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Durchgangsverkehr in der Lehrter Straße begrenzen

Engagierte Diskussion von Planungsideen

Eine Verkehrsinitiative ist seit 2008 in der Lehrter Straße aktiv um den starken Durchgangsverkehr einzudämmen. Nach einer Unterschriftensammlung und vielen verschiedenen Vorschlägen für mögliche verkehrsentlastende Maßnahmen (die Einzelheiten können auf der Lehrter-Straßen-Seite nachgelesen werden) wurde schließlich im Rahmen der Zukunftswerkstatt Lehrter Straße aus Fördermitteln des Stadtumbau West ein Verkehrsgutachten beauftragt und im Sommer 2010 eine Veranstaltung organisiert. Hier wurden die Vorschläge des Gutachter,  Prof. Thomas Richter von SHP Ingenieure, mit den Anwohnern ausführlich diskutiert. Ende Oktober wurde das Gutachten schließlich veröffentlicht. Es kann hier heruntergeladen werden. Dieser Artikel stellt einige Ergebnisse in Kurzform vor.

Im Stadtentwicklungsplan Verkehr ist die Lehrter Straße keine übergeordnete Durchgangsstraße, sondern eine Neben- und Erschließungsstraße mit Tempo 30 und Bus. Im Gutachten wird festgestellt, dass tatsächlich – wie von den Anwohnern seit langem beobachtet – der Durchgangsverkehr nach Eröffnung des Hauptbahnhofs und Tiergarten­tunnels sowie nach Schließung der Heidestraße an der Invalidenstraße stark zugenommen hat und von der Verkehrsmenge her eher einer Hauptstraße entspricht.  Die Lehrter Straße ist eine beliebte Taxi-Route vom Hauptbahnhof Richtung Nord-Westen.

Verkehrszähler bei der Arbeit

Die Verkehrssituation wurde analysiert durch Verkehrszählungen, Taxirouten­vergleich, Geschwindigkeitsmessungen, Unter­suchung der Parkraumauslastung, der Unfallstatistik sowie einer Prognose der Verkehrserzeugung durch geplante Bau­vorhaben. Danach wird die Lehrter Straße täglich von ca. 650 Radfahrern und von ca. 6.000 bis 6.500 KFZ befahren.

Durch Kennzeichenerfassung wurde der Anteil des Durchgangsverkehrs ermittelt:  52% Richtung Norden und 37% Richtung Süden (vgl. Karte Gutachten S. 9). Die Busspur in der Perleberger Straße wird verbotenerweise häufig insbesondere von Taxen zum Rechtsabbiegen benutzt. Etwa 42% des Durchgangsverkehrs Richtung Norden und 30% Richtung Süden besteht aus Taxifahrten (vgl. Karte Gutachten S. 10).

Der Vergleich der drei Routen zwischen Hauptbahnhof und Beussel-/Siemensstraße entweder über die Heidestraße, die Lehrter Straße oder die Turmstraße ergab, dass der Weg über die Lehrter Straße sowohl von der Strecke als auch von der Zeit der kürzeste ist und daher – wie sich auch bei einer Befragung herausstellte – von Taxifahrern bevorzugt wird (Gutachten S. 11).

Der gradlinige Straßenverlauf führt bei der vorhandenen Fahrbahnbreite zu erhöhten Geschwindigkeiten, baulich ist die Straße für Tempo 50 angelegt. Für Geschwindigkeitsmessungen werden die Werte ermittelt, die 85%, 50% und 15% aller Autofahrer nicht überschreiten. Das Ergebnis für die Lehrter Straße: 85% fahren nicht schneller als 40 bzw 45 km/h, 50% fahren nicht schneller als 33 bzw. 37 km/h und 15% nicht schneller als 27 bzw. 32 km/h. Dabei bezieht sich die kleinere Zahl immer auf die Fahrzeuge Richtung Süden. Aus verkehrsplanerischer Sicht sollten in einer Tempo 30 Zone 85% aller Autofahrer nicht schneller als 30 km/h fahren (Gutachten S. 12).

Die Untersuchung der Parkraumauslastung hat wenige bis keine Reserven ergeben (Gutachten S. 15). In den letzten 3 Jahren ereigneten sich 11 Unfälle mit Leichtverletzten und 3 Unfälle mit Schwerverletzten. Die Auswertung der Unfallursachen ergab, dass die Geschwindigkeiten gesenkt und bessere Querungsmöglichkeiten für Fußgänger angeboten werden sollten. Auch die Ampelschaltungen der Umgebung wurden untersucht und herausgefunden, dass auch diese dazu führen, dass die Lehrter Straße für den Durchgangsverkehr attraktiv ist (Gutachten S. 17).

Aus der Analyse der Verkehre, die sich aus den geplanten Neubauvorhaben ergeben, 2500 bzw. 2000 KFZ erwartet der Gutachter keine Überlastung der Kreuzungen. Er erwartet auch keine Verkehrsentlastung nach der Schließung des Flughafens Tegel, sondern eher eine Zunahme des Taxi-Verkehrs in den Berliner Norden vom Hauptbahnhof, wenn der BBI Flughafen eröffnet und die Zuganbingung zum Südkreuz fertiggestellt ist (Gutachten S. 23).

