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Was ist und was wird?

In mehreren Artikeln und Kommentaren der letzten Wochen wurde eine Entwicklung beklagt, die manchen Bewohnern Moabits nicht gefällt. Im Großen und Ganzen geht es darum, wie sich Moabit in den kommenden Jahren entwickeln wird. Stichworte sind z.B. Hauptbahnhof, Heide- und Lehrter Straße, Hotels, Hostels, stärkerer Verkehr.
Grob gesagt sehe ich zwei „Lager“ (bitte nicht zu wörtlich nehmen!):

Zum einen sind da die Alteingesessenen, die teilweise schon zu Mauerzeiten hier gelebt haben. Gerade der Kiez Lehrter Straße war damals eine vergessene Ecke, in der sich sowas wie eine Dorfgemeinschaft entwickeln konnte, mit allen Vorteilen einer Gegend, die für Spekulanten uninteressant war. Diese Menschen haben in den vergangenen 15 Jahren sehr krasse Einschnitte in ihrer Lebenswelt erlebt, der bisherige Höhepunkt war sicher die Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs, mit allen Konsequenzen. Sichtbar ist der stark gestiegene Verkehr, der sich auch durch die Lehrter Straße bewegt. Weitere Umbrüche sind gerade dabei, Realität zu werden: Ein großes Bürohaus und zwei Hotels sollen gebaut werden, dazu sogenannte Town Houses, also voraussichtlich Luxuswohnen im Kiez. Die Glitzerwelt Mittes scheint sich langsam hereinzuschieben und gewachsene Strukturen zu gefährden. Die Angst, eine liebgewonnene Situation zu verlieren, ist sicher berechtigt. Mietsteigerungen, Schicki-Micki-Läden und weiter zunehmender Autoverkehr drohen, das Idyll wird immer kleiner. Das alles ist im Lehrter-Kiez offensichtlich, aber nicht nur dort. Dabei werden Modernisierungen von Häusern und Wohnumfeld nicht grundsätzlich abgelehnt, aber sie sollen natürlich behutsam und an den Interessen der Bewohner orientiert erfolgen.
Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die ebenfalls hier leben, sich aber für ihren Stadtteil eine andere Entwicklung wünschen: Für sie ist Moabit eine Schmuddelecke, die einen Großputz durchaus vertragen kann. Sie sehen z.B. die Turmstraße mit ihren Billigläden als Schandfleck an und beklagen den Niedergang Moabits. Geplante Projekte wie die Kaufhäuser in der Schultheiß-Brauerei Stromstraße sind für sie wie Strohhalme, die den Kiez aufwerten könnten. Natürlich werden dann auch die Mieten steigen, aber sie sehen das als nicht so schlimm, weil es auch in Maßen geschehen wird, über einen längeren Zeitraum und sie selber das vielleicht auch gar nicht stört. Sie sehen in Moabit „Zilles Milljöh“ und das ist für sie ein Ausdruck von Niedergang, keinesfalls von gewachsenem, liebenswertem Umfeld.

Ich selber stehe in Diskussionen immer wieder zwischen diesen beiden Positionen. Vor Jahren habe ich in Kreuzberg miterlebt, wie das gemütliche Leben verschwand: Die Wohnungen wurden saniert und verkauft oder an Mieter mit mehr Geld weitergegeben. Kiezkneipen wichen teuren Restaurants, statt Comic-Tausch gibt es in den Läden jetzt Edelmode. Die Alten sitzen nicht mehr draußen im Sommer, weil sie vertrieben wurden. Sicher – der Stadtteil ist jetzt optisch schöner, aber eben nicht mehr für diejenigen, deren Zuhause er mal war. Die gleiche Entwicklung gab es in den 90ern auch im Prenzlauer Berg.

