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Im ländlichen Moabit entstehen ab 1830 Gewerbebetriebe

„In den Moabiter Maulbeerbaum-Plantagen und Gemüsegärten entstehen Gewerbebetriebe“

heißt der Kurs der „Geschichtswerkstatt Teil 1 – Arbeitskreis zur Lokalgeschichte“ im jetzt startenden Semester der City-VHS. Er beschäftigt sich mit der frühen Industrialisierung Moabits und wird im Frühjahr weitergeführt. Die Reihe startet am 5. Oktober bis zum 23. November (Kosten für die Reihenbuchung 10 Euro). Die Einzelveranstaltungen können auch separat besucht werden (Kosten je 5 Euro). Zeit und Ort (wenn nicht anders angegeben): di 17 – 19:15 Uhr im Heimatverein und Geschichtswerkstatt Tiergarten e.V., Turmstraße 75, Raum 016. Die Termine sind im Veranstaltungskalender von MoabitOnline eingetragen.

Der preußische König Friedrich Wilhelm I. hatte 1717* seine „Großzügigkeit“ Flüchtlingen gegenüber mit der Vergabe von sandigen Grundstücken zwischen Spandauer Heerweg (jetzt: Alt-Moabit) und der Spree an 24 französische Hugenottenfamilien bewiesen, während er gleichzeitig direkt nebenan die gefährliche Pulverfabrik auf einem riesigen Gelände (zwischen heutigen Hauptbahnhof, Werftstraße, Rathenower Straße) aufbauen ließ. Mit den geschichtlichen Spuren der Hugenotten hat sich die Geschichtswerkstatt im letzten Herbst beschäftigt. Die Grundstücke, auf denen die Maulbeerbäume nicht wachsen wollten, wurden schon nach einigen Jahrzehnten in Landsitze oder Gartenbaubetriebe von Berliner Bürgern umgewandelt. Es etablierten sich einige Landgasthäuser, wie das des kleinen Franzosen Martin und das von zwei Westfalen. Neu-Moabit war nördlich des Kleinen Tiergartens durch Rodung des Waldes entstanden. Moabit war eine kleine ländliche Gemeinde weit vor den Toren der Stadt, schwer erreichbar auf tiefen Sandwegen. Deshalb fuhren die einfachen Leute – von Köchinnen und Soldaten ist in zeitgenössischen Texten die Rede – mit den Moabiter Gondeln, die von „den Zelten“ aus über die Spree schaukelten und an der Moabiter Brücke anlandeten, zu ihrem Sonntags- und Tanzvergnügen in den Gartenlokalen Moabits. Die privat finanzierte Brücke des Hofzahnarzt Ballif, für die zu Anfang Maut bezahlt werden musste, existierte erst seit 1821. Die Bevölkerung war bis 1830 kaum gewachsen. Mit der beginnenden Industrialisierung sollte sich das erst langsam und später explosionsartig ändern.

Soweit die Situation, in der sich ab 1830 Gewerbe- und Industrie-betriebe ansiedeln. Moabit verändert sich nachhaltig zunächst an den Ufern der Spree. Mit der Umsiedelung von Schumanns Porzellanmanufaktur aus Sachsen nach Moabit 1834 beginnt eine Ära, die die KPM das Fürchten lehrt. Etwa 20 Jahre später kommt die Schomburgsche Porzellanfabrik hinzu.  1836 siedelt sich die Maschinenbauanstalt der König-lichen Seehandlung an der Kirchstraße an, die 1850 von Borsig übernommen wird. Die Fabrikordnung von 1844 ist erhalten. Die industrielle Keimzelle Berlins, das sogenannte Feuerland vor dem Oranienburger Tor an der Chausseestraße, ist für Betriebserweiterungen zu eng geworden. So kommt die erste Randwanderung der Industrie in Gang, Maschinenbaubetriebe ziehen nach Moabit, wie August Borsigs Eisenwalzwerk und Kesselschmiede zwischen Stromstraße und Elberfelder Straße 1847. Nur etwa 50 Jahre später wird der Standort der Borsigschen Fabriken in der zweiten Randwanderung der Industrie nach Tegel verlegt. Der Borsigsteg fiel den Zerstörungen des 2. Weltkriegs zum Opfer, jetzt findet sich als Überbleibsel dieser riesigen Fabrikanlagen nur ein Relief an einem Wohnhaus Ecke Kirchstraße und der Essener Park als Rest der Gartenanlagen der Villa Borsig. Der Carl-von Ossietzky-Park kann als Überbleibsel der Villa Pflug gelten. Über die Firmen, ihre Bedeutung, Produkte, Fabrikalltag, Arbeitsbedingungen, soziale Errungenschaften und Kämpfe wird in dem VHS-Kurs mit Filmvorführung, Rundgängen und Museumsbesuch ausführlich informiert werden.

Themen und Termine der Geschichtswerkstatt:
Moabit um1830, Bernd Hildebrandt, 5. Oktober, 17 Uhr
Weißes Gold aus Moabit: Porzellanmanufaktur Schumann, Bernd Hildebrandt, 12. Oktober, 17 Uhr
Film: Berliner Porzellan, 19. Oktoeber 17 Uhr
Führung zu den ehemaligen Betriebsstandorten an der Kurchstraße und Alt-Moabit, Bernd Hildebrandt, 26. Oktober, 16 Uhr, Treffpunkt: St. Johanniskirche, Alt-Moabit 25
Die wirtschaftliche Entwicklung vor den Toren Berlins. Große Maschinenbau-Betriebe ziehen nach Moabit, Dr. Ulrich Cimiotti, 2. November, 17 Uhr
Die Maschinenbauanstalt der Königlichen Seehandlung in der Kirchstraße. Das Eisenwerk von August Borsig in Alt-Moabit, Dr. Ulrich Cimiotti, 9. November, 17 Uhr
Spaziergang durch den Nordosten Moabits: Westhafen, Kraftwerk, Industriegebiet Quitzowstraße, Kasernengelände an der Perleberger Straße, Dr. Ulrich Cimiotti, 16. November, 16 Uhr, Treffpunkt U-Bahn Birkenstraße
Führung im Deutschen Technikmuseum Berlin: Lokschuppen, Borsigsammlung, Dr. Ulrich Cimiotti, 23. November, 16 Uhr, Treffpunkt Technikmuseum, Trebbiner Straße 9 (Museumseintritt 3 Euro)
Ort und Kosten siehe Artikelanfang.

*Eine Anmerkung zu den Jahreszahlen, man findet in den verschiedensten Publikationen immer wieder kleine Unterschiede, z.B. Vergabe der Parzellen an die Hugenotten: 1716, 1717, 1718, Ansiedelung von Schumanns Porzellanmanufaktur: 1832, 1834, 1835 usw. Vielleicht können diese Unterschiede im Kurs erklärt werden.

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