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Ausstellung "Flucht verwalten", im Rahmen der Reihe "sans papiers – Das Leben ist eine Reise"

21.10.2017 16:00 Uhr
Kurt-Kurt
Lübecker Straße 13 10559 Berlin

Eine Ausstellung von Michael Stoll

FLUCHT VERWALTEN

FLUCHT VERWALTEN, Michael Stoll 2017

Michael Stolls Arbeiten lassen sich an der Schnittstelle von Kunst und Architektur verorten und sind stets mit einem kri­­ti­­schen Impetus versehen. Während sich seine letzten Werke mit dem Reisen und Flüchten befassten, fokussiert die aktuelle Arbeit auf das Ankommen nach der Flucht. Die Hoffnungen und Erwar­tungen der geflüch­teten Menschen stehen dabei in scharfem Kontrast zur büro­kra­tischen Realität. Wie also prä­sen­tiert sich die viel­zitierte Will­kommens­kultur?

Im Jahr 2015 zählten die Forscher des Heidelberger Instituts für Konfliktforschung 424 politische Konflikte auf der Welt – die höchste Zahl, seit das Institut Anfang der 90er Jahre seine Arbeit aufnahm. Im Jahr 2016 überschritt die Zahl der Flüchtlinge weltweit erstmals die 60 Millionen Marke: Ausgelöst durch Krieg, Gewaltherrschaft und Armut seien Ende 2016 65,6 Millionen Menschen auf der Flucht, konstatiert das Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Auch in Europa rückt die Thematik durch gestiegene Flüchtlingszahlen nicht nur ins Bewusstsein der Menschen, sondern auch auf die politische Agenda, obwohl nur die absolute Spitze des Eisbergs – 722.370 Personen, laut Bundesinnenministerium – 2016 tatsächlich in Deutschland Asyl beantragte.

Einen Brennpunkt der Flüchtlingsthematik in Berlin nimmt Michael Stoll mit seinem Projekt LAGESO in den Fokus. Dieser Arbeit kann man sich sehr gut mit Hilfe von Jürgen Habermas nähern: Habermas unterscheidet zwischen Lebenswelt und System. Die Lebenswelt zeichnet sich durch sprachliche Verständigung aus und basiert auf dem, was uns Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet: In einer sprachlichen Auseinandersetzung sind wir in der Lage, uns durch gute Argumente, rationaler oder emotionaler Art, überzeugen zu lassen. Ein System hingegen repräsentiert einen bestimmten funktionalen Bereich unserer Gesellschaft, in dem die kommunikative Verständigung durch binäre Codes ersetzt ist: 1 oder 0, drinnen oder draußen. An bestimmten Stellen der Gesellschaft prallen diese beiden Komponenten aufeinander. Einer dieser Orte ist das LAGESO in Berlin. Hier findet die Erstregistrierung von Geflüchteten statt, hier werden die Asylanträge gestellt und bearbeitet. Die bürokratischen Strukturen dieser Behörde sind, wie in allen Verwaltungen, systemisch organisiert. In den auszufüllenden Formularen gibt es nur die Möglichkeit, Ja oder Nein anzukreuzen. Ein definierter Asylgrund wird erfüllt oder nicht – aber eben nicht ein bisschen. Gleichzeitig bewegen sich in diesem System Menschen mit Schicksalen. Mit komplexen, umwegigen Lebensläufen. Mit rationalen und emotionalen Fluchtgründen.

Michael Stolls Arbeit befasst sich mit der Unmöglichkeit, diese beiden Komponenten in Einklang zu bringen: Einerseits eine bis ins kleinste Detail ausdifferenzierte, höchst bürokratische Verwaltungsstelle und andererseits Bearbeitungsnummern hinter denen Menschen stehen, deren Lebensgeschichten sich nicht in Formulare pressen lassen und deren Einzelschicksale Empathie und Menschlichkeit verlangen.

Passender könnte der Ausstellungsort, der Projektraum Kurt-Kurt, mit seiner aktuellen Ausstellungsreihe „sans papiers – Das Leben ist eine Reise“ kaum sein: In unmittelbarer Nähe zum LAGESO, dem Berliner Epizentrum der Flüchtlingsbewegung im Sommer 2015, zeigt Michael Stoll das breite Spektrum seiner Arbeitstechniken. Während im vorderen Raum der pinke LAGESO-Lageplan also die systemische, rationalisierte Komponente einer Fluchtgeschichte darstellt, fängt die Serie der 3D-gedruckten Fluchtstücke die unterschiedlichsten Emotionen ein, die einen Menschen in die Flucht treiben und ihn dabei begleiten. Die Objekte repräsentieren die individuellen Lebensgeschichten, Ängste und Hoffnungen, die der Flüchtende im Gepäck hat. Das Handy als letzte Verbindung zur Familie. Das metallene Doppelstockbett als Verlust der Privatsphäre. Das Absperrgitter als wiederkehrende, kafkaeske Grenze – räumlich, bürokratisch, zwischenmenschlich, nationalstaatlich.

Der hintere Raum lässt den Betrachter tiefer in die Thematik eintauchen: Er findet sich in einem Wartesaal mit Stuhlreihen und Nummernanzeige wieder. Dominierend präsentiert sich hier eine großflächige Plakatwand in grellem Neongelb, die eine Textarbeit von Michael Stoll zeigt. Diese Anleitung zum Asylantrag basiert auf zahlreichen Interviews vor Ort am LAGeSo, mit Asylsuchenden und Helfern, sowie Orginal-Unterlagen aus Asylverfahren. Daraus entstand zunächst eine Art Leitfaden für Asylsuchende, der sich in Form und Ton am Stil amtlicher Formulare anlehnt. Die typographisch auffälligen schwarzen Blöcke referieren dabei auf die geschwärzten Textteile der Orginal-Unterlagen. Michael Stoll möchte mit dieser Arbeit dem Nichtasylsuchenden die Absurdität des bürokratischen Prozedere vorführen.

Verlässt der Betrachter das Wartezimmer, stößt er im mittleren Raum auf eine Zeltkonstruktion. Wie in der Textarbeit beschrieben, verwandelte sich der Park gegenüber des LAGeSo im Sommer 2015 in eine Art inoffizielles Flüchtlingslager. Zum großen Teil völlig ungeschützt harrten hier ganze Familien über Wochen aus, bis sie in Notunterkünfte untergebracht wurden. Angetrieben von diesen Eindrücken entwickelte Michael Stoll eine einfache, zusammensteckbare Zeltstruktur, deren Verbindungsstücke mit Hilfe eines Programms 3D-gedruckt werden können. Leonie Lydorf, Soziologin

Nach Stationen in Biel, Bern, New York und Zürich lebt und arbeitet Michael Stoll (*1983 in Schaffhausen) nun in Berlin.

Zur Website von Michael Stolm

Ausstellungszeitraum: 13.10. – 28.10.2017
Eröffnung: Freitag, 13.10.2017 um 19 Uhr
Öffnungszeiten: jeweils Samstags 16 – 19 Uhr
Symposium: 14.10.2017, 14.00 – 19.30 Uhr,
mit mit Michael Stoll, Dr. Charlotte Bank, Prof. Dr. Anja Lüthy, Ramy Al-Asheq
Zum Symposium-Programm

Kurt – Kurt | Kunst und Kontext im Stadtlabor Berlin-Moabit
www.sanspapiers.de | www.kurt-kurt.de