Als Maßnahme gegen den Durchgangsverkehr werden bessere Querungsmöglichkeiten mit Moabiter Kissen vorgeschlagen. Die Gehwegvorstreckungen sollen nur 5 Meter Fahrbahn frei lassen, damit sich Bus und PKW begegenen können. 10 solche Querungen werden vorgeschlagen (vgl. Karte Gutachten S. 25). Der Gutachter untersuchte sämtliche Vorschläge für die Verbesserung der Situation in der Lehrter Straße, die  in der letzten Zeit und auf der Veranstaltung von der Verkehrsinitiative und von Anwohnern der Lehrter Straße gemacht worden waren. Unter anderm wurden Kreisverkehre an den Kreuzungen zur Kruppstraße und Seydlitzstraße beurteilt und großflächige Aufpflasterungen dieser Kreuzungsbereiche sowie vor dem Eingang des Poststadions. Auch wird ein Trennbalken, der im Notfall von Rettungsfahrzeugen überfahren werden kann,  zur Absicherung der Busspur in der Perleberger Straße vorgeschlagen, ebenso wie ein Umbau der Kreuzung an der Invalidenstraße. Weitere Vorschläge, die gemacht wurden, wie Teilsperrung, Poller, Ampeln oder Einbahnstraße lehnt der Gutachter mit verschiedenen Begründungen ab. Sie betreffen das umliegende Straßennetz zum Beispiel durch Umwegfahrten und werden deshalb nicht empfohlen.

Allein bei der Öffnung der Heidestraße von Süden können und wollen sich dieser Einschätzung nicht alle Beteiligten anschließen. Weitere Vorschläge werden ebenfalls mit Begründungen abgelehnt: Ein LKW-Fahrverbot ließe sich nicht überwachen, neue Zebrastreifen oder ein Radstreifen wären untypisch für eine Tempo 30 Zone, ein Überholverbot in Form einer durchgezogenen Mittellinie könnte die Geschwindigkeit sogar noch erhöhen usw. Ergebnis des ganzen Verfahrens ist ein Stufenplan.

Zunächst sollen mit Geld aus dem Stadtumbau West zusätzliche Gehwegvorstreckungen und Moabiter Kissen, die für den Bus von ihrer Bauart kein Hindernis darstellen sollen, eingebaut werden. Wievele (zunächst 6 bis 7) und wo wurde bereits bei einem Abstimmungsgespräch zwischen Bezirk, Verkehrslenkung Berlin und BVG vor einigen Wochen vereinbart. Zu einem späteren Zeitpunkt werden die Aufpflasterungen und der Umbau der Einmündungen in die Lehrter Straße umgesetzt, für die zur Zeit noch keine Mittel vorhanden sind.

Bereits Ende November berichtete Gertrud Völlering im Berliner Abendblatt und ging in ihrem Artikel auch auf die Umfrage der CDU vom Sommer ein. Auch hier das Ergebnis, dass sich Anwohner massiv durch Lärm und Straßenverkehr gestört fühlen. Die Auswertung dieser Umfrage (371 Antworten) stellen wir hier zum Download bereit.

Hier noch der Link zu einer Kleinen Anfrage (0401/III) der Bezirksverordneten Reuter zum Verkehrsaufkommen in der Lehrter Straße.

Fotos: Jürgen Schwenzel

Nachtrag:
Nachdem die Heidestraße komplett neu gebaut ist, gibt es 2017 wieder eine Anfrage in der BVV nach Maßnahmen, die den Durchgangsverkehr in der Lehrter Straße begrenzen (Drs. 0269/V).

Eine Frau wurde auf dem Zebrastreifen angefahren und verletzt (Moabit.net). Zwei Jahre später wurde ein Mann von einem Taxi angefahren und verletzt, der aus seinem Auto ausgestiegen ist (Moabit.net). Ein Kind wurde angefahren und schwer verletzt, das mit seinen Eltern bei grüner Ampel an der Ecke zur Perleberger die Straße überquerte (Moabit.net). 2015 wieder ein Fußgänger angefahren und verletzt, diesmal im südlichen Abschnitt (Moabit.net). Wieder wurde ein Kind angefahren (Moabit.net).

8 Kommentare auf "Durchgangsverkehr in der Lehrter Straße begrenzen"

  1. 1
    Aro says:

    Sorry, ich verstehe ja, dass die Anwohner am Liebsten gar keinen Verkehr vor ihrem Haus haben würden. Trotzdem ist die Lehrter eine öffentliche Straße und selbst Taxifahrer haben das Recht, sie zu nutzen.
    Ich kann dieses Bashing nicht nachvollziehen.

  2. 2
    K. S. says:

    Tempo 30 mit Kontrollen, Moabiter Kissen und Querungsmöglichkeiten: Einverstanden!

