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Ali Kamburoglu

Der Laden ist von außen ganz unscheinbar, unauffällig gelegen neben einer Kneipe, aber dafür direkt am U-Bahnhof Birkenstraße und mitten im Kiez, da, wo die Menschen wohnen. Seit nunmehr zwanzig Jahren sichert der Besitzer, Ali Kamburoglu, die Grundversorgung mit Lebensmitteln.

Geboren ist Kamburoglu 1958 in Antakya, dem historischen Antiochia, das heute im südlichsten Zipfel der Türkei liegt. Mit zwanzig Jahren verließ er jedoch die Provinz, um in Istanbul ein BWL-Studium aufzunehmen. Doch dort hielt es den jungen Mann nicht lange. Denn die türkische Gesellschaft war in dieser Zeit von starken Konflikten gebeutelt, die auch an den Toren der Universität nicht haltmachten. Schlägereien zwischen Nationalisten, Linken und Religiösen waren an der Tagesordnung und endeten nicht selten tödlich.

Aus Sorge um den Sohn stellten seine Eltern ein Ultimatum: Entweder er solle im Ausland weiter studieren oder nach Antakya zurückkommen. Kamburoglu entschied sich für das Ausland, da auch ihm die Verhältnisse in der Türkei nicht behagten, und ging 1979 nach West-Berlin. Seine Schwester und ihr Mann waren bereits Mitte der sechziger Jahre dorthin übergesiedelt. Obwohl er familiären Anschluß hatte, war das Leben nicht einfach. Kamburoglu, der bis zu seinem 17. Lebensjahr seine Muttersprache, also Arabisch, gesprochen und dann Türkisch gelernt hatte, mußte sich nun mit Deutsch abmühen. Doch irgendwann war er so weit, daß er sein Studium fortsetzen und als Diplom-Betriebswirt abschließen konnte.

Kamburoglu fühlte sich wohl in Berlin. 1986 heiratete er seine Frau, die aus dem Allgäu stammt. Mit ihr hat er zwei Töchter, die noch in die Schule gehen. Zuerst hatte Kamburoglu wieder nach Antakya zurückkehren wollen, doch da die Verhältnisse in der Türkei auch nicht gerade frei zu nennen waren, seitdem 1980 das Militär geputscht hatte, entschied das Paar, in Berlin zu bleiben. 1998 nahm Kamburoglu die deutsche Staatsbürgerschaft an.

Kurz nach seiner Heirat, 1987, traten zwei Freunde an ihn heran, und fragten ihn, ob er ihren Lebensmittelladen in der Birkenstraße übernehmen wolle. Kamburoglu wollte. Und seitdem arbeitet er am jetzigen Standort, sechs Tage in der Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Kein einfaches Leben und viel Arbeit: Morgens um sieben Uhr verläßt er seine Wohnung in Reinickendorf, fährt zum Großmarkt in der Beusselstraße und kauft Obst und Gemüse ein. In der Zwischenzeit öffnet seine Frau den Laden und beginnt mit dem Aufbau. Später werden Äpfel aus Brandenburg geliefert und von einem österreichischen Großhändler der Wein, die Konserven, Kekse und vieles mehr. Um sieben Uhr abends schließt er seinen Laden, samstags schon etwas früher, und um acht ist er dann wieder zuhause. Urlaub? Davon ist nicht die Rede.

Und weil Kamburoglu so viel Zeit im Laden verbringt und auch gerne mit den Kunden plaudert, bekommt er mit, was im Kiez vor sich geht. Die Verhältnisse in Moabit, erzählt er, hätten sich verschlechtert: Die Menschen seien ärmer geworden, ließen immer häufiger anschreiben. Dazu komme häufig der Alkohol, dem viele schon morgens frönten. Eltern, die etwas auf sich hielten, zögen weg, damit die Kinder woanders in die Schule gehen könnten. Und da viele zwei Jobs hätten, hätten sie natürlich auch keine Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern; die spielten deshalb unbeaufsichtigt auf der Straße anstatt in der Schule zu sein oder zuhause.

Derartige Probleme vor Augen, kam Kamburoglu auf die Idee, bei der Abgeordnetenhauswahl 2006 als Einzelkandidat anzutreten. Vielleicht habe er ein wenig zu spät losgelegt, meint er rückblickend. Denn als er Plakate mit seinem Konterfei, die ein Sponsor finanziert hatte, aufhängen wollte, mußte er feststellen, daß die meisten Laternenmasten schon belegt waren. Außerdem konnte er nicht in dem nötigen Umfang Straßenwahlkampf betreiben, schließlich mußte er ja im Laden bleiben. Aber wenn, ja wenn – dann wäre sein Ergebnis vielleicht besser ausgefallen. Nach der Wahl hat er oft gehört: Wir hätten dich gewählt, wenn wir gewußt hätten, daß du es bist.

Dennoch ist Kamburoglu zufrieden. Im Wahlkreis 4 des Bezirks Mitte hat er immerhin 617 der Erststimmen erhalten (3,9%) und ist damit nicht auf dem letzten Platz gelandet. Der SPD-Kandidat schnitt mit 6.137 der Erststimmen (38,9%) natürlich viel besser ab, und auf den gesamten Bezirk Mitte gesehen, erreichte er bloß 0,9%. Aber die Berichterstattung durch deutsche und türkische Medien war zufriedenstellend. Nächstes Mal, hat sich Kamburoglu vorgenommen, zieht er den Wahlkampf anders auf: Er will die vielen Deutsch-Araber, die in Moabit wohnen und ein großes Wählerpotential bilden, stärker ansprechen. Allerdings wieder als Einzelkandidat, denn die Mitsprachemöglichkeiten in den Parteien sind ihm zu gering, und die Parteidisziplin macht abhängig, findet er. Da will er lieber auf sich alleine gestellt sein.

Text: Benno Kirsch, Foto: Mirko Zander (bild.mitte), zuerst erschienen in stadt.plan.moabit, Nr. 46, Februar 2007

Nachtrag:
Ali Kamboroglu in Inforadio in der Reihe #dasbrauchtdeutschland über Außenpolitik. Und zu seiner Aussage noch ein Beitrag „Guter Ausländer, schlechter Ausländer„, Interview mit Yasemin Shooman vom Jüdischen Museum.

2 Kommentare auf "Ali Kamburoglu"

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    K. S. says:

    Danke, Susanne. Ein sehr schönes Milieu-Porträt, wenn auch nur drei Minuten lang.

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