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Heimatverein druckt W. Oehlert’s Moabiter Chronik nach

Zum Jubiläum „150 Jahre Eingemeindung von Moabit, Wedding und Gesundbrunnen nach Berlin“ hat der Heimatverein und Geschichtswerkstatt Tiergarten die 1910 erschienene „Moabiter Chronik“ von Wilhelm Oehlert neu herausgegeben. Wer auch immer über die Geschichte Moabits geschrieben hat, zitiert seitdem dieses Standardwerk. Auch den frühen Daten der Moabiter Chronik auf MoabitOnline liegt „der Oehlert“ zu Grunde (ergänzt später vom Heimatmuseum und von Aro Kuhrt).

Das neu herausgegebene Buch ist kein Reprint, sondern in moderner Schrift gesetzt, denn die meisten jüngeren Leser haben Probleme Fraktur zu entziffern. Während das Original im Antiquariat zwischen 500 und 600 Euro kostet, ist der Nachdruck bereits für 14,95 Euro zu haben. Mit Ausnahme der Schrifttype ist das Buch mit dem originalen Oehlert  identisch: Seitenzahlen, Bilder und das Schriftbild. Vereinsmitglied Christiane Heider hat das Buch Wort für Wort abgeschrieben.

Anita Mächler und Dr. Alfred Puschmann vom Vorstand des Heimatvereins  stellten die „neue“ Moabiter Chronik in der KunstStätte Dorothea der Buchhandlung von Klaus-Peter Rimpel am 15. Juni 2011 vor. Alle Plätze waren besetzt und die Anwesenden folgten der interessanten  Präsentation mit Spannung. Die Karten von 1765 und 1861 wurden an die Wand geworfen und miteinander verglichen.

Zur Zeit der Eingemeindung hatten sich bereits große Gewerbebetriebe an der Spree angesiedelt, Moabit wandelte sich vom ländlichen zu einem industriell geprägten Ort. Zitate aus der Chronik geben einen lebendigen Eindruck vom Stil des Autors. So schreibt er im Vorwort: „Den Stoff lieferten dem aus Moabit gebürtigen und allezeit hier wohnhaft gewesenen Verfasser neben den eigenen Erfahrungen aus langer Lebenszeit schätzenswerte Mitteilungen aus den Kreisen älterer Mitbewohner des Stadtteils, ferner zahlreiche amtliche Drucksachen und Schriftstücke, endlich die städtischen Büchereien, sowie die Veröffentlichungen der Berliner Geschichtsvereine … Die gleich mühsamen, leider nicht immer von Erfolg gekrönten Nachforschungen bei früher in Moabit ansässig gewesenen Familien brachten wenigstens hin und wieder brauchbare Einzelheiten. So rechlich die auf diese Weise zusammengetragenen und hier verwerteten Nachrichten sind, so wenig können sie, sehr gegen den Wunsch des Verfassers, Anspruch auf Vollständigkeit machen.“ Da muss man sich erst ein bisschen hineinfinden, wird die Lektüre dann aber umso mehr genießen.

Der Untertitel der Chronik lautet: Festgabe zur Feier der 50jährigen Zugehörigkeit des Stadtteils Moabit zu Berlin.  Sie ist im Selbstverlag erschienen, Oehlert hat den Druck selbst finanziert. Der Band enthält mehrere Teile und ist reich illustriert. Die Frühgeschichte bis 1800 wird in fortlaufendem Text beschrieben. Von 1800 bis 1860 als Chronik in Abschnitten von 10 Jahren. Dem folgt ein ausführlicher Text über das Moabiter Schulwesen. Teil 3 ist in jährliche Abschnitte gegliedert und wird ergänzt durch eine Übersicht der Einwohnerentwicklung.

Wilhelm Oehlert wurde 1848 in Moabit geboren, er besuchte ab 1854 die „“Königliche Elementarschule“ in Alt-Moabit 23/24. Dort war 1852 das erste öffentliche Moabiter Schulgebäude von 6 Klassen bezogen worden. Vorher mussten die Moabiter Kinder bis nach Berlin zur Schule laufen, seit 1830 waren sie erst in einer Schraubenfabrik, einem kleinen Haus Alt-Moabit 108 und einem Seitenflügel in der Kirchstraße untergekommen. Das Schulgebäude neben St. Johannis wurde noch bis 1968 von der „31. Gemeindeschule“ (seit 1864) später Moabiter Grundschule genutzt, bis sie in die Paulstraße umzog. Heute ist das Haus an Rechtsanwälte vermietet.

