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Moabiter Wohnhäuser im Jugendstil

Südlich Alt-Moabit finden sich einige besonders bemerkenswerte Jugendstilhäuser. Die dichte Bebauung Moabits mit geschlossenen Reihen von Mietshäusern begann ab 1870, meist nicht ganz korrekt als Bauboom der Gründerzeit bezeichnet, jedenfalls eine turbulente Spekulationszeit nach dem Börsenkrach 1873. Dieser Teil Moabits zwischen Kirchstraße und Calvinstraße wurde jedoch erst später bebaut. Als die Borsigsche Maschinenbauanstalt 1898 nach Tegel zog, erwarb die Magdeburger Bau- und Credit-Anstalt das Gelände für 3,5 Mio. Mark, ließ die Fabrikgebäude abreißen, den Karnickelberg abholzen und Parzellen anlegen, die sie entweder selbst bebaute oder als Baugrundstücke verkaufte. Es entstand ein geschlossenes Wohnviertel für den gehobenen Mittelstand. Diese Häuser waren in der Regel weit komfortabler ausgestattet als die nördlich gelegenen Arbeiterquartiere. Die Straßen waren von Fassaden im Jugendstil gesäumt. Das ist heute wegen der Zerstörungen des 2. Weltkriegs und der Entfernung vieler Stuckfassaden in den 1960/70er Jahren nur noch an einzelnen Häusern zu erkennen. Hinweise finden sich noch:  die Ornamente der Balkongitter oder der Eingangstüren und die Ausstattung von Hausflur und Treppenhaus.

Am Haus Kirchstraße 24 ist die Jugendstildekoration der Fassade nicht mehr vorhanden und doch verbirgt sich hinter der Eingangstür (rechts) ein unglaublich reich ausgestatteter Hauseingang. Alle Denkmalbücher sprechen hier von Vestibül, aber wer verwendet diesen Begriff für eine vornehme Eingangshalle heute noch.  Blumenornamente um Spiegel, an Decken- und Wandfriesen und stilisiert als Bodenkacheln, marmorvertäfelte Wände unter einer streng wirkenden klassizistischen gewölbten Kasettendecke. Die überreiche Ornamentik zeigt Naturverbundenheit und Lebensfreude des Jugendstils, ein selten erhaltenes Beispiel. Wie mag wohl die Fassade ausgesehen haben? Das Haus wurde vom Architekten der oben genannten Terraingesellschaft, Richard Schirrmacher, 1903-04 errichtet.

Viele weitere Jugendstilhäuser sind in der Thomasiusstraße zu bewundern. Ganz ungewöhnlich wirken die von außen sehr verschieden gestalteten Häuser Thomasiusstraße 4 und  Thomasiusstraße 5, die ebenfalls unter Denkmalschutz stehen.

Fritz Gottlob, ein Kirchenbaumeister, der 1902-03 als Bauherr und Architekt die Nr. 4  errichtete, verband die norddeutsche Backsteingotik mit zeitgenössischen Stilelementen. Außen zeigt sich die Jogendstilornamentik besonders deutlich an den Balkoneinfassungen. Die Decken im Treppenhaus sind reich mit Blumenmustern bemalt, das Treppengeländer und die Türen  aus edlem Holz geschnitzt. Thronartige Ruhebänke schmücken die Absätze.

Vom Giebel der Nr. 5 schaut eine eindrucksvolle Faun-Fratze in die Straße herunter. Grimmig schauende Faunköpfe sollten symbolisch vor dem Bösen schützen, das hereinkommen könnte. Das Haus wurde 1902 von Hans Landé errichtet. Die Außengestaltung zeigt schon expressionistische Züge. Auch innen ist eine reiche Ausstattung erhalten.  Großformatige Wandgemälde mit Jagdszenen schmücken den Eingangsbereich und weisen auf den nahen Tiergarten hin.

Wer sich für die baugeschichtlichen Details der drei denkmalgeschützten Häuser interessiert, findet diese in den ausführlichen Beschreibungen der oben verlinkten Denkmaldatenbank des Berliner Senats.

Beim Rundgang mit Jürgen Grothe am kommenden Samstag wird es vermutlich Gelegenheit geben diese Jugendstilhäuser und weitere Baudenkmäler von außen und innen zu besichtigen mit kenntnisreichen Erklärungen zur Geschichte dieses Teils von Moabit. Treffpunkt 12 Uhr vor der Dorotheenstädtischen Buchhandlung.

Nachtrag:
Die Fassade der Thomasiusstraße 4 ist wieder restauriert.

Bericht über eine Künstlerwohnung im Jugendstilhaus Thomasiusstraße 5.

Gemälde im Hausflur eines Hauses am Helgoländer Ufer.

5 Kommentare auf "Moabiter Wohnhäuser im Jugendstil"

  1. 1
    Lars says:

    Schön, an einem solchen Rundgang mit Jürgen Grothe durfte ich schon mal teilnehmen. Es ist wirklich interessant welche architektonischen Perlen sich in Moabit zum Teil verbergen. Und etwas über Geschichte und Entstehung von Moabit lernt man auch gleich. Gerade bei den Wetteraussichten möchte ich diesen Rundgang weiterempfehlen.

  2. 2
    thosch says:

    das werd ich mir auch mal anschauen!

  3. 3
  4. 4
    Spreegenießerin says:

    Leider stand das Datum des Rundgangs nicht im Artikel. Gibt es nochmal einen solchen Rundgang?

  5. 5
    Susanne Torka says:

    Nun Spreegenießerin,
    ich hatte den Artikel am 2.6. geschireiben, der Rundgang war am Samstag danach und auch im Veranstaltungskalender bei MoabitOnline drin gestanden.
    Also ich schätze, dass der Rundgang im nächsten Frühjahr wiederholt werden wird, denn ich hatte ihn ein Jahr vorher mitgemacht, im Mai 2009.
    Am besten bei der Dorotheenstädtischen Buchhandlung nachfragen. Rimpel organisiert diese Rundgänge von J. Grothe.

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