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Im Wedding gestrandet

Paul Bokowski ist Schriftsteller und tritt in einer Moabiter Lesebühne auf

Bis vor ein paar Jahren konnte man Exotenstatus erlangen, wenn man sich auf einer Party in Friedrichshain als Weddinger outete. Paul Bokowski wohnt lang genug im Wedding, um das noch erlebt zu haben. Und weil er Schriftsteller ist, hat er auch diese Momente in einer Geschichte festgehalten. Da fragt ihn eine Anna-Lena: »Wie ich denn dazu komme, im Wedding zu wohnen, will sie wissen, und ob das nicht fürchterlich gräulich sei, ›also gräulich wie die Farbe.‹ – ›Ach, eigentlich gefällt’s mir da ganz gut‹, sage ich. ›Ich bin da irgendwie gestrandet.‹ An ›irgendwie‹ glaubt Anna-Lena aber nicht, sagt sie. Das hätte sie nie getan. ›Inwieweit, denkst du denn, bist du der Wedding?‹ Anna-Lena war früher auf einer Waldorfschule. Die möchten immer wissen, inwieweit man ein Stadtteil ist oder eine Farbe. Aber was erwartet man auch von Menschen, die ihren Namen tanzen können?«

paul-bokowskiDer drohende Satz eines anderen Partygastes (»Vielleicht werdet ihr ja der neue Friedrichshain«) treibt Paul jedenfalls den blanken Gentrifizierungsangstschweiß auf die Stirn. Und so ganz unberechtigt war das ja nicht. Jedenfalls sind in den letzten Jahren Wohnungen im Wedding immer begehrter geworden, vor allem bei jungen Leuten.

Paul Bokowskis Geschichten, die er in Büchern veröffentlicht, zehn Jahre lang bei den »Weddinger Brauseboys« vorgelesen hat und mittlerweile bei der Lesebühne »Fuchs & Söhne« in Moabit vorträgt, sind eben nicht nur sehr komisch, sondern auch sehr realitätsnah. Er sagt, er erlebe so viel Bemerkenswertes im Alltag, dass er es nicht besser erfinden könnte. Die Phantasie ist dann nur noch das Feinschliff-Instrument.

Seit fast 15 Jahren lebt er im Wedding, in dieser Zeit ist er dort viermal umgezogen, immer so ums Eck. Paul Bokowski – etwas ernst, ziemlich schmal, immer mit Schiebermütze und Hornbrille, er wäre auch in den 1920er Jahren nicht aufgefallen – ist gebürtiger Mainzer. Nach dem Abitur und Zivildienst kam er mit 20 Jahren nach Berlin, um Medizin zu studieren. Irgendwann entschied er sich dann aber doch, Schriftsteller zu werden. Seine Eltern, beide polnischer Herkunft, waren nicht begeistert. Ein Arzt in der Familie wäre so eine Art moderner Adelstitel gewesen. »Sie haben sich aber tapfer damit abgefunden.« Dafür werden sie vom Sohn mit herzlichen Buchbeiträgen bedacht: »Donnerstag: Seit drei Tagen lebe ich in der panischen Angst, dass meine Mutter Facebook für sich entdeckt. Kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, eine Freundschaftsanfrage meiner eigenen Mutter abzulehnen? – Freitag: Ja, ich kann.«

Immerhin kann der Sohn etliche Veröffentlichungen und zwei Bücher vorweisen (die leicht neurotische Titel tragen wie »Hauptsache nichts mit Menschen« oder »Alleine ist man weniger zusammen«) und sogar vom Schriftstellern leben.

Für das Treffen hat er das schlicht-rustikale Café Arema am U-Bahnhof Birkenstraße vorgeschlagen – dort ist er öfter, weil sich gleich um die Ecke der Auftrittsort von »Fuchs & Söhne« befindet: Allerdings, und das bereitet ihm gerade Sorgen, macht der prächtige ehemalige Heilands-Gemeindesaal in der Putlitzstraße 13, Baujahr 1904, als Veranstaltungsstätte zum Jahresende dicht. Moabit geht damit ein weiterer Kulturort verloren, die ohnehin rar gesät sind.

Seit drei Jahren findet die Lesebühne »Fuchs & Söhne« hier statt, neben Bokowski gehören Kirsten Fuchs, Sebastian Lehmann und der Leipziger André Herrmann dazu. Damit gehören sie zur jüngeren Generation der Lesebühnen, die es seit mehr als 25 Jahren in Berlin gibt und deren anhaltender Erfolg ungebrochen ist – inzwischen haben sie sich von Berlin aus bundesweit ausgebreitet. Sogar in Österreich und der Schweiz gibt es welche. Paul Bokowski schüttelt verwundert den Kopf: in der Schweiz!

»Fuchs & Söhne« jedenfalls wollen weiter in Moabit auftreten, dafür suchen sie nun hier einen neuen Spielort, was leider nicht so einfach ist. Er sollte 130 bis 150 Menschen fassen können, denn so viele wollen tatsächlich jeden Monat zuhören, manchmal sogar mehr. Und wenn »Fuchs & Söhne« am 14. und 15. Dezember, anlässlich ihres dreijährigen Bestehens mit einem Doppel-Best-Of zum letzten Mal im Gemeindesaal auftreten, könnten es noch mehr werden.

Moabit und Wedding sind sich in manchem ziemlich ähnlich. In beiden Gebieten ist die Bevölkerung ziemlich bunt und eher nicht wohlhabend, beide gehörten vor nicht allzu langer Zeit noch zu den Kiezen mit Schmuddelkind-Image und werden jetzt immer beliebter – was sich leider auch in den Mieten niederschlägt.

Auch Paul Bokowski nimmt die Veränderungen wohl wahr, und als kluger Mensch ist ihm sehr bewusst, dass natürlich auch er als Kulturschaffender Teil des Wandels ist. Die Veränderungen, die er in den fast 15 Jahren im Wedding wahrnimmt, beschreibt er präzise, differenziert und mit einem Anflug von Wehmut: »Auch wenn der Wedding gerade im Vergleich zu anderen Stadtteilen langsam aufholt und immer hipper, vielschichtiger und facettenreicher wird, scheint seine spröde und einzigartige Identität leider unaufhaltsam zu verschwinden. Man hört zwar immer öfter Englisch, Spanisch oder Dänisch auf der Müllerstraße, aber leider auch immer seltener das gute, alte und so liebevoll prollige Westberlin.«

In Bokowski jedenfalls hat der alte und auch der sich verändernde Wedding einen sehr liebevollen Chronisten gefunden, der seine Erlebnisse in umwerfend komische Geschichten zu verwandeln weiß.

Text: Ulrike Steglich, Foto: Christoph Eckelt, bildmitte

Der Autor liest am Mittwoch, dem 23. November, um 18 Uhr in der neuen Schiller-Bibliothek im Wedding, Müllerstraße 149. Eintritt frei.
Am 16. November ist die Lesebühne »Fuchs & Söhne« im Historischen Gemeindesaal, Putlitzstraße 13 (Moabit) zu erleben. Beginn: 20 Uhr, Einlass: 19.30 Uhr, nur Abendkasse: 5 Euro
und am 14. und 15. Dezember mit einem Doppel-Best-Of, gleicher Ort, gleiche Zeit, nur Abendkasse: 7 Euro.

Zuerst erschienen in der ecke turmstraße, Nr. 7, november 2016.

Nachtrag:
Bokowski liest am 26. November um 18 Uhr in der Schillerbibiliothek aus seinem zweiten satirischen Kurzgeschichtenband „Alleine ist man weniger zusammen“ (Pressemitteilung Bezirksamt).

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