Jutta Schauer-Oldenburg
“Ich habe nie Angst vor dem Wähler gehabt”
Es gibt Politikerinnen und Politiker, die sich in ein Fachgebiet deshalb einarbeiten, weil an der Stelle auf der Karriereleiter gerade kein Gedränge und ein zügiger Aufstieg wahrscheinlich ist. Und es gibt Menschen, die sich in ihrem Beruf über Jahre oder Jahrzehnte eine Kompetenz erworben haben und mit dieser Kompetenz dann in die Politik gehen. So ein Mensch ist Jutta Schauer-Oldenburg. Sie versteht sich als Gesundheitspolitikerin. Sie war 45 Jahre Krankenschwester, davon allein 37 Jahre im Krankenhaus Moabit. Sie war seit 1972 engagiertes Mitglied (“eine Karteileiche war ich nie”) der ÖTV, ist 1977 in die SPD eingetreten und wurde 1999 das erst Mal in die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) gewählt. Ende 2004 ist sie aus der SPD wieder ausgetreten und zu den Grünen gegangen.
Wenn Menschen, die sie schon lange kennen, über Jutta Schauer-Oldenburg reden, benutzen sie gerne die Metapher Urgestein, Moabiter Urgestein. Metaphern sind ja nie präzise, aber eines soll in diesem Falle anklingen: Hier ist eine, auf die du dich verlassen kannst. Hier ist eine Bürgerin, die sich für Angelegenheiten der Bürger in diesem Stadtteil einsetzt. Und die sich in ihrem Einsatz nicht missbrauchen lässt.
Sie hat schon im Krankenhaus Moabit gelernt. Und nach einem ganzen Berufsleben sagt sie: “Ich war sehr gerne Schwester. Ich würde es auch wieder werden.” Und das, obwohl in diesem Beruf, jeder weiß es, harte Arbeit schlecht bezahlt wird. Dass es heute jeder weiß, hat auch etwas mit ihrem Engagement zu tun. Von Moabit aus war sie wesentlich an der Organisation des großen Krankenschwesternstreiks beteiligt, der sich dann bundesweit ausdehnte und die Aufmerksamkeit darauf lenkte, “was wir arbeiten und was wir dafür bekommen.” Das hat ihr Spaß gemacht. “Das war ein irres Gefühl”. Obwohl sie ja selbst nicht mitstreiken durfte als Beamtin. “Ich durfte ja nur organisieren und dann musste ich wieder reingehen und arbeiten.”
Sie würde diesen Beruf wieder wählen, obwohl es sie grämt, dass heute kiene Zeit mehr bleibt, sich mal auf die Betttkante zu setzen und mit den Patienten ein Wort mehr als für Organisation des Krankenhausbetriebes notwendig zu reden. “Für mich war das nie irgendein Job. Ich bin immer zum Dienst gegeangen.” Sie würde sogar jetzt mit ihren 67 Jahren noch arbeiten. “Eigentlich ist es schade. Ich bin ja fit, was ich gelernt habe, was ich an Erfahrung gesammelt habe – darauf verzichten die Arbeitgeber.” Von den 37 Jahren, die Jutta Schauer-Oldenburg in Moabit gearbeitet hat, hat sie 16 Jahre lang gegen die Schließung des Krankenhauses gekämpft – “Ich war immer die Speerspitze gegen die Schließung.” Doch die Schließung war wider alle Vernunft schon Mitte der 80er Jahre politisch gewollt. Und den politischen Akteuren war schließlich kein Trick zu billig, um die Voraussetzungen für die Schließung zu schaffen. So musste beispielsweise – die Erinnerung kann die Wut noch einmal zum Kochen bringen – das wirtschaftlich arbeitende Krankenhaus künstlich in die Unwirtschaftlichkeit getrieben werden. Das waren große Koalitionen. Und in jener Zeit war sie schon ziemlich unglücklich mit ihrer SPD.
Vielleicht hätte ja die Zeit die Wunden geheilt. Aber: “Wenn du in einer Partei weiter kommen willst, brauchst du Mehrheiten, und die Mehrheiten setzen Grenzen. Ich bin zu oft an die Grenzen nicht des sachlich nicht Machbaren, sondern des politisch nicht Machbaren gestoßen.” Deshalb ist sie gegangen. Nach 28 Jahren in der SPD ist ihr das nicht leicht gefallen. Das sieht man ihr an, wenn sie darüber spricht. Und man hat sie auch nicht gerne gehen lassen in der SPD, jedenfalls die Landesspitze nicht. “Die Grünen haben mich aufgenommen, nicht nur weil sie jetzt eine mehr sind, sondern weil ich es bin”, sagt sie selbstbewusst und stolz. Bei den Grünen, sagt sie, könne sie ihre Anträge durchbringen und über die werde dann in der BVV diskutiert. Bei der SPD blieben ihre Anträge ja schon in der Fraktion hängen, oft mit der Begründung, das würde ja den eigenen Stadtrat beschädigen. Mit dem Ende der laufenden Legislaturperiode im nächsten Jahr soll Schluss sein mit der Politik. Wirklich? Sitzt da nicht viel zu viel Energie im Urgestein? “Naja, mir wird schon was einfallen.” Das klingt schon wahrscheinlicher. Schluss sein wird mit Parteien und Mandaten. Seit 23 Jahren fährt sie mit ihrem Mann nach Bornholm, “wir wollen so gerne mal länger dorthin.”
Doch auch das länger wird irgendwann vorbei sein. Und dann? Was will Jutta Schaer-Oldenburg noch weiter voranbringen? Die Antwort kommt prompt und fest. “Mehr Bürgerbeteiligung in den QM-Gebieten. Jeder spricht von Bürgerbeteiligung, will aber von den eigenen Machtpositionen nicht runter. Das ist ja auch nicht leicht. Und das ist ja auch unbequem. Aber das müssen alle Beteiligten lernen.” Auf diese Unterstützung können sich die Quartiersmanager freuen.
Text von Burkhard Meise, erschienen in “stadt.plan.moabit” Nr. 29, Mai 2005 – Foto von Jürgen Schwenzel
Nachtrag: Jutta Schauer-Oldenburg ist dann doch noch einmal für die Grünen als Bezirksverordnete angetreten und auch heute als Bezirkspolitikerin aktiv.
Sie hält heute die Laudatio für den/die Klara-Franke-Preisträger(in) 2009, wie sie auch 2007 für Monika Raasch und Lothar Kohlbach die Laudatio gehalten hat und 2006 für Jouanna Hassoun.