Oehlert berichtet aus eigener Erfahrung, dass 1854 nur noch in der untersten (sechsten) Klasse Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet wurden. Zurück zu seinem Lebensweg, über den gar nicht so viel bekannt ist. Folgende Daten hat Bernd Hildebrandt, Leiter des ehemaligen Heimatmuseums Tiergarten zusammengetragen.

Wilhelm Oehlerts Vater, Friedrich Wilhelm, ist Porzellandreher. Die Mutter heißt Juliane Auguste. Laut Berliner Adressbuch, das dankenswerter weise Berufsbezeichnungen enthält,  ist Oehlert 1878 also 30jährig als „Privatlehrer“ in der Paulstraße gemeldet. 1883 heiratet er Clara Scharnhorst, beide haben 2 Kinder, Else (1884) und Alfred (1886). Ein Foto ist leider nicht erhalten. 1892 ist Oehlert als Diätar. Magistrats-Hilfsarbeiter verzeichnet und 2 Jahre später als Magistrats-Beamter und feiert 1905 sein 25jähriges Dienstjubiläum. 1922 geht er als Stadtoberinspektor (nach einer anderen Quelle als Stadtinspektor) in den Ruhestand. Gestorben ist Oehlert 1930, sein Grab befindet sich auf dem Friedhof hinter der St. Johannis-Kirche.

Dass Wilhelm Oehlert für die Verwaltung gearbeitet hat, ist der Chronik anzumerken. Nicht jeder Moabiter Bürger hätte einen so detaillierten Einblick in die Geschehnisse des Ortsteils gehabt. Aus den Protokollen der Stadtverordnetenversammlung wird berichtet. Oehlert war auch in der Kommunalpolitik tätig als Mitglied der Distriktversammlung der Bezirksvorsteher von Moabit, Wedding, Gesundbrunnen. Die Distrikte umfassten damals nur einzelne Straßenzüge. Außerdem war er als Bürger und in diversen Vereinen aktiv, die er teilweise selbst mit gründete. Er war Mitglied der Schützengilde, die aus einer Bürgerwehr entstanden ist. Er gründete 1871 den Bezirksverein Moabit, der peu à peu, Pflasterung von Straßen, Aufstellung von Laternen und viele andere kleine Verbesserungen für die Bewohner durchsetzen konnte. Oehlert setzte er sich 1875 für die Errichtung eines Moabiter Kriegerdenkmals ein, das bis zum 2. Weltkrieg mitten im Kleinen Tiergarten, etwa auf Höhe des jetzigen U-Bahn-Eingangs, stand. Gemeinsam mit dem Kaufmann Sökeland gründete er 1877 einen Sparverein für Konfirmanden. Das sind einige Beispiele seiner unermüdlichen Tätigkeit.

Geschrieben hat er neben der Chronik weitere Aufsätze zur Geschichte des Stadtteils, die nicht alle erhalten sind. Zum 120jährigen Jubiläum der Arminiusmarkthalle präsentierte der Heimatverein einen weiteren Oehlert-Nachdruck, den Aufsatz „Moabiter Wochenmarkt und Markthalle“ (Preis 3,50 Euro), aus dem Anita Mächler interessante Stellen vorlas (siehe Bild ganz oben).

Bereits 2009 wurde der „digitale Oehlert“ herausgegeben, Preis: 8 Euro. Sehr praktisch ist hier die Suchfunktion. Bücher und CD sind beim Heimatverein während der Sprechstunden immer Donnerstags von 16 bis 18 Uhr (außer an Feiertagen und in den Schulferien) in der Rostocker Straße 32b zu bekommen und natürlich auch in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung, Turmstraße 5. Der Heimatverein wird auf dem Kirchstraßenfest am 20. August mit einem Stand vertreten sein.

