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Geschichtspark Zellengefängnis

Zum Tag des offenen Denkmals 2008 gibt es in Moabit mehrere Führungen. Eine führt zum Kriegsgräberfriedhof in der Wilsnacker Straße und eine andere durch den Geschichtspark ehemaliges Zellengefängnis an der Invalidenstraße / Lehrter Straße. Die Zeiten finden Sie im Veranstaltungskalender auf dieser Seite oder im Programm des europaweiten Tag des offenen Denkmals.

Der Geschichtspark ehemaliges Zellengefängnis ist zu jeder Zeit einen Besuch wert. Er ist eine grüne Oase zum Entspannen für Reisende und Anwohner, abgeschirmt von der stark befahrenen Invalidenstraße hinter der alten Gefängnismauer. Jetzt ist sie doch noch zu etwas gut! Nach einer langen Planungsphase von sage und schreibe 16 Jahren wurde der 3 Hektar große Park 2003 bis 2006 angelegt. Mit der vorhandenen Spontanvegetation, die sich im Laufe der Jahrzehnte seit dem Gefängnisabriss 1958 auf dem Gelände entwickelt hatte, ist das Landschaftsplanungsbüro Glaßer und Dagenbach behutsam umgegangen. Etliche Bäume konnten erhalten werden und bereichern mit ungewöhnlichen Wuchsformen den ansonsten eher streng gestalteten Park, der die Konturen des Gefängnisses durch betongefasste Rasenflächen erfahrbar macht.

Wer findet den alten Walnussbaum, der noch aus Gefängniszeiten stammt? Wer findet die „steinefressende Linde“? Sie erinnert an die Zeit als Lagerplatz des Tiefbauamtes, ebenso wie der Teil des Parks hinter den hohen Häusern an der Lehrter Straße. Hier wurden übriggebliebene Materialien verbaut, so auch Sandsteinquader von der Restaurierung der nahegelegenen Moltkebrücke. Einige Elemente sind gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen der Umgebung entstanden, wie die Schlüsselmauer und Kletterwand der Künstlerin Bärbel Rothhaar, die Klopfzeichen und die Gedichtzeile von Christiane Keppler sowie das Sternenlabyrinth von Gabriele Rosskamp und Serge Petit. Der Park hat Preise gewonnen, wie auf der Seite der Landschaftsplaner nachzulesen ist. Hier kann man auch ein ausführliches Informationsblatt herunterladen.

Vom alten Gefängnis, das von Carl Ferdinand Busse 1842-1849 gebaut wurde, ist nur noch ein Teil der Mauer und drei Wärterhäuschen erhalten. Innerhalb der angrenzenden Kleingartenanlage findet sich auch noch ein verwildeter Friedhof, auf dem die Gefängnisaufseher bestattet sind. Mit diesem Gefängnis wurde in Preußen nach dem Vorbild Englands und Amerikas zum ersten Mal die isolierte Einzelhaft eingeführt. Kriminalität wurde als „ansteckende Krankheit“ angesehen und deshalb bei einer Gefängnisreform Friedrich Wilhelms IV. die Gemeinschaftszellen durch Einzelzellen ersetzt. Zeitweilig war die Isolation der einzelnen Gefangenen so extrem, dass viele verrückt wurden. Erreicht wurde das zum Beispiel durch Scheuklappen, Einzelhofgang in einem dreieckigen Teilstück des runden Spazierhofes und kastenförmige Sitze in der Gefängniskirche. Charakteristische Elemente der historischen Gefängnisanlage sind im Park nachgebaut, so das dreieckige „Tortenstück“, in dem ein Gefangener „im Dreieck springen“ musste oder eine Zelle in der ursprünglichen Größe. Betritt man diese, ertönen vertonte Gedichte von Albrecht Haushofer, die er im Gefängnis schrieb und die bei ihm, nachdem er in den letzten Kriegstagen auf dem nahegelegenen ULAP-Gelände hingerichtet worden war, gefunden wurden.

Zu jeder Zeit saßen Im Zellengefängnis auch politische Gefangene ein. Von den polnischen Freiheitskämpfern, die während der Revolution 1848 befreit wurden, war auf dieser Seite schon die Rede. 1918/19 drängten sich in den 520 Einzelzellen 4.500 Gefangene. Einzelne Namen sind nachzulesen im Artikel bei Wikipedia, wenn dort auch Ernst Busch, Wolfgang Borchert und andere fehlen (umfangreiche Quellen bei: BerlinIntensiv).

Lesen Sie auch den Artikel in der Bauwelt, bei Zeitonline und die Blog-Beiträge von vilmoskörte zum Geschichtspark und von strohheim zum Friedhof des Zellengefängnisses, wie auch im Blog@inBerlin.

Hier geht es zur Gedenktafel für das Zellengefängnis.