Natürlich ist es schöner, wenn man in der Turmstraße interessantere Läden findet, nicht nur 1-Euro-Shops. Grünanlagen, auf denen auch tatsächlich Rasen liegt und nicht nur Sand und Hundescheiße sind selbstverständlich attraktiver. Und auch der eine oder andere moderne Neubau soll ruhig errichtet werden, meinetwegen auch mit Leuten, die dort ihr Auto mit auf die Etage nehmen können. Trotzdem bleibt bei jeder neuen Veränderung die diffuse Angst, dass sich Moabit nach und nach doch zu einem Stadtteil entwickelt, der zwar schön hell, sauber und glitzernd ist, aber keine Heimat mehr für diejenigen, die hier schon immer gelebt haben.
Deshalb stehe ich einer Aufwertung Moabits skeptisch gegenüber. Ich befürchte, dass es nur das Eine oder das Andere gibt und dass die einen die Bedürfnisse der anderen missachten oder nicht verstehen. Nicht, weil ich ein konservativer Hippie bin, der Angst um sein kleines Paradies hat, sondern weil ich in einem bezahlbaren Stadtteil wohnen möchte.

85 Kommentare auf "Was ist und was wird?"

  1. 51
    Rané sagt:

    Gegen steigende Mieten gibt es die Mietervereine. Dann haben wir einen Berliner Mietspiegel. Wenn niemand sich gegen Mieterhöhungen mit Unterstützung der Mietervereine wehrt, steigen natürlich die Mieten. Aber dann bitte nicht jammern !!!

  2. 52
    Susanne Torka sagt:

    Lieber Rané,
    das ist ja nun wirklich zu einfach gedacht und gesagt, bzw. geschrieben: „… gegen steigende Mieten haben wir die Mietervereine und wenn sich niemand wehrt, bitte nicht jammern!“
    Für steigende Mieten haben wir erstmal das Gesetz, dass alle 3 Jahre die Grundmiete um 20 % erhöht werden darf, ohne dass irgendeine Wohnwertverbesserung vorgenommen wurde. Dagegen gibt es eine Initiative auf Bundesebene, die Zahl soll auf 10 % gesenkt werden. Warum überhaupt Erhöhung ohne Gegenleistung? Aber immerhin unterstützenswert, oder?
    Dann der Berliner Mietspiegel, teilweise hilft er, andererseits trägt auch er zu Erhöhungen bei, schließlich steigt er ja auch.
    Das Problem in Szenebezirken sind besonders die Mieten für neu vermietete Wohnungen. Auf dem Rundgang im Graefekiez wurde nachgewiesen, dass sie für dieses Gebiet in der Regel 50 – 90 % ÜBER dem Mietspiegel liegen. Vertragsfreiheit! Wenn jemand unbedingt dort einziehen möchte, zahlt er das eben. Und wer es nicht mehr zahlen kann, muss vielleicht seine Gegend verlassen. Das sind nur ein paar kleine Beispiele.
    Und die Kostenmieten der ehemaligen Sozialbauwohnungen im Fanny-Hensel-Kiez, Schöneberg und sonstwo von 12 – 13 Euro nettokalt (!) sind laut Gesetz nicht an den Mietspiegel gebunden. Siehe: http://www.sozialmieter.de. Dabei geht es um den Ausstieg des Senats aus der Anschlussförderung. Welche Lösung könnte es geben. Einen neuen, aber vollkommen anders als bisher organisierten sozialen Wohnungsbau?

  3. 53
    Rané sagt:

    Liebe Susanne,
    das Problem ist, das sich zu wenig Mieter gegen Mieterhöhungen wehren. Die ALG II- Empfänger geben das ans Jobcenter weiter, dies bezahlt das und es entstehen volkswirtschaftliche Kosten, die wir uns in diesen Zeiten nicht leisten können.

  4. 54
    C.O. sagt:

    Leider ist das mit dem Anmelden zum Fest nicht so einfach. Auf der Seite der IG Turmstraße gibt es leider kein Anmeldeformular für Vereine.
    BürSte ist mit seinem Kinder- und Jugendteam aber gerne dabei.

  5. 55
    Hans Richter sagt:

    Rané, es gibt Obergrenzen für Hartz IV-Empfänger. Werden die überschritten, muss Hartz IV-Empfänger umziehen. So einfach ist das für die Jobcenter.

