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Co-Living?

Neue LuxusPREIS-WGs neben Moschee

Recht schnell wurde in den letzten Monaten in der Stromstraße 36 ein neues Hinterhaus hochgezogen. Es grenzt direkt an die Brandwand der Ayasofya-Moschee, Ecke Birkenstraße.

Gleichzeitig geisterte seit Ende Februar ein Artikel der „Gründerszene“ mit dem Titel „In Berlin entsteht eine riesige WG für Gutverdiener“ durch verschiedene Moabiter Internetgruppen, denn in der Bildunterschrift wurde ein im Bau befindlicher Co-Living Space in Moabit angekündigt. Viele fragten sich: „Wo soll das denn sein?“ Ein fast bodentiefes Fenster mit Blick auf den Fernsehturm, den es so allerdings nie geben kann, da steht das Vorderhaus davor. Eine junge Frau sitzt in einem spartanisch aber praktisch eingerichteten Zimmer auf dem Bett, es soll nach Designereinrichtung aussehen und wird wohl auch etwas davon enthalten. Die Medici Living Group wirbt mit diesem Bild für teure WG-Zimmer ihrer neuen Edel-Marke QUARTERS – Preise laut Webseite von 489 – 539 Euro im Monat und das für 10-13 qm. Der Quadratmeterpreis also in etwa 40 Euro. Die Zielgruppe sind junge Kreative mit guten Jobs. Angeblich ein Wohnmodell mit Zukunft. Ein weltweit zunehmender Trend. Ganz anders wirkt der zweite unter Berlin aufgeführten Co-Living Space Coconat, mit kleinen Zelten in einer großen Scheune auf dem Land. In Taipei gibt es allerdings Doppelstockbetten im entsprechenden Taipei „digiquarters“.

Heute wurde das Haus eröffnet, obwohl noch hecktisch an Wänden und Decke des Durchgangs gearbeitet wird. Es sollen bereits 6 Zimmer belegt sein. Das Deal-Magazin berichtet, dass eine spezielle innovative Matratze entwickelt wurde, bei der man 4 verschiedene Härtestufen individuell einstellen kann. Außerdem braucht man keine Schlüssel mehr, die Zimmer werden mit einer App „gelockt“, also abgeschlossen. Bereits eine Woche nach Vermietungsstart sollen sich schon 500 Menschen als Mitglieder von QUARTERS registriert haben. Der Gründer der Medici Living Group, Gunther Schmidt, wertet das Angebot „als Revolution auf dem Wohnungsmarkt“. Sein „All-Inclusive-Wohlfühlpaket“ biete nicht nur „begehrten, voll ausgestatteten Wohnraum in Großstädten“, sondern liefere „eine Community an Gleichgesinnten und sozialen Anschluss gleich mit“. Doch was steht dahinter?

Kein Wort darüber, dass erst die Wohnungsnot in gerade diesen Großstädten das Geschäftsmodell der Medici Living möglich macht. Die Firma mietet langfristig Wohnungen an und vermietet dann die einzelnen Zimmer möbliert für einen festen Monatspreis weiter. Gestartet sind sie 2012 mit 100 Zimmern in Berlin und immer weiter gewachsen. Bereits 2015 kritisierte der Berliner Mieterverein solche „Wuchermieten und Abzocke“, jetzt im März die Berliner Mietergemeinschaft. Zur Zeit ist Medici Living in folgenden Städten aktiv: Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Potsdam, Amsterdam, New York und Los Angeles. Im vergangenen Jahr hat die Firma enorm zugelegt. Weltweit vermieten sie mehr als 1.000 Zimmer, 2016 sind 250 dazu gekommen mit einer Umsatzsteigerung von 32% gegenüber 2015, auf einen Umsatz von ca. 5,8 Millionen. Digitalisierung hilft bei der Auslastung, die angeblich 96% beträgt.

