So können Sie mitmachen!

Die Moabiter Schriftstellerin Else Ury

Autorin der bekannten Romanserie „Nesthäkchen“

Else-Ury-250Else Ury wurde 1877 in Berlin-Mitte geboren und wuchs in der Nachbarschaft der mittelalterlichen Marienkirche auf. Die Familie ihres Vaters lebte in dritter Generation in Berlin. Die beiden ersten Generationen sollen im Scheunenviertel gewohnt und vom Handel mit Altkleidern gelebt haben. Dieses mühselige und wenig einträgliche Geschäft war unter „kleinen Leuten“ in Berlin weit verbreitet, bevor die preiswerte Konfektionsindustrie entstand.

Else Urys Vater Emil wurde später erfolgreicher Tabakfabrikant und zog aus dem armen Scheunenviertel in eine von vielen Juden bewohnte „bessere“ Gegend. Die Familie lebte nun in der Heiliggeiststraße, die heute nicht mehr vorhanden ist – nur die Heiliggeistkapelle als Teil der später angebauten Hochschule erinnert noch an die damalige Zeit. Gegenüber von Wohnung und Tabakfabrik – jenseits der Spandauer Straße – lag in der Heidereutergasse die lange Zeit einzige Gemeindesynagoge von Berlin. Elses Großeltern spielten in dieser Gemeinde noch eine wichtige Rolle. Für Else und ihre Geschwister dagegen war Religion bereits nicht mehr prägend.

Die fünfte Generation der Familie Ury intergrierte sich in jeder Beziehung in ihrer Heimatstadt. Else Urys literarisches Werk legt davon Zeugnis ab, ebenso wie die beruflichen Karrieren und Ehen ihrer Geschwister.

Elses Mutter, die als außergewöhnlich gebildet beschrieben wird, besuchte eine Mädchenschule, vermutlich die Luisenschule. Auch ihre Töchter absolvierten diese Schule, und Elses Schwester Käthe legte hier nach dem Abitur eine Lehrerinnenausbildung ab. Else hingegen zog sich – zunächst scheinbar ganz der traditionellen Rolle verhaftet – ins Umfeld der Familie zurück und besorgte den Haushalt. Sie blieb unverheiratet. Sie schrieb – was sie schon seit ihrer Schulzeit getan hatte – und wurde schnell eine angesehene Schriftstellerin und Bestsellerautorin. Es entstanden Erzählungen, Kindergeschichten und einige Märchen, darunter eines, das viele Bezüge auf die eigene jüdische Familiengeschichte enthält und erst 2009 publiziert wurde. Zudem spielten in ihren Werken gesellschaftliche Neuerungen eine Rolle – etwa die aufkommenden reformpädagogischen Waldorfschulen oder erste Frauen im Studium.

Die sehr erfolgreiche Nesthäkchen-Serie, deren erster Band 1913 erschien, blendete das Judentum der Autorin vollständig aus.

Im Jahr 1905 zogen die Urys in den reicheren Westen Berlins – bis im Jahr 1933 die Ausgrenzung der Familie wegen ihrer jüdischen Herkunft begann. 1935 wurde Else Ury aus der „Reichsschrifttumskammer“ ausgeschlossen und erhielt damit Berufsverbot. Die Bibliotheken entfernten ihre Bücher, in Privathaushalten blieben sie jedoch oft erhalten und weitere Generationen von Mädchen wuchsen mit diesen Büchern auf. 1939 musste Else Ury ihre Wohnung aufgeben und zwangsweise in eins der sogenannten „Judenhäuser“ in Moabit umziehen: in die Solinger Straße 10. Die Geschichte der Berliner „Judenhäuser“ ist noch nicht vollständig erforscht. Jedoch weiß man, dass in die Solinger Straße 10 ca. 40 jüdische Bewohner umsiedeln mussten, wovon inzwischen einige Stolpersteine künden. Else Ury bewohnte, gemeinsam mit ihrer über 90jährigen Mutter und deren Pflegerin Lina, nun eine deutlich kleinere Wohnung. Die jüngere Schwester schrieb zur Beruhigung an die aus Deutschland geflohenen Familienmitglieder: „… wie das große Los. Vier-Zimmer-Wohnung, sehr hübsch“. Und Else Ury selbst ergänzte: „Uns geht es gut. Wir haben uns in der neuen Wohnung, die sehr schön geworden ist, recht gut eingelebt. Omama sagt jeden Tag, wie hübsch es hier ist. … Der Tiergarten ist nah, und der ist jetzt zauberhaft. … Ich sitze an meinem Schreibtisch in meinem sehr gemütlichen Biedermeier-Wohnzimmer. Es ist alles so wie am Kaiserdamm – nur in kleinerem Format. … Das Neueste ist, dass uns auch Fräulein Lina zum Juli verlässt. Als Dienstbote hat sie Einreise- und Arbeitserlaubnis für Holland bekommen. Die Trennung fällt ihr ebenso schwer wie uns.“

Else Urys Mutter starb mit 93 Jahren im November 1941. In die Zimmer musste Else nun zwei fremde Mieter aufnehmen. Radio, Telefon und Schreibmaschine wurden für jüdische Bürger verboten. Am 6. Januar 1943 wurde Else Ury in das „Sammellager“ Große Hamburger Straße gebracht und von dort am 12. unter der Nr. 638 nach Auschwitz deportiert, wo sie nach der Ankunft ermordet wurde.

Text: Sabine Krusen, Bild: Schwestern Käthe und Else Ury im Alter von 19 und 23 Jahren, fotografiert in einem Atelier des Kaufhaus Jandorf.

Die Brief-Zitate stammen aus: Angelika Grunenberg, „Die Welt war so heil. Die Familie der Else Ury. Chronik eines jüdischen Schicksals“.

Sabine Krusen ist diplomierte Slawistin, forscht insbesondere zur jüdischen Geschichte und Frauenbiografien und bietet dazu Stadtführungen an: www.frauentouren.de

Aus der Serie „Bedeutende Frauen in Moabit und Wedding
Wie überall waren Frauen im Leben Moabits und Weddings mindestens zur Hälfte beteiligt. In der Geschichtsschreibung sind sie jedoch in der Minderheit. Diese Serie soll an diejenigen erinnern, die über ihren Kiez hinaus Bedeutendes geleistet haben.

die in unregelmäßiger Folge in der „ecke turmstraße“ erscheint und zwar in Nr. 1 – Februar 2013.

Gedenktafeln für Else Ury und Biographie auf der Berliner Stolperstein-Webseite.

Ein Kommentar auf "Die Moabiter Schriftstellerin Else Ury"

  1. 1
    audib says:

    Wenn ich lese, was man mit unseren jüdischen Mitbürgern veranstaltet hat, bin ich jedesmal aufs Neue fassungslos.
    Einzelberichte sind dabei für mich noch viel bewegender als die (unfassbare, abstrakte) Gesamtzahl.
    Gut, dass auch die Aktion „Sie waren Nachbarn“ die Erinnerung wachhält.

Schreibe einen Kommentar

Beachte bitte die Netiquette!