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Ausflug zu Bolles Grab

Mein Ausflug zu Bolles Grab – zugegebenermaßen außerhalb von Moabit – nämlich auf den Alten St.-Matthäus-Kirchhof an der Großgörschenstraße in Schöneberg wurde zu einer Entdeckung. Aber davon später. Der Friedhof entstand 1856, als die Friedhöfe noch außerhalb der Stadtmauern liegen mussten, wegen der befürchteten Ansteckungsgefahr, die von grünwabernden Dämpfen über den Gräbern ausgesehn sollte (!). Die St.-Matthäus-Kirche im Kulturforum liegt also etwas entfernt. Diese wohlhabende Gemeinde im Tiergartener „Geheimratsviertel“ hatte das Hanggrundstück bei dem Dorf Schöneberg 1854 gekauft.  Das wohlhabende Berliner Bürgertum baute auf dem Friedhof repräsentative Mausoleen, Wandgrabmale und kleine ebenfalls künstlerisch wertvolle Grabstätten. Nach der verlorenen Revolution 1848 blieb dem Bürgertum immerhin der wirtschaftliche Erfolg.  Mit der prunkvollen und künstlerischen Gestaltung demonstrierte es seinen Wohlstand. Der Friedhof wurde immer wieder erweitert, er war beliebt. Sehen und gesehen werden, spielten schon damals eine große Rolle. Das erste Foto von 1870 findet sich auf der historischen Seite des Fördervereins Efeu e.V. Der St.-Matthäus-Kirchhof ist ein Who’s Who der Unternehmer aus der preußischen Gründerzeit. Hier liegen auch viele bedeutende Wissenschaftler und Künstler. Interessanterweise sind deren Gräber oft schlichter und einfacher gehalten. Ein Gedenkstein erinnert an die in der ersten Nacht erschossenen Verschwörer des 20. Juli 1944. Manchmal sind die Gräber der Brüder Grimm mit Briefen von Kindern bedeckt, die die Märchen lieben. So könnte es noch lange weitergehen: Diesterweg, Virchow, Minna Cauer …  Aber an dieser Stelle will ich nur auf Persönlichkeiten eingehen, die mit Moabit verbunden sind.

bolle-300Da ist als erstes Carl Andreas Julius Bolle. Aus weißen Backsteinen ist seine Familiengruft erbaut, passend zur Milch, auf der sein Erfolg beruhte. Sie liegt ganz oben auf dem Hügel und war das erste Grab mit einer elektrischen Glühbirne im Inneren. So leuchtete es im Dunkeln bis nach Kreuzberg. Und die 100 Jahre alte Glühbirne soll immer noch funktionieren, wie Stadtführer Peter Eichhorn glaubhaft versicherte. Das im Stil der Neugotik errichtete Mausoleum ist eines der vielen Ehrengräber. Die Beisetzung des Milchpatriarchen wurde 1910 aufwändig zelebriert. Ein Zug von mehreren Tausend Trauergästen folgte dem Sarg von der Meierei in Alt Moabit bis in die Großgörschenstraße. Die beiden ältesten Bolle-Söhne,  Andreas und Johannes, waren schon 1902 aus dem Familienunternehmen ausgestiegen. Mit dem Vermögen, dass sie sich hatten auszahlen lassen, kauften sie die Tischlerei Julius Grieneisen, die zum führenden Berliner Bestattungsinstitut wurde. Die horrende Rechnung für die Aufwendungen der Bestattung des Vaters, die Carl Bolle junior zahlen sollte, soll für Familienstreit gesorgt haben. Einige Monate später ging das Unternehmen an die Börse. Heute beteiligt sich das Bestattungsunternehmen Grieneisen an der Restaurierung der Grabanlage.

