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Auch die Nachtigall will im Kanzlergarten trällern

Eigentlich hatte ich schon lange vorgehabt, den Moabiter Werder in aller Heimlichkeit noch einmal aufzusuchen und den Charme seiner Urwüchsigkeit auf mich wirken zu lassen. Doch unverhofft bot sich ein ganz offizieller Presserundgang an. Der Grund? Man kämpft, ja, man ringt um den Erhalt dieser Oase in der Großstadt. Und zwar an breiter Front.
Argumentiert wird in beispielhafter Einmütigkeit: von der Berliner Landes-Arbeitsgemeinschaft Naturschutz (BLN), dem Naturschutz- und Grünflächen-Amt Tiergarten, dem Amtsleiter des Stadtplanungs-Amtes Tiergarten, der Baupolitischen Sprecherin von Bündnis 90/ DIE GRÜNEN und nicht zuletzt vom Vorsitzenden des Naturschutz- und Grünflächen-Ausschusses der BVV.

Auf dem Spiel steht ein einzigartiges Robinien-Wäldchen am Spreeufer, unweit des Lehrter Stadtbahnhofs – genauer: westlich der Moltkebrücke, (hinter dem Packhof des ehemaligen Haupt-Zollamtes, gegenüber dem Haus der Kulturen der Welt). Und dieses Wäldchen muss man einfach gesehen haben! Dann könnte man zumindest die innere Erregung der Kämpfenden nachvollziehen.

Wer kennt denn schon im innerstädtischen Bereich einen Stadtwald, der sich über 40 bis 50 Jahre ungestört entwickeln konnte, dessen Vegetation sehr dicht, stellenweise undurchdringlich ist und dessen Holz von Lianen überwuchert wird? Wer vermutet denn an der Straße Alt-Moabit ein Stück kaum berührter Natur, das verschiedensten Tier- und Pflanzenarten einen einzigartigen Lebensraum bietet, insbesondere der Vogelwelt?
Wer weiß schon, dass in diesem Wäldchen die Nachtigall in einer Dichte lebt wie sonst nirgends in Berlin? Wem leuchtet nicht ein, dass das Wäldchen Vögeln, darunter auch dem Bodenbrüter Nachtigall, als ideales Rückzugs-Gebiet dient? Welchem Berliner Naturfreund würde es nicht schmeicheln, dort sogar den Bussard heimisch zu wissen, der seinen Horst auf einer Pappel errichtet hat?

Und – wird der aufgeschlossenen Leser fragen – warum wird ein solches Juwel nicht geschützt und als Ganzes erhalten? Sollte es ja, im Rahmen der Bundes-Gartenschau, als Beispiel für einen neuen Umgang mit Natur in der Stadt. Mittlerweile gilt es jedoch, vor Ort den Kanzler-Park sowie nebenan die Kanzler-Villa und die Wohnungen für Bundes-Bedienstete zu bauen. Und gerade mit diesem Bebauungs-Plan Bundes-Kanzleramt“ sind für den Moabiter Werder etliche Sicherheitsvorkehrungen, bauliche Eingriffe, ja ein halber Kahlschlag der wertvollen Vegetation verknüpft.

Gesprochen wird von bis zu fünf Meter breiten Wegen, einer zu spannenden Brücke über die Spree zum Kanzleramt, Einfriedungen, einem mit zehn Metern überbreiten Uferweg und weiteren rigorosen Maßnahmen. Was nach Verwirklichung dieser Pläne von der Qualität des Biotops übrig bleibt, ist selbst meinem Jüngsten (9-jährig) klar –„gar nischt!“
Dabei wäre alles so einfach! Zum einen für den Kanzler-Park: Äußerst behutsam das Robinien-Wäldchen erschließen, nämlich mit schmalen Pfaden, am schonendsten durch die Verlegung von Holz-Stegen. Zum anderen für die Öffentlichkeit: die am Zollamt bereits bestehende bescheidene Ufer-Promenade verlängern – unter Einbeziehung der imposanten alten Bäume unmittelbar am Wasser. Somit das Konzept fortführen, die Innenstadt-Spree für die Öffentlichkeit an dieser Stelle der Begehbar- zu machen.

Denn, wie das Stadtplanungs-Amt Tiergarten versichert, „egal, ob mal eng oder breiter, Hauptsache, man kann durchgehen.“ Ganz nach dem Motto „immer an der Spree entlang“. In jedem Falle und für alle müsste gelten: vorhandene, gewachsene Strukturen berücksichtigen und diesen schützens­werten Landschafts-Bestand vollständig erhalten.
Herr Kohl hätte dann die beneidenswerte Möglichkeit, in einem Stück Urwald zu lustwandeln, seinen Gästen einen kleinen Ökopark im Herzen der Hauptstadt zu offerieren, sich vom Gesang der Nachtigall inspirieren zu lassen. Und das – bei minimalem Aufwand und fast ohne Kosten! Denn es steht ja alles schon da. Die Berliner halten für Herrn Kohl ein Geschenk bereit, dessen Güte schwerlich zu übertreffen ist. Er weiß es nur noch nicht! Vielleicht sollten wir ihm diese Nachricht als Überraschung auf den Weihnachts-Teller legen?

Autorin: Gudrun Radev, Berlin, Aus dem Archiv DER RABE RALF, Dez. 1996

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