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Heilige-Geist-Kirche

Die Heilige-Geist-Kirche an der Birken-/Ecke Perleberger Straße ist ein ungewöhnlicher sechseckiger Bau, was an dem Grundstück liegt, auf dem sie von September 1905 bis Dezember 1906 errichtet wurde. Es war vorher ein Kohlenplatz. Die Architekten Georg Dinklage und Ernst Paulus hatten ihr Büro nicht weit weg in der Paulstraße. Sie ist im Stil der norddeutschen Backsteingotik der Jahrhundertwende gebaut. Die Bauzeit von nur etwas mehr als einem Jahr erscheint aus heutiger Sicht unglaublich. Der Kirchenbau passt sich dem Eckgrundstück hervorragend an. Der 78 Meter hohe Turm von zwei Treppentürmen flankiert dominiert die Straßenecke. Die Architekten probierten Neues aus, wie z. B. die Wärmedämmung des sechsteiligen Sternrippengewölbes mit Korkstein. Die angrenzenden Wohn- und Gemeindehäuser wurden erst in den Folgejahren gebaut und 1910 eingeweiht. Heute ist hier der Kindergarten „Birkelinchen“ untergebracht. Dinklage und Paulus bauten in Moabit noch mehr Kirchen und Gemeindehäuser, so die Reformationskirche an der Beusselstraße, die Erlöserkirche am Wikingerufer und das Gemeindehaus der Heilandsgemeinde an der Ottostraße. Warum wurden in dieser Zeit so viele neue Kirchen gebaut? Als Folge der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Bevölkerung Moabits „explodiert“. Die St. Johannis Kirche war viel zu klein geworden, etliche Gemeindeneugründungen gingen aus der St. Johannis Gemeinde in Alt-Moabit hervor. Kaiserin Auguste Viktoria, im Volksmund „die Kirchenjuste“ genannt, hatte auch bei der Heilige-Geist-Kirche als Kirchenstifterin hier ihre Finger im Spiel. Die preußische Obrigkeit unterstützte den Bau von Kirchen in Arbeitervierteln um sozialdemokratischen, sozialistischen und anarchistischen Ideen etwas entgegenzusetzen, wie eine Dokumentation zum hundertjährigen Jubiläum der benachbarten Heilandsgemeinde von 1992 belegt. Diether Huhn sprach in seinen Spaziergängen von „Beruhigungskirchen“.

Im Zweiten Weltkrieg blieb die Heilige-Geist-Kirche weitgehend von Bomben verschont bis auf die alten Kirchenfenster. Brände im Pfarr- und Gemeindehaus konnten durch Bewohner gelöscht werden. Ein Phosphorkanister durchschlug beim großen Angriff am 23. November 1943 zwar das Kirchendach, verbrannte jedoch wie durch ein Wunder nur einen Kleidersack und kohlte zwei Kirchenbänke an. Am 26. April 1945 belegten die Russen mit 40 Pferden die Kirche, zerschlugen Altar, Büro und Wohnungen. Doch ein musikliebender russischer Offizier schütze die Orgel vor Zerstörungen. „Wir haben noch eine angeknabberte Kirchenbank im Keller“, berichtete Pfarrer Oprotkowitz vor Jahren bei einem Kiezrundgang mit Turmbesteigung.

Das ursprüngliche Lesepult und das Taufbecken, die nach dem Krieg im Keller eingelagert waren, wurden restauriert und ergänzen seitdem Kanzel und Orgel mit der passenden originalen Holzschnitzerei. Mit dekorativen Pflanzenornamenten war die Kirche reichlich ausgestattet, wohl vom Jugendstil beeinflusst. Bei der Renovierung im Jahre 1988 wurde nur ein kleiner Teil der Wandmalereien erneuert. Ob diese farbenfrohe Restaurierung als gelungenen angesehen werden kann, darüber gehen die Meinungen auseinander. Im Original sind Wandmalereien, die alle Wände und Decken bedeckten, nur noch hinter der Orgel erhalten. Pfarrer Oprotkowitz erläuterte die Bedeutung der von M. Goetze geschaffenen Reliefbilder aus dem Altem und Neuem Testament. Diese schmücken die den Raum umlaufende Empore. Auch die Symbolik der Pflanzenornamente ist interessant: die Akanthus (Bärenklau) Blätter an den Pfeilern sind ein altchristliches Symbol für Freude und der Granatapfelbaum steht für das Leben der Völker. Die Beschläge der schweren Türen mit ihren stilisierten Eichenblättern wurden vom Schlossermeister Ernst Lebrecht Lentz gestiftet, der gegenüber im Hinterhof der Häuser Birkenstraße 18/19 im Jahre 1893 eine Fabrik gebaut hat und ein Pionier für Krankenhaustechnik war.

Das hundertjährige Jubiläum wurde am 17. Dezember 2006 gefeiert. Fast auf den Tag genau hundert Jahre nach der Einweihung durch Auguste Viktoria am 19. Dezember 1906, die damals eine Widmung in die von ihr gespendete silberbeschlagene Altarbibel schrieb. Doch diese Bibel wurde bei der Restaurierung 1988 gestohlen. Vielleicht wegen der Widmung der Kaiserin?

Nachtrag:
Über die Reparaturarbeiten an den Moabiter Kirchtürmen bitte hier weiterlesen.

Ein Kommentar auf "Heilige-Geist-Kirche"

  1. 1
    Heimatverein says:

    Am 20. November um 15 Uhr gibt es eine Führung mit der Pfarrerin Rebiger durch die Heilige-Geist-Kirche, Perleberger Str. 36 (Ecke Birkenstraße)
    Teilnehmerbeitrag: 5,00 Euro. Anmeldung und weitere Infos unter Tel. 939 533 55
    Heimatverein und Geschichtswerkstatt Tiergarten e. V.

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