  6. 56
    K. S. sagt:

    Aros Artikel gefällt mir.

    Eine präzise Antwort ist schwer zu finden: Wie attraktivitätsresistent muss Moabit auf Außenstehende wirken, damit unsereiner (weder dumm noch faul, aber mit diversen Brüchen in der Biographie) bleiben darf?

    Zurück zu einzelnen Formulierungen: Ich bin zwar kein „Alteingesessener“ (sondern bekennender Ossi), fürchte mich aber durchaus vor einen „Großputz“ (mit steigenden Mieten). Mein unmittelbares Umfeld bietet fast alles Alltagsnotwendige (die Multikulti-Grünzeug-Läden möchte ich nicht missen), bezüglich gelegentlicher Kultur suche ich bevorzugt im Radius von einer Fahrradfahrstunde (damit kommt man recht weit).

    Übrigens: Als König von Deutschland würde ich die private Hundehaltung verbieten. Meine letzte diesbezügliche Konfrontation spielte sich aber außerhalb Berlins ab.

  7. 57
    Hans Richter sagt:

    mich stören weniger die Hunde, als deren Hinterlassenschaften, die die Besitzer einfach so liegen lassen. Mit welchem Recht machen die das? Der Staat sollte da endlich deren Besitzer teuer zur Kasse bitten, und wenn se beim 3ten Mal beim nicht Entsorgen erwischt werden, denen einfach die Hunde entziehen.

  8. 58
    Rané sagt:

    Moabit ist eh auf den Hund gekommen *lach*.

  9. 59
    Taylan Kurt sagt:

    @Susanne: Kann mich deinem ersten Kommentar nur anschließen. Diese Situation haben wir auch in der SPD, weshalb es auch aber in meinen AUgen immer nötig ist, immer die Belange der ALteingessesenen im Auge zu behalten.

  10. 60
    Rané sagt:

    Und die SPD könnte, wenn sie so in Berlin weitermacht, vor die Hunde gehn. Genossen, analysiert endlich mal eure Geschichte und eure Fehler. Bei einem weiter so wird Willy Brandt so im Grab routieren, dass darüber ein Tornado entsteht, der dann eure nach ihm benannte Parteizentrale zum Einsturz bringt.

  11. 61
    Taylan K. sagt:

    @ Rané: Wir analysieren und arbeiten dran.:-)

  12. 62
    Susanne Torka sagt:

    Über 20 Jahre Stadterneuerung in Prenzlauer Berg ist ein Beitrag von Andrej Holm zu lesen:
    http://gentrificationblog.wordpress.com/2010/08/06/berlin-auf-dem-weg-in-die-zitadellenokonomie/

  13. 63
    im Netz entdeckt sagt:

    Hier mal wieder eine der vielen Betrachtungen von Moabit mit Hoffnung auf einen kräftigen Aufwärtstrend durch neue Investoren – hier heißt es sogar dem Abwärtstrend entgegenwirken:
    http://www.berlin-visavis.de/node/515

  14. 64
    Geoffrey sagt:

    Das ist mal ein gut geschriebener Beitrag, mein Dank. Muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Generell finde ich die Seite leicht zugaenglich.

