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Ikram Food in der Heidestraße – Rüstü Özcan

Schon seit langem schmieden Stadtplaner Pläne für eine Europa City an der Heidestraße: ein neuer Hafen, attraktive Wohnungen am Wasser, neue Bürogebäude sollen entstehen, mitten in der Stadt, zwischen Hauptbahnhof und Museum für Gegenwartskunst am einen Ende und der Bayer Konzernzentrale am anderen. Bayer hat seine Standorterweiterungspläne zwischenzeitlich auf Eis gelegt.

Wer aber schaut auf die Betriebe, in denen dort seit Jahren gearbeitet wird? Ja, über die nun auch nicht mehr ganz neuen Galerien oder den Tape Club wird schon ab und an berichtet, aber die Lebensmittel- und Getränkehändler, Logistikfirmen, Autoschrauber und andere kleine und mittlere Gewerbetreibende auf dieser sogenannten „innerstädtischen Brache“ haben keine Lobby. Sie arbeiten seit Jahren in Unsicherheit, Mietverträge mit drei- oder sechsmonatiger Kündigungsfrist sind die Regel. MoabitOnline wird in lockerer Folge über einige Betriebe, die sich bald oder vielleicht auch noch nicht so bald eine neue Bleibe suchen müssen, berichten. Wir beginnen mit Rüstü Özcan und seiner Firma Ikram Food.

Eine ganze Halle, vollgestopft mit Lebensmitteln und Getränken, erwartet uns. Özcan bittet in sein Büro und beginnt gleich zu erzählen. Wie ist er Lebensmittelhändler geworden, wollen wir wissen und wie läuft sein Geschäft? Das erste ist eine lange Geschichte, eine typische Migrationsgeschichte. Aber auf die zweite Frage antwortet Özcan knapp: „Das Geschäft läuft prima. Wir sind seit 12 Jahren hier und ich habe 6 Angestellte. Die Halle ist zentral gelegen und nah am Großmarkt. Das ist gut, denn wir liefern auch zum Großmarkt in der Beusselstraße.“

Doch auch die lange Geschichte will erzählt werden. 1989 kam Özcan nach Deutschland, ein gutes Universitätsabschlusszeugnis in der Tasche. Seine hochfliegenden Pläne landeten erst einmal unsanft in der bürokratischen Wirklichkeit. Sein Abschluss wurde nicht anerkannt. Er musste noch einmal studieren und vorher zwei Jahre auf die Sprachschule gehen. Und natürlich nebenbei arbeiten gehen und eine Diplomarbeit schreiben. 1997 hat er es geschafft und verlässt die Fachhochschule für Wirtschaft als Diplomkaufmann. Heute kommentiert er seinen Lebensweg so: „Solche Erfahrungen härten den Mann ab, man muss immer besser sein als die anderen. Für mich war das ein Ansporn.“

Damals dachte Özcan auch daran, zurückzukehren in die Türkei. Aber jetzt hatte er Familie und deshalb seine Lebensmittelkarriere begonnen. Er war als Prokurist im Großhandel angestellt, wurde aber plötzlich wegen Meinungsverschiedenheiten mit einem Gesellschafter gekündigt und stand auf der Straße. Nun dachte er daran sein kleines Steuerbüro auszubauen und gemeinsam mit einem befreundeten Anwalt eine Steuerberatungsgesellschaft für türkische Kleinunternehmen zu gründen.

Schließlich kam ein guter Freund zu Hilfe und vermietete ihm in seiner Logistikfirma in der Heidestraße ein Büro mit Telefon. Da hat er dann seine Firma gegründet. Er durfte das Lager mitbenutzen zu ganz einfachen Konditionen: „Palette rein kostete 5 Euro, Palette raus dasselbe. So habe ich angefangen.“

Als die Logistikfirma ausgezogen ist, hat er die Halle komplett übernommen. Damals kam sie ihm viel zu groß vor: „Als alle Waren drin waren, konnte ich sie am Ende der Halle kaum sehen. Jetzt passen die Sachen hier kaum noch rein.“ Alles Notwendige musste er selbst ausbauen. Den Fußboden geschlossen, das heizbare Büro und die Regale eingebaut, die Hallenbeleuchtung, Schiebetüren und Rampe erneuert. Denn alles war vollkommen verrostet, die Elektrik marode. Doch die unsichere Mietsituation zerrt an den Nerven. Bei einer Kündigungsfrist von nur 6 Monaten kann man sich große Investitionen kaum leisten.