Dieser geführte Rundgang hat mir einen kleinen Einblick in die Symbolik dieser vergangenen Zeit gegeben: die weißen Steine für die Milch sind auch heute noch einleuchtend. Die Mohnblume steht für den Tod, die Eidechse für Auferstehung, der Stern für Wissen und Erkenntnis, Engel tragen keine Schuhe und wenn sie das scheinbar doch tun, dann sind eigentlich keine Engel gemeint … man sieht nur, was man weiß.

schleicher-300Jetzt aber endlich zur Überraschung: ich entdeckte das Grab von Mathias Leonard Schleicher (1830-1872), dem Steinmetzfabrikanten, der 1853 die Firma Schleicher & Sohn gegründet hatte. Auf Berliner Friedhöfen finden sich noch qualitativ hochwertige Beispiele ihrer Kunst, wie z.B. auf dem Alten Garnisonfriedhof in der Kleinen Rosenthaler Straße. Oder auch der Spindlerbrunnen Leipziger /Ecke Niederwallstraße wurde kürzlich restauriert. Der Firmengründer lebte schon nicht mehr, als das Grundstück in der Lehrter Straße erworben wurde (1886) und die damals moderne Fabrikanlage zur Steinbearbeitung und 1888  das heute denkmalgeschützte Wohnhaus erbaut wurde. In der Lehrter Straße 27-30 liegt der B-Laden und die Pizzeria Mediterraneo. Auffallend sind die beiden hohen Säulen aus Granit, die die Tordurchfahrt schmücken und gleichzeitig zur Werbung dienten. Ein Bahngleis brachte die schweren Steine in die Fabrik, die ab 1895 als Berliner Granit- und Marmorwerke AG firmierte und nach 1901 der Deutschen Steinindustrie AG gehörte. Später, nach dem Verkauf an Wertheim 1909, dienten die Fabrikgebäude als Garagen und Reparaturwerkstatt für Automobile, bis sie 1911 nach dem Bau der Fabrik Lehrter Straße 35 zur Herstellung von Fleischkonserven genutzt wurden. Die Schleicherfabrik hinter dem Klara-Franke-Spielplatz gelegen, wurde vor einigen Jahren abgerissen. Die Lehrter Straße 35 nutzt heute die Kulturfabrik. Nach dem Ausflug in die Lehrter bueste-hell-130Straße aber nun wieder zurück zum Grab von Schleicher auf dem Friedhof. Es fällt auf, dass die Marmorbüste des Verstorbenen heller ist, als die anderen weißen Marmorteile. Diese antikisierende Büste hat vermutlich Schleichers Sohn Gustav hergestellt. Sie war vom Friedhof gestohlen worden. Ein Antiquitätenhändler hat sie gereinigt und, als ihre Herkunft bekannt wurde, zurückgegeben.

Heute gehört der St. Matthäus Kirchhof zur Zwölf-Apostel-Gemeinde. Die Kirchhofsverwaltung bemüht sich mit Sponsoren und einem modernen Konzept um die Erhaltung und Restaurierung der historisch wertvollen Grabmale. Unterstützt wird sie dabei vom Förderverein Efeu e.V. Zu dem neuen Konzept gehören Grabpatenschaften, Freundschaftsgräber, das Denkmal für Menschen, die an Aids gestorbenen sind, und der Garten der Sternenkinder. Das MieterMagazin hat in der neuesten Ausgabe ebenfalls über den Friedhof berichtet. Ob das Café Finovo das einzige Café ist, das es auf einem Friedhof gibt, weiß ich nicht, aber ich kenne kein anderes.

2 Kommentare auf "Ausflug zu Bolles Grab"

  1. 1
    nachbarin says:

    Carl Bolle würde sich in seinem Grab umdrehen, seine Eisfabrik mit den Kühlhäusern soll abgerissen werden. Dagegen hat sich eine Initiative gebildet, die anscheinend schon einen Teilerfolg erreicht hat, jetzt geht es noch darum den Abriss der Kühlhäuser zu verhindern. Auf der Webseite sind viele interessante historische Informationen:
    http://www.berlin-eisfabrik.de/index.html

  2. 2

    […] Eine Redakteurin von Moabit Online folgte den Spuren von Bolle dem Milchmann aus Moabit und berichtet von meiner Führung über den alten St. Matthäus Kirchhof, wo Carl Bolle in einem eindrucksvollen Mausoleum bestattet liegt. Nachzulesen ist der Beitrag vom Februar 2009 unter http://www.moabitonline.de/ […]

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