  15. 65

    Im Artikel von Harald Martenstein, Tagesspiegel am 8.2.12, geht es zwar nicht um Moabit sondern um „Gentrifizierung im Graefe-Kiez“, geschrieben aus eigener Betroffenheit. So schön wie Martenstein kann das wohl kaum jemand auf den Punkt bringen: „Monokultur laugt die Böden aus, in dieser Hinsicht ähneln sich Landwirtschaft und Stadtsoziologie“.
    Und noch ein paar Zitate, die vielleicht neugierig machen:
    „Das alles vollzieht sich in Zeitlupe, nicht radikal, nicht schnell, sondern Schritt für Schritt, Haus für Haus“ …
    „Und ich weiß genau, dass hier etwas entsteht, entstehen könnte, was denen, die herziehen, und die ja keine Monster sind, sondern ganz normale Leute, nur halt mit guten Jobs, nicht gefallen dürfte. Indem man kommt, macht man es kaputt, wie der Rucksacktourist, der einen einsamen Strand entdeckt, an dem dann zehn Jahre später ein Klubhotel steht.“ …
    Der Rucksachtourist weiß das und entdeckt trotzdem immer neue Landschaften.
    „Aber er bedeutet, dass es am Ende, wenn der Prozess der Gentrifizierung abgeschlossen ist, keine Gewinner geben wird, sondern nur Verlierer. Die Armen wohnen woanders, und den Reichen gefällt es nicht mehr. Denn sie wollten eigentlich gar nicht unter sich sein. Sie wollten niemanden vertreiben. Sie wollten es doch nur schön haben, lebendig, ohne Monokultur.“ …
    „Eine Stadt entwickelt sich immer, man kann sie nicht in einem bestimmten Zustand einfrieren, auch wenn man diesen Zustand schön findet.“ …
    „Vom wachsenden Wohlstand haben ja auch diejenigen etwas, die nicht für die neuen Jobs zum Beispiel in den Kreativbranchen infrage kommen und die rettungslos am Tropf des Staates hängen. Die Stadt nimmt Geld ein, wenn es Jobs gibt, und von diesem Geld bezahlt sie unter anderem ihre sozialen Leistungen. Das vergessen diejenigen, die gegen die Gentrifizierung protestieren und von Vertreibung durch die Reichen reden. Die Reichen sind es ja, die über Steuern dafür sorgen, dass der Staat und die Stadt etwas zu verteilen haben, und, na klar, irgendwo müssen sie wohnen.“
    Hoffen wir dass er mit folgendem recht hat:
    „Vielleicht bin ich naiv, aber ich glaube nicht, dass Berlin jemals eine Stadt ohne Nischen, Leerstellen und Abenteuerspielplätze sein wird. Kein Regime und kein System hat Berlin jemals ganz in den Griff bekommen.“
    Artikel lesen:
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/gentrifizierung-wie-sich-der-graefekiez-in-kreuzberg-veraendert/6148476.html

    … und ein Blick in die Geschichte:
    http://www.moabitonline.de/7007

  16. 66
    Zeitungsleser sagt:

    Zur Debatte „Wem gehört die Stadt?“ bringt die Berliner Zeitung eine neue Serie, die heute mit einem Beitrag aus der Bergmannstraße in Kreuzberg startet:
    http://www.berliner-zeitung.de/wem-gehoert-die-stadt-/gentrifizierung-in-kreuzberg-wem-gehoert-die-stadt-,14947804,14948502,item,0.html
    Aus dem Blickwinkel eines vor 11 Jahren zugezogenen Bewohners, der sich fragt, ob schon damals mit jedem neuen schönen Geschäft und Restaurant, über das sich alle gefreut haben, nicht schon alles anfing.
    Ein Dilemma! Wer weiß, vielleicht geht es uns Moabitern auch bald ähnlich.

  17. 67
    Rané sagt:

    Nun, gegen die steigenden Mieten gibt es die Mietervereine. Was das Spannungsfeld „Kiez und Metropole“ betrifft, lebt Berlin wie auch andere Metropolen dieser Welt, u.a. von den Touristen. Aber von kulturinteressierten und nicht von „Sauftouristen“. Dann das m.E. weitaus größere Problem unserer Stadt ist der überzogene Lärmschutz, der zunehmend die kreative Substanz von Berlin bedroht. Da ziehen „Neuberliner“ über einem lange bestehenden Club, Veranstaltungslokal, Kino oder KITA ein und beschweren sich über Lärm. Warum leben wir hier und nicht in irgendeiner Provinz ?

  18. 68
    Rané sagt:

    Und liebe Leute, wenn ihr eine Metropole mit allen Vor- und Nachteilen nicht ertragen könnt, zieht aufs Land, die Mauer gibt es ja nicht mehr.