    Der Artikel enthält zwar keine eindeutigen Bashing-Worte gegenüber den Taxifahreren, aber der mehrfache Hinweis auf ihren Verkehrsanteil wirkt schon angriffslustig. Sollte den Taxis der Weg aufgrund konsequenterer Geschwindigkeitsreduzierung zu lange dauern, erledigt sich das Taxiproblem vielleicht ohne Direktangriff.

    Über mangelnde Parkraumreserven kann ich mich auch nicht beschweren, im Umfeld von 100 Metern zu meinem Ziel fand ich bisher immer was.

  3. 3
    Verkehrsinitiative says:

    Lieber Aro,
    wir wollen kein Taxifahrer Bashing betreiben. Bei der Veranstaltung war auch ein Vertreter der Taxi-Innung eingeladen und gekommen. Natürlich ist die Lehrter Straße eine öffentliche Straße, weshalb sie jeder befahren kann. Dennoch ist es nicht wünschenswert, dass in einer Erschließungsstraße, die keine Durchgangsstraße ist, ein so hoher Anteil an Durchgangsverkehr stattfindet. Und ein hoher Anteil an diesem Durchgangsverkehr sind Taxifahrten.
    Deshalb – wie K. S. schon sagte – Tempo 30 mit Kontrollen, Moabiter Kissen und bessere Querungsmöglichkeiten. Auch die Einfahrten in die Straße wünschen wir uns zurückgebaut. Es geht nur so, etwas zu verändern. Dazu gehört eben auch das Einhalten von Tempo 30! Mal als freundliche Aufforderung an die Taxi-Kollegen!

  4. 4
    taylan says:

    Taxifahrer hin oder her: die Anwohner in der Lehrterstraße zahlen nicht miete, um das Gefühl zu haben, dass sie auf dem Asphalt schlafen. Auf der anderen Seite wollen wir aber auch nicht vergessen, dass die Lehrterstraße miten in der Satdt ist und nicht am Dorfrand. Ich finde den Kompromiss tragbar und gut.

  5. 5
    Aro says:

    Ich befahre die Lehrter pro Schicht ein-, zweimal und auf Höhe der Wohnhäuser an beiden Enden auch mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit. Dabei werde ich oft überholt, allerdings nicht nur von Taxis, sondern von allen möglichen Autos – gerne von aufgemotzten BMWs, weißen Lieferwagen oder der Polizei.

    Selbst wenn die „Kissen“ eingebaut würden, müsste ich die Straße nutzen, weil ich nun mal die kürzeste Strecke fahren muss, Und vom Hauptbahnhof nach Nord-Moabit oder TXL geht der kürzeste Weg nun mal über die Lehrter.

  6. 6

    Nun endlich wird in diesem Jahr gebaut. Bis 4. Oktober 2013 sollen die – erst einmal nur 5 ! – Querungshilfen fertig sein. Mit der BVG wurde abgestimmt welche Höhe diese haben dürfen. Sie fallen also etwas niedriger aus als im verkehrsberuhigten Bereich nördlich der Turmstraße. Auch die Einengung auf 5 m Fahrbahn kommt nicht, denn sonst hätte die Straßenentwässerung auf Kosten des Bezirks umgebaut werden müssen. Allerdings bauen auch die Berliner Wasserbetreibe. Man fragt sich, warum im Zuge dieser Baumaßnahmen das nicht mitgemacht wird.
    Beginn der Umsetzung jetzt immerhin 5 Jahre nach Start der Verkehrsinitiative in 2008!
    Das ist immer noch besser als die 12 Jahre Aktionen, die uns der 1. Zebrastreifen in der Lehrter Straße gekostet hatte:
    http://www.stadtentwicklung.berlin.de/verkehr/fussgaenger/db/uebergang/extrafenster?id=101
    Weiter Infos zur Verkehrsinitiative hier (bitte runterscrollen!):
    http://www.lehrter-strasse-berlin.net/lokale-planungen

  7. 7
    taylan says:

    @ Betroffenenrat: Ich finde euer Engagement für diese Sache und euren langen Atem richtig gut. Manchmal muss man eben erst Dampf bei der Verwaltung machen, bis etwas passiert^^

  8. 8
    Susanne Torka says:

    Besonders wirkungsvoll sind die Kissen in der Lehrter jedenfalls nicht, aber die neuen Überwege sind auch jeden Fall gut.
    Angeblich dürfen sie bei Tempo 30 nicht höher als 7 cm sein (vorgeschriebene Höhe 5-7 cm) und so sollten sie gebaut werden. Und die BVG hat in der Breite ein paar cm abgeknapst wegen der Busse.
    Aber dass gleich der Bund der Steuerzahler sich drum kümmert, da gibts nun wirklich andere Verschwendung … s. Berliner Woche:
    http://www.berliner-woche.de/nachrichten/bezirk-mitte/moabit/artikel/28290-bund-der-steuerzahler-kritisiert-moabiter-kissen/

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