Berlin ist voll mit solchen WG-Zimmern. Auf der Karte sind allerdings nur die freien, bzw. die in den nächsten Monaten frei werdenden Zimmer angezeigt. Diese Art des Wohnens eine WG zu nennen, ist völlig daneben. Wie kann ich von einer Wohngemeinschaft reden, wenn ich mir deren Mitglieder nicht selbst aussuchen kann? Die Wahl besteht nur zwischen verschiedenen billigst möblierten Zimmern – sie sind teilweise nur 10 bis 13 Quadratmeter groß und dabei fast so teuer wie die Luxusmarke. In Moabit gibt es solche Wohnungen in der Bandelstraße 8, der Dreysestraße 12, Alt-Moabit 62-63 und im Vorderhaus der Stromstraße 36. Dieses Haus stand noch vor einem Jahr auf der Liste der Häuser mit Sozialwohnungen. Sollte diese Eigenschaft jetzt aufgehoben sein? 3, 4 und 5-Zimmer-Wohnungen werden hier im Kiez dringend für Familien gebraucht. Dieses Geschäftsmodell bringt den Investoren viel Rendite und verringert das Wohnungsangebot für reguläre Mieter. Gentrifizierung pur – Tendenz steigend. Einer Studie von empirica vom Sommer 2016 ist zu entnehmen, dass bereits 35% aller Wohnungsangebote in Berlin möblierte Appartements sind.

Ähnliche Projekte gibt es in Berlin einige, auch in Moabit sind noch weitere im Bau, wie zum Beispiel die SMARTments in der Kaiserin-Augusta-Allee 4 oder das 18stöckige Hochhaus in der Lehrter Straße mit dem komischen Namen „The Fritz“.

Nachtrag:
Die Berliner Zeitung hat über die „Zufalls-WGs“ berichtet, die von einem „Community-Manager“ zusammengestellt werden. Aber unglaublich, Besuch von Lebenspartnern ist auf wenige Tage im Monat eingeschränkt. Das kann doch nicht sein!!

5 Kommentare auf "Co-Living?"

  1. 1
    H. E. says:

    Das scheint der neueste Trick, äh ich meine natürlich Trend, zu sein:
    Bei mir im Haus z. B. wird jede frei werdende Zwei-Zimmer-Wohnung an zwei nicht miteinander verbandelte junge Leute vermietet. Und die Gesamtmiete einer Wohnung liegt dabei ca. 50 % über dem Mietspiegel, wobei die Zimmer nicht möbliert sind.
    Es wird Zeit, dass RRG etwas gegen diese Art der Überschreitung des Mietspiegels unternimmt.

  2. 2
    Netzgucker says:

    Da gefällt mir die 100 Euro Wohnung der Tinyhouse University schon besser – auf dem Bauhaus Campus bis Frühjahr 2018
    http://www.bauhaus.de/de/vermittlung/2537_bauhaus_campus_berlin/

    und andere alternative Wohnmöglichkeiten:
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/alternative-lebensmodelle-so-ungewoehnlich-wohnen-die-berliner/19736808.html

  3. 3
    Netzgucker says:

    aha, es ging so schnell, weil es ein Holzbau ist – hier die Webseite der Architekten, SEHW:
    http://sehw-berlin.de/

    und im Baunetz:
    http://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Wohnhaus_in_Berlin_von_SEHW_5057002.html
    http://www.baunetz.de/architekten/SEHW_projekte_1332905.html

    Zitat:
    „Das Haus reagiere auf den aktuellen Wohnungsmarkt, so die Architekten. Mit seinen fünf Geschossen holt der Neubau tatsächlich viel aus der Hinterhoflücke heraus.“ In der Tat!
    „Ganze Häuser werden in WGs mit großzügig bestückten Küchen, Heimkinoräumen und Balkonen als Treffpunkten aufgeteilt. Und das alles ganz ohne den frustrierenden Realitätsabgleich der Bewerbungsgespräche: Online bucht man sich ein Zimmer im Shared Living seines Wunsch-Quarter, sucht sich Upgrades und Services aus wie für ein Hotelzimmer. “ Wie soll ohne Realität dann Gemeinschaft entstehen?

  4. 4

    In der Start-Up Serie von Haufe erklärt Ferdinand von Fumetti, Mitgründer und Geschäftsführer von Medici Living, deren Philosophie:
    https://www.haufe.de/immobilien/entwicklung-vermarktung/projekte-deals/startup-serie-medici-living-group_254_418580.html
    Zitat: „Die Medici Living Group will vor allem eines: wachsen.“

  5. 5
    Moabiterin says:

    Kann das wirklich wahr sein, dass junge Leute sich einschränken lassen, wie lange sie ihren Freund oder Freundin zu Besuch haben??
    http://www.berliner-zeitung.de/berlin/neues-wohnprojekt-in-moabit-gibt-es-jetzt-eine-zufalls-wg-28173732

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