  19. 69
    Hans Richter sagt:

    Tja, irgendwelche Leute wollten ja, das Berlin Hauptstadt wird, und was haben wir jetzt? Weniger Freiheit, steigende Mieten und mehr Spießigkeit. Wären die bloß in Bonn geblieben 😀

  20. 70
    Moabit Fan sagt:

    habe gerade im Netz einen kleinen Dokumentarfilm über Moabit entdeckt „Moabit – Was ist das?“ von lookzoom, der 2004 den Alex gewonnen hat, sehr interessant die Außen- und die Innen-Wahrnehmung:
    http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=romEePZWngs

  21. 71
    Zeitungsleser sagt:

    Der Artikel beschreibt zwar eigentlich das neue Theater, das von Mitte nach Moabit gezogen ist, aber ist auch eine irgendwie komisch zusammengemixte Stimmungsbeschreibung, na ja, mal sehn, was die anderen so davon halten:
    http://www.morgenpost.de/kultur/theater/article116238699/Warum-Moabit-fuer-das-theater-89-der-bessere-Standort-ist.html

  22. 72
    Rané sagt:

    Mutig vom Theater89, wünsche viel Glück. Zwar gibt es noch das Theaterspektakel und das Fabriktheater, doch Hansatheater und Berliner Kammerspiele sind Vergangenheit. Dann ist das ATZE-Musik-Theater im Wedding gefährdet und auch von Zeit zu Zeit immer wieder das Grips-Theater. Nachhaltige Kulturpolitik sieht anders aus.

  23. 73
    Zeitungsleser sagt:

    Auch hier wieder Moabit-Beschreibung beim Kiezrundgang mit neu Zugezogenen in der Mopo:
    http://bezirke.morgenpost.de/mitte/zu-fuss-durch-die-neue-heimat

  24. 74
    Netz-gucker sagt:

    ein Umzug von Prenzlauer Berg nach Moabit – herrlich beschrieben:
    http://www.weibblick.com/alltag/wohnungswechsel/good-bye-prenzlauer-berg-2/

  25. 75
    Rané sagt:

    Nun, ich ziehe demnächst in eine Wohnung in Steglitz, abseits vom Berliner Kiezgelabere und bin heilfroh darüber. Denn mich interessieren kulturelle Projekte unabhängig von Kiezen, Städten und Ländern. Und ich kann alle vor zu viel Kiezengagement warnen, denn der „Kiez“ wird es dir nur selten danken. Er leidet oft an Alzheimer. Auch turteln im Kiez zu viel Egomanen umher, die eher nach dem Motto handeln „Wie kriege ich mein Projekt durch“, Kooperationen haben Seltenheitswert. Also eher „Jeder gegen Jeden“. Natürlich gibt es auch
    Ausnahmen, die sind selten. Darum ist der Umzug von Prenzlauer Berg nach Moabit wahrlich nicht der Hit.

  26. 76
    Zeitungsleser sagt:

    Die neueste Zitty bescheinigt den Moabitern Selbstironie:
    http://www.zitty.de/moabit-ein-stadtteil-mit-talent-zur-selbstironie.html

  27. 77
    Hinzugezogener sagt:

