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Buchhändler im Kiez

Klaus-Peter Rimpel und seine Dorotheenstädtische Buchhandlung. Text von Burkhard Meise.

Die Neuerscheinungen kommen und gehen, die Verlage bringen in immer kürzeren Abständen Bücher heraus, der Buchmarkt hat sich der Beschleunigung aller geschäftlichen und damit auch gesellschaftlichen Vorgänge nicht entziehen können. Doch in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung haben einige Inseln im Strom durch Beharrlichkeit überlebt. Da ist immer ein Regal mit „Judaika“ überschrieben, da steht immer ein Tisch mit Berlin-Literatur, auf dem liegen nicht nur Neuerscheinungen, auf dem liegen aber immer auch ein paar Bücher speziell über Moabit, da finden sich jederzeit und nicht nur in Jubiläumsjahren die Bücher Heinrich Heines und Kurt Tucholskys. Nach welchem Ordnungsprinzip alle anderen Bücher in diesem Laden präsent sind, ist für den Außenstehenden nicht sofort erkennbar, aber eine Frage genügt, und Klaus-Peter Rimpel greift zielsicher ins Chaos und zieht das Buch heraus.

Ob es wohl Buchhändler gibt, die nicht davon träumen, irgendwann einmal ihren eigenen Laden zu führen? Nicht die angelernten Servicekräfte in den diversen Kulturkaufhäusern sind hier gemeint, sondern gelernte Buchhändler. Bei kaum einer anderen Handelsware scheint das Verhältnis des Händlers zur Ware so individuell geprägt zu sein, wie beim Buch. Es sind doch immer die eigenen Gedanken und die eigenen – auch die geheimen – Phantasien, die Abstand oder Nähe zu einem Buch bestimmen. Nicht einmal ein Kulturkaufhaus kann alle Bücher vorrätig haben, geschweige denn eine kleine Buchhandlung. Aber welche es auf jeden Fall sind, und welche für den Kunden bestellt werden müssen, das macht den individuellen Charakter einer Buchhandlung aus, das prägt ihr Bild.

Vielleicht trifft es ja nur auf den Buchhändler alten Schlages zu, aber es muss wohl das Schönste für ihn sein, wenn er in seinem eigenen Laden wie in seiner eigenen Bibliothek steht und seine Lieblingsbücher verkauft. Klaus-Peter Rimpel hatte schon zehn Jahre als Buchhändler in Zehlendorf und dann noch mal ein Paar Jahre bei Wertheim und im KaDeWe gearbeitet, als er sich vor 25 Jahren den Traum erfüllte und in der Turmstraße, direkt gegenüber dem Gericht seine Dorotheenstädtische Buchhandlung eröffnete. Und das, was im Laufe der Zeit daraus geworden ist, hatte er von Anfang an als Konzept im Kopf: Es sollte eine Kiezbuchhandlung werden, wie er sagt, und eine Buchhandlung, die bestimmte Werte weiter tragen sollte. Aufklärung und Toleranz standen von Anfang an im Vordergrund.

Der erste Laden war ja noch viel kleiner als der heutige zwei Häuser weiter. Wir fanden damals dort auch die „Kreuzberger Hefte – Erzähltes Leben“, das waren Erinnerungen an die Zeit zwischen den Weltkriegen, „Eine Jugend in Moabit“ oder „Wir kamen gerade so durch“ hießen die. Oder auch eine professionell recherchierte Geschichte wie die der Gebrüder Sass von dem Tagesspiegel-Redakteur Ekkehard Schwerk. „Man muss den Ort beschreiben, an dem man wirkt“, sagt Rimpel. Als das Buch über die Meisterdiebe Sass vergriffen war, hat er einen so genannten Sonderdruck der Dorotheenstädtischen Buchhandlung herausgebracht, ebenso wie bei einer Historie des inzwischen geschlossenen Krankenhauses Moabit. Und natürlich gehören zu einer Ortsbeschreibung auch die abgrundtiefen Geschichten des Kriminalgerichtes gegenüber. Die Nachbarschaft inspiriert Rimpel. Einmal im Jahr veranstaltet er die Lesereihe „Moabiter Kriminale“. Rimpel zieht die Augenbrauen ein wenig zusammen und sagt: „Kriminalität lohnt sich.“

