überwiegend türkisch- und arabischstämmige Bewohner*innen leben, hat sie Nachbarschaftstreffs initiiert. Jeder bringt etwas mit: Tee, Kaffee, Süßes, was Gekochtes. Man sitzt zusammen, redet miteinander, wer vorbei kommt wird eingeladen. Ein Hauswartsehepaar hat das lange Zeit argwöhnisch beobachtet und jede Einladung ignoriert. Eines Tages saßen sie dann aber doch mit am Tisch. Solche Dinge erzählt Sedanur Karaca mit sichtlicher Freude in den Augen und in der Stimme. Auch, wenn sie von den Kindern in der Straße spricht, die sie zum Müllaufsammeln ermuntern konnte.

Mit Charme und Geduld unterwegs

Für ihr langjähriges ehrenamtliches Engagement bekam sie schon Ehrungen: Zum Beispiel den „Moabiter Wecker“. Vielleicht könnte man ihn so interpretieren: Den bekommt jemand, der keinen mehr braucht, der aber ständig andere zum gemeinsamen Mittun weckt. Sedanur Karaca schaffte es, dass der ehemalige Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke in die Straße kam: Die Leute wollen Sie kennenlernen! Ein Argument, das er nicht entkräften konnte. Charme, gesunder Menschenverstand, Geduld und Hartnäckigkeit – diese Eigenschaften zeichnen Sedanur Karaca aus. Es fällt leicht, mit diesem „Energiebündel“ ins Gespräch zu kommen. „Was soll ich mit einem Mann bei meinen vielen ehrenamtlichen Hobbys?“, fragt sie lachend und augenzwinkernd zum Schluss. Außerdem gibt ja da noch den 19jährigen Enkelsohn und die 15jährige Enkeltochter.

Text und Foto: S. Friedel

Zuerst erschienen in: Journal 55 Plus, Berlin-Mitte, 8. Jahrgang 2017, Seite 4-5

Quelle: aperçu Verlagsgesellschaft mbH, Berlin

4 Kommentare auf "Sedanur Karaca – das Helfen liegt ihr im Blut"

  1. 1
    Reinhardt says:

    Sie ist pragmatisch und besitzt positives Denken und kann andere motivieren: das ist Pädagogik vom Feinsten.

    Im Wedding lebt eine Schwedin ( Journalistin, Rentnerin ), die sammelt täglich Müll auf ihrer Straße auf, findet aber nur Mithelfer ihretwegen – nicht wegen der Sache und aus eigener Überzeugung. Dabei könnte doch genau das die Lösung des Problems sein:
    Wir nehmen unsere Probleme selbst in die Hand, bilden Problemgruppen und legen los. Aber dann wird das Quartiersmanagement arbeitslos. Das ist wie mit der Entwicklungshilfe…

  2. 2
    Albrecht says:

    Eine tolle Frau offenbar. Für solche engagierten Nachbarn kann man nur dankbar sein.

  3. 3
    Sohn von Sedanur says:

    Ich danke der besten Mutter der Welt für die Mühe und Geduld und die Liebe.

  4. 4
    Cümen says:

    Sedanur Karaca ist ein hilfsbereiter liebevoller und gutmütiger Mensch. Diese Persönlichkeit trägt sie bereits viele Jahre mit sich. Mit dem Engagement als Seniorenvertreterin kann sie schließlich denen Helfen die sich nach einer helfenden Hand sehnen.
    Schön das es dich gibt!

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