    Eine wirkliche Gentrifizierung bzw. Verdrängung findet in Berlin Moabit statistisch betrachtet nicht statt. Für Transferleistungsbezieher ist ein Zuzug/Umzug nach bzw. innerhalb Berlin Moabit/Berlin Mitte insgesamt aber sehr viel schwieriger geworden, da die gestiegenen Wohnraummieten in diesen Bezirken nicht den Regelsätzen für Transferleistungsbezieher entsprechen. Das kann man bedauerlich finden, aber ein konkretes einklagbares Recht auf Leben im unmittelbaren innerstädtischen Bereich gibt es nun mal nicht. Eine schlagartige Aufwertung Moabits ähnlich wie im Prenzlauer Berg wird nicht stattfinden. Dafür fehlt es schon an den hierfür notwendigen stattlichen Anreizen für Wohnungshauseigentümer. Der „Gentrifizierungsprozess“ wird schleichend über die nächsten 15-25 Jahre stattfinden. Das beginnt mit der Europacity, den Renovierungen der wunderschönen Gründerzeitgebäude am Bundesratsufer und mündet in der sukzessiven Renovierung der Gebäude der 60&70 Jahre sowie durch eine daraus logisch resultierende Erhöhung der Mieten. Wer also hier als Geringverdiener bzw. Transferleistungsbezieher lebt, wird nicht verdrängt – wie es oftmals dargestellt wird. Lediglich ein Zuzug neuer Transferleistungsbezieher wird wahrscheinlich aufgrund des neuen Preises am Mietmarkt ausbleiben. Das kann man natürlich wie in Berlin üblich mit exzessiven Eingriffen in das Eigentumsrecht der Eigentümer – ich bin übrigens selbst Mieter – versuchen zu begrenzen. Es wird aber nicht erfolgreich sein. Marktwirtschaftlich betrachtet, wird es die Problematik nur noch verschärfen. Erst kürzlich wurde mir berichtet, dass ein Eigentümer von Wohnhäusern in Moabit diese in den nächsten Jahren kernsanieren möchte und gerade wegen dieser absurden Mietpreisbremse nicht mehr dem Mietermarkt zur Verfügung stellen wird, da Sie als Eigentumswohnungen verkauft werden sollen. Ich denke es hilft die Emotionen in dieser Debatte zurückzufahren. Es wird keiner verdrängt, aber die Dinge werden eben nicht so bleiben wie sie sind. Damit entstehen, natürlich auch neue Chancen gerade für die Leute im Kiez. Schicksale wie in der Calvinstraße, wo – so stellt es sich für mich zumindest dar – auf eine sehr agressive Art und Weise saniert werden soll, gehören aber deutlich kritisiert.

  28. 78
    max sagt:

    @77
    „Eine wirkliche Gentrifizierung bzw. Verdrängung findet in Berlin Moabit statistisch betrachtet nicht statt.“
    Welche Statistik haben Sie denn hier zu Rate gezogen? Würde ich mir auch gern mal ansehen.

    Insgesamt finde ich es interessant, dass Sie eine schlagartige Gentrifizierung ablehnen, eine schleichende über 15-25 Jahre aber offenabar gut finden. Als Mensch der diese 15-25 Jahre sicher noch erleben wird frage ich mich ob es nicht eher die Gentrifizierung an sich ist die man ablehnen sollte, da das Ende in beiden Fällen gleich ist. Ob es nun in 5, 15 oder 25 Jahren ist. Ein durch und durch gentrifizierter Stadtteil ist für mich nicht erstrebenswert.

  29. 79
    Hinzugezogener sagt:

    Unter Gentrifizierung verstehe ich die Verdrängung einer vorhandenen Bevölkerungsstruktur. Das passiert aber eben gerade nicht in Moabit. Schauen Sie sich die Statistik der Transferleistunsgbezieher an, es werden nicht weniger in Moabit. Natürlich ziehen auch Leute weg und andere neu hinzu, aber dies ist doch im städtischen Bereich absolut gängige Praxis. Ich wohne mit Unterbrechungen seit 1998 in Berlin. Erst in Steglitz, dann in Mitte jetzt in Moabit…und irgendwann vielleicht wieder woanders. Man könnte den Eindruck gewinnen, als ob es den Moabitern lieber wäre, niemand würde hinzuziehen. Um es unmissverständlich zu formulieren: ich hoffe Moabit wird nie so künstlich wie der Prenzlauerberg…aber in einem gesunden Maß an Veränderung kann man doch keine Gefahr für die Bevölkerungsstruktur in Moabit sehen. Aber vielleicht wollen manche auch lieber einen „Moabiter Jurassic Park“ ohne jegliche Veränderung und Einflussnahme von außen. Ich hoffe weiter auf einen kontinuierlichen Wandel. Wenn Moabit aber in 20 Jahren genauso sein wird wie jetzt, dann haben wir wohl alle was falsch gemacht…