Lohnen sich die Lesungen und anderen Veranstaltungen auch für ihn? Nicht im kommerziellen Sinne, sagt er, aber natürlich seien Ausstellungen oder Lesungen auch Werbung. Und: „Ich lebe von den Leuten, die hierher kommen, und denen will ich etwas zurück geben, und natürlich das, was ich selber mag.“ Heinz Knobloch hat über 50 mal bei ihm gelesen, Kemal Kurt gehörte bis zu seinem Tod zu den treuen Vorlesern – die Veranstaltungen gehörten auch von Anfang an zu Rimpels Konzept von einer Buchhandlung.

Daraus ergab sich dann eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Tiergarten und sein erfolgreicher Einsatz für die Benennung des Rathausplatzes in der Turmstraße in Mathilde-Jacob-Platz, daraus sind die Bootsfahrten um die Insel Moabit herum entstanden (Anfangs nur dreiviertel Rundfahrten, weil sie an der Zonengrenze wieder umkehren mussten) und daraus ergab sich seine Vorstandstätigkeit im Moabiter Ratschlag. Eine Buchhandlung ist im Rimpelschen Sinne nicht nur eine Buchhandlung, von da aus erhellt sich seine Wendung vom „Ort, an dem man wirkt“.

Sein 25jähriges Jubiläum hatte Rimpel eigentlich schon im Januar, „aber ich habe vergessen, es zu feiern“. Jetzt ist ihm die Verdienstmedaille des Bezirks Mitte verliehen worden. Für sein Wirken und für seine Beharrlichkeit. In die Klagelieder seiner Kollegen will er nicht einstimmen, seine Strophe klingt anders. Dass es auch mal schwierige Zeiten geben kann, habe er doch immer gewusst, und: „Ein kleines Vermögen kommt schon zustande, wenn man vorher ein großes hatte.“ Das wichtigste schließlich sei doch, dass die Arbeit Spaß mache, denn man lebt nur einmal.

Dieses Kiezportrait von Burkhard Meise ist zuerst erschienen in stadt.plan.moabit, Nr. 39, Mai 2006. Lesen Sie auch noch das Interview in LiesSte, Nr. 4, Februar 2008 (sind doch hier aus unerfindlichen Gründen die letzten 3 Buchstaben …tet. verlorengegangen). Rimpel beschreibt hier einige Merkwürdigkeiten seiner langjährigen Tätigkeit. Hinterher bedauerte er sehr, dass ich seine seit Jahren gute Kooperation mit dem „Trommler“ vergaß zu erwähnen, was hier nachgeholt wird.

In einem Artikel über die Zukunft von Buchläden stellt die Berliner Zeitung fest, dass Rimpels Konzept, das er schon fast 30 Jahre verfolgt, zu empfehlen ist. Aktuell „Wenn im Kiez das Blut fließt“ in der Berliner Zeitung.

Rimpel bei Moabit 2.0.

4 Kommentare auf "Buchhändler im Kiez"

  1. 1
    Jana says:

    Schöner Artikel über eine noch schönere Buchhandlung, die wirklich unterstützenswert ist. Es gibt dort eine große Auswahl an tollen Bücher und was nicht vorrätig ist, wird einfach bestellt. ich hoffe, dass es die Buchhandlung noch viele, viele Jahre geben wird!

  2. 2
    Berlin Street : Moabiter Kriminale says:

    […] […]

  3. 3
    Adolf Ondratschek says:

    Heinz „Knoblauch“ – das geht gar nicht ! Der große Kenner Berliner Geschichte hieß Heinz „Knobloch“ !
    Bitte mehr Sorgfalt !

  4. 4
    Redaktion says:

    Adolf Ondratschek hat natürlich recht, die Schreibweise ist korrigiert.

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