Nachtrag:
Interview mit Anita Mächler über „Heimat“ in der Berliner Woche.

Heimatverein bald obdachlos? (Berliner Woche)

5 Kommentare auf "Heimatverein druckt W. Oehlert’s Moabiter Chronik nach"

  1. 1
    Christine Pradel says:

    Da ich auf moabitonline dazu noch keine Information finde, stelle ich die Pressemitteilung von Frau Mächler („Heimatverein bald heimatlos?“) hier ein. Es sollte doch wohl möglich sein, in der Turmstraße 75 wieder einen ständig nutzbaren Raum für den Heimatverein zur Verfügung zu stellen!! Oder soll den Engagierten im Verein jetzt zugemutet werden, Präsensbibliothek, Materialien etc. im eigenen Haushalt vorzuhalten? Ein Armutszeugnis für den Kulturstandort Moabit! Gerade in einer Zeit, in der viele neu nach Moabit und Tiergarten kommen, stellt das Programm mit seinen Ausflügen in Geschichte und Infrastruktur m.E. auch ein wichtiges Angebot zum „Ankommen“ dar.

    Pressemitteilung:

    Heimatverein bald heimatlos?

    So begrüßenswert der Einbau eines Aufzugs im Moabiter Stadtschloss in der Rostocker Straße 32B auch sein mag, um künftig einen barrierefreien Zugang zur Kurt-Tucholsky-Bibliothek zu ermöglichen – spätestens zu Beginn der Baumaßnahmen 2018 wird es damit dort keinen Platz mehr für „Heimatverein und Geschichtswerkstatt Tiergarten“ geben!

    Der Heimatverein Tiergarten hatte in den letzten Jahren auf wiederholte Anfragen von Anwohnerinnen und Anwohnern hin schon mehrfach versucht, in das neu geplante Kulturzentrum in der Turmstraße 75, wo er auch früher ansässig war, integriert zu werden – es wurde jedoch lediglich ein Raum zur gelegentlichen Nutzung für Veranstaltungen in Aussicht gestellt.

    Der Heimatverein Tiergarten ist zwar mit seinen ca. 50 Mitgliedern kein großer, aber doch ein sehr lebendiger Verein mit monatlichen Veranstaltungen, wöchentlichen Sprechstunden sowie einer recht gut ausgestatteten Präsensbibliothek.

    Gegründet wurde er 2005 als Nachfolgeorganisation nach Schließung des Heimatmuseums Tiergarten bzw. dessen Integration in das MitteMuseum in der Pankstraße im Wedding. Ziel war, weiterhin auch im ursprünglichen Bezirk Tiergarten ein Angebot für Geschichtsinteressierte vorzuhalten. Dies geschah zunächst zentral in zwei Räumen im Erdgeschoss in der Turmstraße 75, wo auch die Veranstaltungen der Geschichtswerkstatt Tiergarten in Kooperation mit der Volkshochschule Tiergarten/Mitte stattfanden. 2010 mussten diese Räume auf Drängen des Bezirksamtes für eine andere Nutzung geräumt werden. Erst nach intensiven Bemühungen des Heimatvereins Tiergarten fand sich schließlich der Raum in der Rostocker Str. 32B.

    So hängt die Zukunft dieser Tiergartener Einrichtung, die sich selbst finanziert, keine öffentlichen Mittel erhält und auf ehrenamtlicher Basis arbeitet, nun erneut davon ab, ob eine Räumlichkeit zur Verfügung gestellt wird.

    Für den Vorstand
    Anita Mächler
    Vorsitzende „Heimatverein und Geschichtswerkstatt Tiergarten e.V.“

  2. 2
    Susanne Torka says:

    Ja, danke Christine,
    leider noch keine Zeit für einen neuen Artikel gehabt …. und dann hatte die Berliner Woche auch schon berichtet:
    http://www.berliner-woche.de/moabit/bauen/heimatverein-ohne-heimat-d124883.html

  3. 3
  4. 4
    Susanne Torka says:

    Die Berliner Woche hat berichtet – hoffentlich hilft der Druck der BVV:
    http://www.berliner-woche.de/moabit/kultur/bezirksverordnete-machen-druck-d136206.html

  5. 5

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