  30. 80
    Aro Kuhrt sagt:

    @Hinzugezogener
    Das ist ein beliebtes Totschlagargument, die Gegner von Gentrifizierung als fremdenfeindlich zu diskriminieren. Es geht hier nicht darum, dass niemand herziehen soll oder dass es keine Veränderungen geben soll, sondern darum, in welche Richtung diese Veränderungen gehen.
    Wer etwas anderes behauptet, blickt entweder die Kritik nicht oder benutzt absichtlich diffamierende Argumente.

  31. 81
    prolet sagt:

    Ich denke, daß ein Problem dieser Debatte die – egal, ob gewollte oder ungewollte – Reduzierung auf „Hartzer“ (angeblich schlecht) und „Nicht-Hartzer“ (angeblich gut) ist. In Wahrheit ist der von Verdrängung betroffene Kreis doch sehr viel größer und vor allem auch anders, auch wenn die lange Zeit polemisch ausgeschlachtete Trümmerfrau fast nicht mehr zu finden ist: Rentner mit kleinen Renten (die zum Teil schon seit Jahrzehnten hier leben!), Studenten ohne reiche Eltern, ausländische Werktätige in einfachen Tätigkeiten u.s.w. All diese machen eben die Mischung aus, die durch den Rasenmäher der Luxusmodernisierung ohne Unterschied beseitigt wird, ob nun im Sauseschritt, wie in Prenzlauer Berg, oder schleichend, wie in Moabit.

  32. 82
    Zeitungsleser sagt:

    Eine Liebeserklärung an Moabit hat Tycho Schildbach kürzlich in der Berliner Zeitung veröffentlicht:
    http://www.berliner-zeitung.de/berlin/eine-liebeserklaerung-an-moabit-warum-moabit-kein-problemkiez-ist,10809148,30836774.html

    Ich werde ein bisschen wehmütig, wenn ich das lese, teilweise ist es ja immer noch so multikulti und bodenständig, aber „es gibt nur Kneipen“ und keine Roof-Top-Bar, das stimmt so nun wirklich nicht mehr. Die alternativen Läden sprießen nur so an jeder Ecke – ist ja auch nett, man muss nicht mehr so weit fahren …
    Aber, wie ist der ganze Trend zu stoppen? Die Mieten explodieren! Die Wohnungen werden zu Eigentumswohnungen!!
    … und die neu ausgebaute Bolle-Event-Location mindestens hat eine Bar auf der Dachterrasse:
    http://www.berliner-zeitung.de/berlin/bolle-meierei-in-berlin-moabit-alte-industriebauten-werden-spektakulaere-partylocation,10809148,30899954.html

  33. 83
    Zeitungsleser sagt:

    Zwei Artikel über Moabit, die zwar schon bei anderen Artikeln gepostet wurden, passen eigentlich hier besser, auch wenn dieser Artikel schon mehr als 7 Jahre alt ist – Gentrifizierung = Verdrängung hat nur noch zugenommen!
    http://www.morgenpost.de/bezirke/mitte/article206880617/Ein-Kulturhaus-fuer-Moabit.html
    und
    http://www.berliner-zeitung.de/berlin/berliner-kieze-moabit-ist-bunt-gemischt-und-immer-in-bewegung,10809148,33044512.html

  34. 84
  35. 85
    vilmoskörte sagt:

    Na ja, mit dem Qualitätsjournalismus ist es im Hause Tagesspiegel auch schlecht bestellt, verlegt der Redakteur doch in seinem Artikel Feuerland einfach nach Moabit. Hier qualmten zwar (später) auch die borsigschen Kamine, aber Feuerland hieß in der Mitte das 19. Jahrhunderts das Industriegebiet an der Chausseestraße zwischen Oranienburger Tor und Liesenstraße (siehe Feuerland in der Wikipedia)

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