Seitdem klar ist, dass alle Betriebe – geschätzt etwa 20 Betriebe mit mindestens 120 bis 200 Arbeitsplätzen – über kurz oder lang aus der Heidestraße fort müssen, sucht Özcan eine neue Halle oder ein neues Grundstück, auf dem er eine Halle bauen kann. Aber das ist schwierig. Der Preis muss stimmen, denn ein Umzug kostet viel Geld. Für eine Fläche von der Deutschen Bahn an der Quitzowstraße war schon der Vorvertrag unterschrieben. Dann stellte sich heraus, dass der Boden kontaminiert ist. Ein anderes freies Grundstück an der Ellen-Epstein-Straße ist zu groß, 11.000 qm, und mit 1,6 Millionen auch zu teuer. Die Deutsche Bahn will aber keine Teilfläche verkaufen. Unterstützung gibt es nicht, der Betrieb ist zu klein, er passt in keinen Förderrahmen. Alle kleinen und mittleren Betriebe bräuchten Unterstützung, um sich wo anders neu ansiedeln zu können.

Große Erwartungen an die Politik hat Özcan nicht. „Die großen Ketten haben gute Verbindungen. Anders kann man sich nicht erklären, dass Lidl auf die Quitzowstraße gekommen ist und Hamberger seine Fläche an der Siemensstraße zu einem Spottpreis bekommen hat. Oder die 35 Milliarden Euro für die Hypo Real Estate! Wenn mich manchmal der Mut verlässt, denke ich, es wäre besser Hartz IV zu beantragen, anstatt hier tagaus tagein 10 Stunden zu arbeiten, manchmal auch am Wochenende.“ Aber so ein Schwächeanfall geht wieder vorbei. Illusionen mach sich Özcan nicht. Er will nicht obdachlos werden, also sucht er weiter nach einem etwa 4000 qm großen Grundstück, das für 100 Euro pro qm zu haben ist. Schließlich muss er für seine Familie sorgen. Die Kinder sind erst 8 und bald 1 Jahr alt.

Foto: Lara Melin (die Fotografin stellt dieses Wochenende im Rahmen des Weddinger Kulturfestivals in der Fabrik Osloer Straße aus: „Glasfassaden – Zerrspiegel der Großstadt“ und am gleichen Ort in der Gemeinschaftsausstellung des Kunstvereins Kraftwerk „Weddinger Ecken“. Die Zeitung zum Festival ist hier herunterzuladen.)

Nachtrag:
Bilder vom Abriss auf dem Heidestraßengelände (Baustellen-Blog)

3 Kommentare auf "Ikram Food in der Heidestraße – Rüstü Özcan"

  1. 1
    Sebastian says:

    Sehr guter Artikel und wirklich schwierige Problematik. Bleibt zu hoffen, dass am Ende mehr Arbeitsplätze entstehen, wenn das ganze Gebiet bebaut ist und sich nicht nur Arbeitsplätze von einem Stadtteil in einen anderen verlagern.

    Eventuell noch den Teilsatz „welche? Vielleicht Link einfügen?“ entfernen 🙂

  2. 2
    Susanne Torka says:

    Sebastian,
    danke für den Tipp! Wenn man nicht alles nochmal und nochmal und nochmal durchliest ….

  3. 3
    Bianka Spieß says:

    Sehr guter Artikel. Sachlich und nah am Problem dran. Es scheint ein Riesenproblem zu sein, dem Mittelstand und den „Klein“-Betrieben unter die Arme zu greifen. Dabei braucht es nicht immer den großen Wurf. es sind oft die bürokratischen Hürden, um die sich die Selbstständigen gar nicht kümmern können. Doch wo findet man den Haken, um das Problem mal wirklich anzupacken? Die Wirtschaftsförderung der Bezirke ist oft personell schlecht besetzt. Da fehlen Leute aus der Praxis.

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