Nachtrag vom April 2009: Zur Verleihung des Landschaftsarchitekturpreises (Begründung) für das Projekt Geschichtspark Ehemaliges Zellengefängnis Moabit war ein kleiner Film gedreht worden. Wir haben jetzt vom Büro Glasser und Dagenbach einen Link auf das bei YouTube eingestellte Video erhalten und den Film hier eingebunden:
http://youtu.be/KvNUL-TeczM

Nachtrag vom März 2010: Nachfolgend ein 1992 erstelltes Video der damaligen Medienwerkstatt im Stadtplanungsamt Tiergarten zur Geschichte des Zellengefängnisses, das wir im Netz gefunden haben:
http://youtu.be/GqsGaefFfhI

Die Sonderausstellung „Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt …“ wurde schon mehrmals (Einladung 25. Okt. 2012) in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand gezeigt, aktuell vom 1. April bis zum 31. Juli 2015.  Sie portraitiert die zwischen dem 22. und 24. April 1945 ermordeten Häftliche des Zellengefängnis (Berliner Woche, Museumsportal). Am 23. April 2015 findet um 19 Uhr eine Gedenkveranstaltung statt.

Ausstellung in Tutzing über Albrecht Haushofer (Bayrischer Rundfunk).

Ist der Ort wirklich für Modenschauen geeignet? (Fashion Week 2015, Julian Zigerli)

6 Kommentare auf "Geschichtspark Zellengefängnis"

  1. 1

    […] gibt es seit 2006 nach Plänen von Silvia Glaßer und Udo Dagenbach einen gelungenen Geschichtspark auf dem Geländes des eigentlichen […]

  2. 2

    […] Geburtstag groß feierte (seine Tätigkeit als “Gefängnisreformer” könnte Moabitern durch das Moabiter Zellengefängnis, jetzt Geschichtspark, bekannt sein). Ausgangspunkt war eine Konferenz der Inneren Mission 1849. […]

  3. 3
    Heidrun sagt:

    da stand ich doch gestern ungefähr um 4 Uhr nachmittags schon vor verschlossener Tür und dachte „Mist, warum ist der Park denn schon zu, es ist ja noch richtig hell!“ Der Angestellte der Sicherheitsfirma, die vom Bezirksamt mit dem täglichen Zu- und Aufschließen beauftragt ist, kam mit entgegen und ich sprach ihn an, dass im letzten Jahr, (vielleicht auch schon in den vorherigen) die Mitarbeiter ein bisschen flexibler reagiert hätten und im Oktober (und dann im Frühling wieder) ein bisschen später zugeschlossen hätten, als auf den Schildern steht, sich eher am Einsetzen der Dunkelheit orientiert hätten. Ich dachte, ich gebe ihm da eine gute Idee. Aber er sagte: „Ja, das haben wir so gemacht, aber das Bezirksamt hat sich beschwert, deshalb müssen wir jetzt pünktlich abschließen!“
    Was ein Unsinn! Da denken Leute schon mal mit bei der Arbeit und es wird ihnen wieder ausgetrieben, weil starre Uhrzeiten auf den Schildern stehen!
    Kann nicht der Betroffenenrat Lehrter Straße mal beim Bezirksamt anfragen, was das soll?

  4. 4

    Liebe Heidrun,
    da standen Betroffenenratsmitglieder auch schon vor verschlossener Tür. Das war im letzten Winter wirklich besser, dass erst mit Einbruch der Dunkelheit abgeschlossen wurde. Es kann sogar sein, dass ein Nachbar sich öfter beschwert hat und deshalb das Bezirksamt so reagiert.
    Wir können es bei der nächsten Sitzung besprechen, die am 6.11. ist. An diesem Termin stellt sich auch die Seniorenvertretung vor und wirbt für ihre Petition. Aber da ist ja noch Zeit um einen Brief wegen den Zellengefängnispark-Toren zu schreiben.

  5. 5

    @ Heidrun,
    wir habe einen Brief an das Grünflächenamt geschrieben und um Anpassung an die Dämmerungszeiten und die Umstellung von der Sommerzeit auf MEZ gebeten. Am 19.11. kam schon eine Antwort, die besagt, dass ab nächstem Herbst der Park erst ab dem Wochenende der Zeitumstellung geschlossen wird und dann auch um 17 Uhr, nicht wie bisher um 16 Uhr, aber dass im Frühjahr noch alles beim alten bleibt.

  6. 6
    Susanne Torka sagt:

    noch bis zum 29. August 2014 ist in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand eine Sonderausstellung über das Zellengefängnis zu sehen:
    http://www.gdw-berlin.de/nc/de/angebote/ausstellungen/view-aus/von-allem-leid-das-diesen-bau-e/
    Es gibt auch einen kleinen Ausstellungskatalog für 5 Euro:
    „Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt …“ – Die Gestapo-Abteilung des Zellengefängnisses Lehrter Straße 3 nach dem 20. Juli 1944
    und ein 500 Seiten starkes Buch von Johannes Tuchel über die Forschungsergebnisse für nur 15 Euro.

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